MOUNTAIN VIEW / LONDON (IT BOLTWISE) – DeepMinds langjähriger CEO Demis Hassabis gibt den operativen Titel ab und wechselt in eine Vorsitz-Rolle. Gleichzeitig übernimmt der technische Chefs Koray Kavukcuoglu die täglichen Abläufe in Richtung Mountain View. Die internen Reaktionen reichen von „sehr gemischt“ bis zur Sorge, die Trennung von DeepMind werde weiter abgebaut. Parallel häufen sich Hinweise auf Model- und Prioritätsprobleme bei der Gemini-Roadmap sowie auf einen zunehmend erbitterten Konflikt um Verteidigungs- und Cloud-Deals.

Der Wechsel an der Spitze von DeepMind trifft eine Organisation, die ohnehin unter Zeitdruck steht. Nachdem Google-Chef Sundar Pichai Hassabis bereits zum Ende des Tages in London neu eingeordnet hatte, wurde kurz darauf intern und in der Öffentlichkeit deutlich, dass sich die Personal- und Prozesslandschaft im Labor schnell verändert. Hassabis, Mitgründer und langjähriger „steward“ von DeepMind, gibt den CEO-Titel ab und wechselt in eine Vorsitz-Position. Das allein wäre in vielen Konzernen schon eine spürbare Verschiebung gewesen; die zusätzliche Umbesetzung der operativen Steuerung macht daraus aber eine strategische Richtungsfrage: Koray Kavukcuoglu übernimmt die täglichen Abläufe als Senior Vice President und berichtet direkt an Pichai statt weiterhin ein eigenständiges DeepMind-CEO-Setup zu bilden.
Technisch und organisatorisch ist die Signalwirkung groß, weil sich damit Entscheidungswege im Verhältnis zu Google verkürzen können – und genau das wird von vielen DeepMind-Mitarbeitern offenbar als Verlust von Autonomie gelesen. Mehrere Ingenieurinnen und Ingenieure beschreiben die Umstellung als strukturelle Machtverschiebung von London nach Mountain View. Ein Mitarbeiter charakterisiert den Schritt als „small step, but gradually continuing the trend“, ein anderer spricht von Ärger und dem Gefühl, Demis gehe zwar nicht vollständig, aber zunehmend in den Hintergrund. Die Unternehmensdarstellung hält dagegen: Eine Google-Sprecherin bzw. ein Sprecher betont, Hassabis und ein Großteil der DeepMind-Führung würden weiterhin in London sitzen, und Kavukcuoglu solle zwar operativ führen, die Forschungsteams aber unter separater Führung und mit Forschungsautonomie arbeiten. Für die Praxis bedeutet das: Selbst wenn Autonomie auf dem Papier bestehen bleibt, verlagern sich unternehmensweit Prioritäten oft über Budgets, Zielvereinbarungen und die Frage, wie „Top-Fähigkeiten“ in der Pipeline priorisiert werden.
Der Hintergrund liefert die nächste Spannungsebene, denn der angekündigte Führungswechsel fällt in eine Phase, in der Google DeepMind im Wettbewerb um frontiernahe Modellleistungen und um agentische Fähigkeiten nach Einschätzung vieler Insider „wieder hinterherläuft“. Besonders sichtbar wird das an Verzögerungen rund um Gemini 3.5 Pro: Laut den im Text erwähnten Aussagen habe das Modell mehrere Release-Ziele verpasst. Drei DeepMind-Ingenieure machen dabei vor allem aus, dass Google coding-fokussierte Fähigkeiten zu wenig priorisiert habe. Auch ein externer Blick über Benchmarks liefert hier Argumentationsmaterial: Micah Hill-Smith, Mitgründer und CEO der Benchmark-Organisation Artificial Analysis, sagte sinngemäß, Google habe zeitweise die führenden Modelle gestellt, aktuell wirke die Google-Variante aber weniger überzeugend. Gleichzeitig wird im Text der Wandel sichtbar, wie wichtig „Coding agent“-Workflows inzwischen für Consumer-Produkte geworden sind: Entwickler-Tools wie Claude Code oder Codex von OpenAI werden als Baustein für eine neue Generation von Anwendungen genannt, während DeepMind offenbar gezwungen ist, die eigene Priorisierung kurzfristig nachzuschärfen.
