BAYERN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der AOK-Chef Markus Packmohr fordert einen grundlegenden Kurswechsel in der Diabetesprävention: Belastungen durch chronische Erkrankungen sollen früher gesenkt werden. Im Mittelpunkt steht ein Life-Course-Ansatz, der die Remission von Prädiabetes gezielt adressiert. In der laufenden LIFETIME-Studie wird dazu der Wirkstoff Dapagliflozin mit spezifischen Lebensstiländerungen kombiniert. Gleichzeitig verschärft der finanzielle Druck in der GKV die Debatte darüber, welche Präventionsprogramme sich real im Alltag der Kassen umsetzen lassen.

Life-Course-Ansatz: Dapagliflozin plus Lifestyle soll Prädiabetes remittieren
Life-Course-Ansatz: Dapagliflozin plus Lifestyle soll Prädiabetes remittieren (Foto: IT BOLTWISE)
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Die aktuelle Debatte um Diabetesprävention bekommt durch zwei Entwicklungen gleichzeitig Gewicht: medizinische Zielrichtung und finanzielle Umsetzbarkeit. Markus Packmohr, Chef der AOK, plädiert für einen grundlegenden Kurswechsel, weil eine steigende Krankheitslast und wachsende Ausgaben in der gesetzlichen Krankenversicherung den Spielraum für Prävention ausdünnen. Sein Ansatz zielt dabei nicht auf „später“ ansetzende Maßnahmen, sondern darauf, gesundheitliche Belastungen vor dem Lebensende spürbar zu senken und chronische Leiden frühzeitig zu adressieren. Genau hier setzt der Life-Course-Ansatz an, der Prävention über den gesamten Lebensverlauf denkt und die konkrete klinische Schwelle zur Erkrankung in den Fokus rückt.

Im Zentrum der Forderungen steht ein sogenannter Life-Course-Ansatz in der Diabetesprävention. Packmohr verweist dabei auf Empfehlungen eines internationalen Expertengremiums unter der Leitung der Universität Tübingen und des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD). Eine 2026 in Nature Medicine veröffentlichte Arbeit (DOI: 10.1038/s41591-026-04550-z) beschreibt offenbar einen Zehn-Punkte-Katalog, der nicht nur Prädiabetes als Risikostatus betrachtet, sondern Remission als medizinisch relevantes Ziel formuliert. Die Kernidee: Prädiabetes soll in einen gesunden Stoffwechselzustand zurückgeführt werden, um den Ausbruch eines manifesten Typ-2-Diabetes zu verhindern oder zumindest deutlich hinauszuzögern.

Operativ knüpft das Konzept an die laufende LIFETIME-Studie des DZD an. Dort analysieren Forschende die Wirksamkeit einer kombinierten Intervention aus Dapagliflozin und spezifischen Lebensstiländerungen. Aus technischer Sicht ist das weniger ein „einfaches Medikament vs. Verhalten“-Schema, sondern eine datengetriebene Logik, die Pharmakotherapie und Verhaltenskomponenten so zusammenführt, dass der Stoffwechsel nicht nur kurzfristig stabilisiert, sondern in eine Richtung gedrückt wird, die über Zeitraumeffekte relevant sein kann. Entscheidend ist dabei, dass der Life-Course-Gedanke nicht erst am Rand der Diagnose beginnt: Er versucht, den Übergang von Risikozustand zu Erkrankung früh genug zu beeinflussen.

Parallel zu dieser medizinischen Ausrichtung verschärft sich jedoch der Markt- und Kassenkontext. Für 2026 plant die AOK Baden-Württemberg Gesamtausgaben von 26,3 Milliarden Euro; der Zusatzbeitrag steigt zum Jahresbeginn um 0,39 Prozentpunkte auf 2,99 Prozent, was auf einen Gesamtbeitragssatz von 17,59 Prozent hinausläuft. Für rund 3,5 Millionen Mitglieder bedeutet das zusätzliche Belastungen: Arbeitnehmer sollen laut Angaben bis zu 136 Euro mehr pro Jahr zahlen, freiwillig Versicherte bis zu 272 Euro. Wenn Prävention gleichzeitig neue oder länger laufende Programme benötigt, rückt zwangsläufig die Frage nach Evidenz, Zielgruppenpräzision und Budgetwirkung in den Vordergrund.

Aus der Kassenseite kommt zudem der Hinweis, dass die Situation nicht nur angespannt, sondern strukturell schwer zu drehen ist. Der IKK e.V. warnt vor einer Verschärfung und nennt Schätzungen, nach denen das Defizit der GKV bis 2027 auf 30 Milliarden Euro anwachsen könnte. Um die Zusatzbeiträge durchschnittlich bei 2,9 Prozent zu stabilisieren, seien Einsparungen in Höhe von 19 Milliarden Euro erforderlich; gefordert werden dabei Strukturreformen statt kurzfristiger Sparpakete. In dieser Logik werden Präventionsinitiativen zu einer Art „Portfolio-Entscheidung“: Nicht jede Maßnahme kann skaliert werden, aber jene, die messbare Remission oder Verzögerung beim Übergang zu Typ-2-Diabetes versprechen, bekommen tendenziell den Vorzug.

Auch die politische und gesellschaftliche Ebene spielt hinein. Laut einer forsa-Umfrage im Auftrag des IKK e.V. äußern sich nur 20 Prozent der Versicherten zufrieden mit der aktuellen Gesundheitspolitik; in dieser Konstellation übernimmt Dr. Carsten Linnemann das Amt des Bundesgesundheitsministers. Er kündigt an, ein Primärversorgungssystem sowie eine umfassende Pflegereform voranzutreiben und dabei den zweiten Bericht der FinanzKommission Gesundheit abzuwarten. Gleichzeitig warnte die Ärzteschaft laut Quelle vor überhasteten Reformen: Der Präsident der Bundesärztekammer befürchtet Qualitätseinbußen und eine Überlastung der Mediziner durch wirtschaftlichen Druck und fordert einen Aufschub geplanter Maßnahmen, um die Versorgungssicherheit nicht zu gefährden.

Während Bundesebene und föderale Umsetzung miteinander ringen, entstehen auch regionale Beschleuniger. Die bayerische Gesundheitsministerin Judith Gerlach startete im August 2026 den Förderaufruf „Bayern in Bewegung – Bewegungsförderung weiterdenken“, mit Mitteln aus einem Präventionsfonds von bis zu 1 Million Euro für Projekte in der Gesundheitsförderung. Das passt inhaltlich zur Life-Course-Idee, weil Bewegung und Ernährung als lebensstilbezogene Hebel über längere Zeiträume Wirkung entfalten sollen. Ergänzend verweist die Quelle auf rechtliche und sicherheitsbezogene Risiken: 79 Krankenkassen klagen derzeit gegen den Bund bezüglich der Erstattung von Bürgergeldkosten, und zudem kursieren gefälschte E-Mails im Namen der AOK, die angeblich zu Überweisungen auf kriminelle Konten auffordern. Für Kassen und Anbieter ergibt sich daraus eine doppelte Aufgabe: medizinische Prävention evidenzbasiert skalieren und gleichzeitig Datenschutz sowie IT-Sicherheit im Umgang mit Versicherten konsequent absichern.


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