MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die wirtschaftlichen Folgen des Iran-Kriegs treffen nach Berechnungen des Münchner Ifo-Instituts Haushalte mit niedrigem Einkommen besonders hart. Die zehn Prozent einkommensschwächsten Gruppen verlieren demnach bis zu 2,87 Prozent ihres verfügbaren Einkommens durch Kaufkraft- und Konsumrückgänge. Bei den stärkeren Einkommen fällt der Effekt dagegen deutlich geringer aus. Gleichzeitig geraten Rentner und Rentnerpaare überdurchschnittlich unter Druck, weil ihnen ein Lohneinkommen als Puffer fehlt und Heiz- sowie Energiekosten stark ins Gewicht fallen.

Der Preisschock, den der Iran-Krieg auslöst, wirkt nicht gleichmäßig über alle Einkommensgruppen hinweg. Das Münchner Ifo-Institut leitet aus einem Vergleich der Konjunkturprognosen vor und nach Kriegsbeginn ab, wie stark sich die Preisentwicklung auf die verfügbaren Einkommen verschiedener Haushaltstypen auswirkt. Besonders deutlich zeigt sich der Effekt bei Menschen mit wenig finanzieller Reserve: Die zehn Prozent einkommensärmsten Haushalte verlieren demnach bis zu 2,87 Prozent ihres verfügbaren Einkommens. In derselben Rechnung liegt die Veränderung bei den einkommensstärksten Haushalten bei nur 0,65 Prozent. Damit wird aus einem geopolitisch ausgelösten Ereignis ein Verteilungsproblem im Alltag.
Wichtig ist dabei der Mechanismus hinter den Zahlen. Der Ifo-Ansatz übersetzt Differenzen in den Wirtschaftspfaden in Kaufkraftverluste: Steigen die Preise für energie- und transportrelevante Güter, sinkt die reale Kaufkraft eines Haushalts, selbst wenn nominale Einkommen unverändert bleiben. Seit Ende Februar, also seit Beginn des Kriegs, haben sich laut Ifo vor allem die Preise für Heizöl und Kraftstoffe spürbar erhöht. Gerade Kraftstoffe spielen in Preisweitergaben eine Schlüsselrolle, weil höhere Transportkosten nicht bei den Tankstellen stehen bleiben, sondern auf andere Güter durchschlagen. Das betrifft nicht nur Mobilität, sondern auch Grundnahrungsmittel, Logistikleistungen und eine Vielzahl vor- und nachgelagerter Produkte, die im Budget der unteren Einkommenssegmente überdurchschnittlich stark vertreten sind.
Die Ifo-Berechnungen ordnen den Effekt außerdem mit Blick auf das „Ausweichen“ der Konsumenten ein. Die Institute weisen darauf hin, dass die errechneten Werte Obergrenzen darstellen, weil Verbraucher bei starken Preiserhöhungen in der Regel ihr Konsumverhalten anpassen. Wer zum Beispiel die Ausgaben für bestimmte Güter reduziert oder stärker auf günstigere Alternativen ausweicht, kann den unmittelbaren Kaufkraftverlust teilweise abfedern. Gleichzeitig macht genau diese Gegenbewegung das Ergebnis nicht automatisch weniger relevant, sondern verschiebt die Form des Schadens: Aus „weniger Kaufkraft“ kann auch „weniger Konsum“ werden – oder „Konsumverschiebung“ hin zu Produkten, die in der Lieferkette kostengünstiger bleiben. Der zentrale Punkt bleibt: Haushalte mit niedrigerem Einkommen haben weniger Spielraum, um auf Preissignale flexibel zu reagieren.
In der Gesamtsicht gehen die Ifo-Forscher davon aus, dass die Konsumausgaben der deutschen Haushalte durch den Iran-Krieg und seine Folgen rund 16,8 Milliarden Euro höher ausfallen. Das klingt auf den ersten Blick widersprüchlich zu den Kaufkraftverlusten und lässt sich nur im Kontext der Preis- und Mengenwirkung interpretieren: Höhere Preise können dazu führen, dass für denselben Warenkorb mehr nominale Ausgaben nötig werden, selbst wenn real weniger konsumiert wird. Im Durchschnitt aller Haushalte entspricht der Verlust dennoch rund 1,15 Prozent des verfügbaren Einkommens. Für die politische Debatte ist zudem entscheidend, dass Ifo explizit auf das Fehlen eines europäischen Preisdeckels verweist, wie er in der Energiekrise 2022 zeitweise diskutiert und umgesetzt wurde. Ohne solche Dämpfer landet ein Großteil der Last laut Ifo „fast ungebremst“ bei den Haushalten – und dort besonders bei denen mit niedrigen Einkommen.
Besonders stark betroffen sind neben Geringverdienern auch ältere Menschen. Rentnerpaare verlieren demnach 1,53 Prozent ihres Einkommens durch den Preisschock, alleinlebende Senioren 1,45 Prozent. Die Begründung ist relativ unmittelbar: Rentner verfügen im Regelfall nicht über ein Lohneinkommen als Puffer, wenn Preise steigen. Gleichzeitig entfällt ein überdurchschnittlicher Anteil des Budgets auf Heiz- und Energiekosten. Dadurch wird aus einer Preiskrise eine Kostenkrise im Alltag, in der selbst moderate Preissteigerungen spürbare Effekte auf die monatliche Lebensführung haben. Für die Sozial- und Finanzplanung heißt das: Nicht nur die Höhe der Energiepreise ist relevant, sondern auch die Frage, wie stark der Konsumbedarf in der jeweiligen Lebensphase auf energieintensive Ausgaben ausgerichtet ist.
Konjunkturell betrachtet zeigt die Ifo-Analyse damit auch eine wichtige Kette: Höhere Energie- und Transportkosten drücken die reale Kaufkraft, und eine eingeschränkte Kaufkraft wirkt wiederum auf Konsumnachfrage und wirtschaftliche Dynamik. Gerade bei Haushalten mit niedrigen Einkommen ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass Konsum nicht nur „verschoben“, sondern teilweise reduziert wird, etwa bei nicht zwingenden Ausgaben oder durch Verzögerungen bei Anschaffungen. Bei höheren Einkommen hingegen ist die Anpassungsfähigkeit oft größer, sei es durch Rücklagen, Nachfragespielräume oder die Möglichkeit, steigende Kosten über andere Budgetpositionen abzufedern. Der Verteilungseffekt wird so zu einem makroökonomischen Verstärker: Unterschiedliche Einkommensgruppen reagieren nicht nur unterschiedlich stark, sie beeinflussen auch den gesamtwirtschaftlichen Konsumpfad verschieden.
Für Unternehmen und Politik lässt sich aus der Studie vor allem eine Priorität ableiten: Maßnahmen zur Krisenfestigkeit müssen die betroffenen Gruppen frühzeitig im Blick haben. Wenn der Preisimpuls bei Heizöl und Kraftstoffen ansetzt und in andere Güter hineinwirkt, sind reine Einzeldämpfer bei einzelnen Produkten oft zu kurz gegriffen. Stattdessen braucht es Mechanismen, die Kaufkraftverluste in betroffenen Budgets adressieren, etwa über zielgenaue Entlastungen, verständliche Energie- und Mobilitätshilfen oder Instrumente, die Haushalte in der Preisweitergabephase entlasten. Für die operative Planung in der Wirtschaft bedeutet das zudem, dass Nachfragerisiken nach Einkommenssegmenten differenziert werden sollten: Nicht jeder Markt reagiert gleich, und nicht jede Kundengruppe kann Preissignale im gleichen Tempo abfedern.
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