Damit verbunden ist die Frage, warum der Wechsel jetzt kommt und nicht erst später. Aus Unternehmenssicht ist eine Neuausrichtung naheliegend, wenn Model-Delivery, Qualitätswahrnehmung und Talentbindung gleichzeitig leiden. Der Text beschreibt zudem eine Doppeldynamik aus technischer Überforderung und betrieblichem Druck: Die interne Stimmung habe sich mit einer Serie von Abgängen und verzögerten Releases weiter abgekühlt. Besonders gravierend ist die Abwanderung prominenter Köpfe: In einer einzigen Juni-Woche habe Google u. a. Gemini-Co-Lead Noam Shazeer an OpenAI verloren; zugleich soll John Jumper, AlphaFold-Mitentwickler und Nobelpreisträger, zu Anthropic gegangen sein. Solche Wechsel folgen laut den im Text geschilderten Motiven mehreren Strängen: aggressive Abwerbung durch zahlungskräftige Wettbewerber, Frustration über Rückstände im KI-Rennen und auch der Karriere- und Kapitalaspekt, weil manche Mitarbeitende vor einer möglichen Börsennotierung in „pre-IPO labs“ wechseln. Ergänzend kommt Belastungsarbeit hinzu: Ein weiterer Ingenieur beschreibt wiederholt lange Wochen von über 60 Stunden und argumentiert, dass Dauer-Crunch bei vielen Teams in Burnout mündet.
Noch politisch aufgeladener wird die Lage durch die Diskussion um Verteidigungs- und Sicherheitsverträge. Im April 2026 habe Google einen Deal mit dem Pentagon geschlossen, der die Nutzung von Gemini-Modellen auf klassifizierten Netzen für „jede rechtmäßige staatliche Nutzung“ erlauben soll. Parallel wird berichtet, dass mehr als 580 Mitarbeitende – darunter seniorere DeepMind-Forscher – in einem offenen Brief an Pichai appelliert haben, den Deal zu überdenken, u. a. wegen Bedenken hinsichtlich autonomer Waffen und massenhafter Überwachung. Das ist nicht nur ein Ethik- oder PR-Thema: Laut Text verschiebt sich damit auch die interne Machtbalance, weil sich Konfliktlinien typischerweise um Budgethoheit, Prioritätsplanung und Verantwortungsabgrenzung verdichten. Zusätzlich wird Project Nimbus erwähnt, ein Cloud-Computing-Abkommen von rund 1,2 Mrd. US-Dollar mit Amazon und dem israelischen Staat, das in Teilen des Teams ebenfalls auf Kritik stößt. Für einzelne Mitarbeitende scheint das bis hin zum Bruch zu führen: Alex Turner, der mehr als zwei Jahre im Bereich KI-Sicherheit gearbeitet habe, sei im Juni zurückgetreten und habe dabei den Pentagon-Deal als Auslöser genannt; Andreas Kirsch wird als prominenter Kritiker beschrieben, der den Vertrag öffentlich als „meaningless weasel words“ kritisiert habe und sich zugleich „incredibly ashamed“ darüber äußerte, mit dem Labor in Verbindung gebracht zu werden.
Vor diesem Hintergrund wirkt die organisatorische Reorg nicht wie eine isolierte Chefentscheidung, sondern wie ein Versuch, mehrere Probleme gleichzeitig in eine Richtung zu drücken. Hassabis selbst rahmt den Schritt in einem Schreiben an das Team als Freigabe von operativer Arbeit, damit er „Zeit und Raum“ habe, sich auf das „big picture“ und die langfristige Wissenschaftseinflussnahme zu konzentrieren: „Instead of selecting a new CEO for DeepMind, however, Pichai announced…“ – die Kernaussage des Briefes bleibt dabei, dass Hassabis den operativen Alltag abgibt. Dass Google kein neues DeepMind-CEO-Titelmodell installiert, sondern die Linie direkt zu Pichai führt, kann DeepMind schneller in die unternehmensweiten Produkt- und Deploymentschienen integrieren. Für Unternehmen außerhalb des Labors ist das vor allem relevant, weil solche Labore in der Regel nicht nur Modelle trainieren, sondern deren Umsetzung in Produkte und Plattformen entscheidend prägen: In der vertikalen Integration – vom Modell über Cloud bis hin zu Chips – sieht der Text außerdem einen strukturellen Vorteil, der eine schwächere „frontier“-Leistung im Model-Layer teilweise kompensieren könnte. Gleichzeitig bleibt das Risiko: Wenn die Umstrukturierung Autonomie spürbar reduziert und Burnout- oder Konfliktthemen nicht entschärft, kann aus „catch-up“ schnell ein weiteres Spiralmoment werden. DeepMind muss nun beweisen, dass Geschwindigkeit nicht nur organisatorisch behauptet wird, sondern sich in stabilen Releases, in besser priorisierten Coding-Agent-Fähigkeiten und in einem belastbaren Umgang mit inneren Konflikten übersetzt.
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