LONDON (IT BOLTWISE) – Die Sterbebegleitung in Pflegeheimen und im ambulanten Bereich soll bis Ende 2026 um 40 Prozent zunehmen. Regionale Projekte setzen dafür auf Pilotprogramme wie „Gemeinsam begleiten. Bis zuletzt.“ sowie Befähigungskurse für Ehrenamtliche ab Oktober. Parallel werden Entlastungsangebote für pflegende Angehörige und neue Qualifizierungen in der Pflege ausgebaut. Gleichzeitig sorgt der Streit um das Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) für Unsicherheit bei der Refinanzierung von Löhnen und Entlastungsbeträgen.

Die Sterbebegleitung rückt in der deutschen Pflegeplanung spürbar nach vorn, und zwar nicht als randständiges Zusatzangebot, sondern als Teil einer neuen Versorgungslogik. Laut Prognosen soll die Zahl der Begleitungen bis Ende 2026 um 40 Prozent steigen. Damit erhöht sich der Druck auf Teams in stationären Einrichtungen und auf ambulante Strukturen gleichermaßen, weil Begleitung in der letzten Lebensphase selten „nur“ organisatorische Arbeit ist: Pflegekräfte müssen in Situationen entscheiden, in denen Zeitdruck, emotionale Belastung und komplexe medizinische Verläufe gleichzeitig auftreten. Der Fachkräftemangel macht das zusätzlich schwierig, denn nicht jedes Haus kann kurzfristig zusätzliche Unterstützung nachziehen.
Genau an diesem Punkt setzen regionale Initiativen an, die das Pflegepersonal nicht nur fachlich, sondern auch psychisch resilienter machen sollen. Ein Beispiel ist der PAFARI-Lehrgang, den die Feuerwehr Osnabrück Anfang August trainierte: Unter Atemschutz sollen Teilnehmende ruhig bleiben und den Luftverbrauch kontrollieren. Übertragbar ist daran vor allem die Methodik, unter Belastung Routine zu sichern und Ressourcen im Blick zu behalten. Im Pflegealltag bedeutet das: stressreiche Pflegesettings erfordern stabile Abläufe, klare Priorisierung und eine Kommunikation, die auch in angespannten Momenten funktioniert. Neben solchen Trainings rücken aber auch konkrete Konzepte für Sterbebegleitung in die Umsetzung, etwa das Pilotprojekt „Gemeinsam begleiten. Bis zuletzt.“ in Braunschweig, das die stationäre Sterbebegleitung in Pflegeheimen optimieren soll.
Während stationäre Begleitung ausgebaut wird, wächst parallel der organisatorische Unterbau für ambulante Angebote. In Bottrop bereitet ein mehrmonatiger Befähigungskursus ab Oktober Ehrenamtliche auf die ambulante Sterbebegleitung vor. Das ist mehr als eine reine „Auffrischung“, weil ambulante Begleitung häufig in eng getakteten Versorgungsnetzwerken stattfindet, die von Pflegediensten, Angehörigen, Hausärzten und weiteren Beteiligten getragen werden. Damit Ehrenamtliche hier verlässlich unterstützen können, braucht es Schulungsformate, die Rollen klären, Grenzen definieren und kommunikative Standards in den Alltag übersetzen. Die Entwicklung zeigt zudem, dass Versorgungskonzepte zunehmend auf Mischformen setzen: professionalisierte Koordination, flankiert durch gezielte Unterstützung aus dem Ehrenamtsbereich.
Ein zweiter Strang der Anpassung betrifft die Entlastung von pflegenden Angehörigen, denn deren Belastung wirkt direkt auf die Versorgungsqualität. In Templin richtet sich die Seminarreihe „Hilfe beim Helfen“ ab September an Angehörige von Demenzkranken. Acht Termine sollen Wissen und Entlastungsmöglichkeiten vermitteln; im Anschluss ist der Aufbau einer Selbsthilfegruppe vorgesehen. Solche Strukturen sind wichtig, weil Angehörige häufig als Schnittstelle zwischen medizinischer Versorgung und täglicher Betreuung fungieren. Gerade bei Gedächtnisproblemen verändern sich Anforderungen im Alltag schleichend, was zu Überlastung führt, wenn die Unterstützung zu spät einsetzt. Angebote werden in der Regel von Krankenkassen und regionalen Bildungswerken organisiert, wodurch sich für Akteure in der Region relativ kurze Wege zwischen Bedarf und Qualifizierung ergeben können.
Auch auf der Personal- und Qualifizierungsebene wird umgebaut, allerdings mit einer klaren Ausrichtung Richtung Spezialisierung und internationaler Rekrutierung. Eine Schule für Gesundheitsberufe im Bergischen Land meldete zuletzt einen Jahrgang mit Absolventen aus Ägypten, Brasilien und China; von 27 Prüfungsteilnehmern bleibt ein Großteil beim Ausbildungsträger, andere planen ein Studium. Parallel entsteht in Duisburg eine Qualifizierung für Pflegefachkräfte, die sich auf Kinder und Jugendliche spezialisieren soll. Beide Entwicklungen zielen auf eine ähnliche Wirkung ab: Versorgungsqualität soll auch in komplexen Pflegefeldern stabil bleiben, wenn das System insgesamt unter Personalknappheit leidet. Entscheidend ist dabei die Verzahnung von Ausbildung, Spezialisierung und Einsatzplanung, sonst bleibt die Spezialisierung ohne echte Entlastungswirkung.
Während Projekte und Qualifizierungen voranschreiten, bleibt die finanzielle Grundlage politisch umkämpft. Die Diakonie im Kirchenkreis Kleve kritisiert den Entwurf zum Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG) scharf: Tarifliche Lohnsteigerungen könnten künftig nicht vollständig refinanziert werden, zudem drohten Entlastungsbeträge für bestimmte Pflegegrade wegzufallen. In der Politik werden Modifikationen diskutiert, darunter geplante Rentenkürzungen für pflegende Angehörige und Entlastungsgrenzen für Heimbewohner mit hohen Eigenanteilen. Als Alternative wird ein verpflichtender Ausgleich über die private Pflegeversicherung genannt, dessen Volumen bei über drei Milliarden Euro liegen soll. Für Einrichtungen und Pflegedienste erhöht diese Debatte die Planungsunsicherheit, weil Personalentscheidungen, Qualifizierungskosten und die Ausstattung für neue Begleitformate unmittelbar von Refinanzierungsregeln abhängen.
Darüber hinaus verändert sich das Krankheitsbild, was mittel- bis langfristig auch die Anforderungen an Sterbebegleitung und Pflege insgesamt beeinflusst. Eine schwedische Langzeitstudie beschreibt, dass bei 60- bis 90-Jährigen Herzinfarkt- und Schlaganfallraten deutlich sinken, während Krebsdiagnosen zunehmen. Gleichzeitig zeigt die NAKO-Studie Lücken in der Früherkennung: Bei 195.000 untersuchten Erwachsenen wiesen fast 20 Prozent auffällige Nierenwerte auf, die meisten wussten nichts davon. Fachleute fordern deshalb stärkere Screening-Verfahren und Anpassungen medizinischer Leitlinien, um chronische Erkrankungen früher zu erkennen und Folgekosten zu begrenzen. Für die Praxis bedeutet das: Wenn Diagnosen später oder unentdeckt bleiben, verschiebt sich die Verlaufskurve Richtung komplexere Betreuungssituationen, in denen belastbare Begleit- und Pflegekonzepte noch wichtiger werden.
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