SAN FRANCISCO / LONDON (IT BOLTWISE) – David Kessler und Robert F. Kennedy Jr. nehmen die 1958 eingeführte GRAS-Regel (generally recognized as safe) ins Visier. Sie kritisieren, dass Unternehmen Zutaten ohne umfassende staatliche Sicherheitsprüfung in Umlauf bringen können. Laut dem Bericht machen sie daraus eine Mitursache für den Anstieg chronischer Krankheiten und eine Ernährungswende. Parallel läuft in San Francisco eine Klage gegen mehrere Hersteller mit dem Vorwurf, Risiken zu verstecken.

Die Debatte um ultraverarbeitete Lebensmittel bekommt neue Dynamik – und sie entzündet sich nicht an einzelnen Produkten, sondern an einer jahrzehntealten Grundlage der US-Lebensmittelregulierung. Im Mittelpunkt steht GRAS („generally recognized as safe“), eine Einstufung, die bereits seit 1958 existiert. Nach der Argumentationslinie von David Kessler und Robert F. Kennedy Jr. ermöglicht diese Klassifizierung großen Lebensmittelherstellern, bestimmte Inhaltsstoffe als „allgemein als sicher anerkannt“ zu behandeln, ohne eine vollständige Sicherheitsprüfung durch staatliche Stellen zu durchlaufen. Genau diese Lücke soll den Markt mit „boxed and wrapped“ Fertigprodukten geflutet haben – also mit Industrie-Nahrung, die laut Bericht inzwischen einen großen Teil der Kalorienaufnahme und besonders bei Kindern prägt.
Technisch beschreibt Kessler die behauptete Wirkung weniger als Frage von „ein bisschen Zucker“ oder „ein paar Zusatzstoffen“, sondern als Muster: energiedichte, stark geschmacklich optimierte und schnell vom Körper aufgenommene Formulierungen würden die Stoffwechselregulation verändern. Er verbindet das mit einer Reihe von Folge- und Begleitkrankheiten, die im Text ausdrücklich genannt werden: unter anderem Typ-2-Diabetes, Prädiabetes, Bluthochdruck, auffällige Blutfette, Fettleber sowie kardiovaskuläre Ereignisse wie Herzinfarkt und Schlaganfall. Hinter dieser Perspektive steckt ein metabolischer Blick auf Lebensmittelzusammensetzung und Aufnahmegeschwindigkeit, der sich inhaltlich von einer rein mikrobiologischen oder toxikologischen Betrachtung „im Labor“ unterscheidet. Für Unternehmen ist dabei vor allem die Konsequenz relevant: Wenn eine Regulierung als „zu permissiv“ gilt, verschiebt sich der Aufwand für Nachweise von der Produktion hin zu Erklärbarkeit, Datenlage und Risikomodellen.
Dass diese Diskussion zusätzlich politisch aufgeladen ist, zeigt sich am ungewöhnlichen Schulterschluss zweier Personen, die in anderen Public-Health-Fragen, so der Bericht, weit auseinanderliegen. Robert F. Kennedy Jr. argumentiert insbesondere, GRAS habe Unternehmen faktisch erlaubt, Zutaten ohne hinreichende staatliche Kontrolle zu nutzen. Er verweist dabei auf den Umfang dessen, was Behörden angeblich über Zutaten in amerikanischen Lebensmitteln nicht vollständig wüssten; im Text werden Schätzbereiche von 4.000 bis 10.000 genannten Zutaten erwähnt. Gleichzeitig stellt er eine europäische Größenordnung als Vergleich in den Raum – im Bericht ist dort von 400 legalen Zutaten die Rede. Auch wenn Zahlen in solchen Debatten oft aus unterschiedlichen Definitionen und Quellen stammen, wird an dieser Stelle deutlich, worum es geht: um Transparenz über Zutatenkataloge und um die Frage, ob „Expertenmeinung“ als Ersatz für staatliche Sicherheitsprüfung im Dauerbetrieb ausreicht.
Parallel zur politischen Debatte wird die regulatorische Reichweite konkret: Kessler reicht nach Darstellung des Berichts eine Petition ein, mit der er fordert, GRAS für Dutzende verarbeitete, raffinierte Kohlenhydrate nur dann weiter gelten zu lassen, wenn Unternehmen die Sicherheit nachweisen. Genannt werden in der Erzählung unter anderem Süßstoffe und Stärken wie Maissirup und Maltodextrin. In seinem Narrativ geht es dabei auch um „billige, leicht verfügbare Kalorien“ – also Rohstoffketten, die in eine Vielzahl von Zutatenbausteinen aufgespalten werden. Er nennt Beispiele aus typischen Zutatenlisten wie Corn syrup, Maltodextrin, Dextrose oder Xylose und koppelt die Industrialisierung der Verarbeitung an eine behauptete „metabolic havoc“. Für Technik- und Produktteams ist diese Stoßrichtung wichtig, weil sie die Dokumentationsanforderungen erhöht: Sie betrifft nicht nur Rezepturen, sondern auch die Frage, wie genau sich Risiken über Verarbeitung, Aufnahme und daraus folgende Stoffwechselpfade belegen lassen.
Die wirtschaftliche Ebene liefert dafür den politischen Resonanzboden. Im Interviewkontext bringt Michael Pollan das Thema auf Agrarsubventionen: Laut Bericht wird über den „Farm Bill“-Mechanismus indirekt die Produktion bestimmter Rohstoffe begünstigt, wodurch günstige Zutaten in großen Mengen verfügbar werden. Pollan zeichnet dabei eine Unterscheidung zwischen „corn and soy“ als Begriff und „commodity corn“ und „commodity soy“ als tatsächlicher Rohstoff für industrielle Verarbeitung und Tierfutter. Seine Kritik gipfelt in dem Vorwurf, der Staat unterstütze sowohl die Herstellung der vermeintlich ungesunden Kalorien als auch am Ende die Gesundheitskosten, die dadurch entstehen. Ergänzend kommt die Herstellerseite zu Wort: Die Consumer Brands Association verweist auf keine einheitliche Definition von „ultraprocessed foods“ und betont zugleich, dass Unternehmen sich an evidenz- und risikobasierte Standards der FDA halten würden – inklusive Bewertung von Zutaten vor und nach dem Markteintritt. Damit wird die Debatte zweigeteilt: Während die Kritiker vor allem die Angemessenheit von GRAS und die fehlende staatliche Prüfung in den Vordergrund stellen, berufen sich Befürworter auf Prozessebene und bestehende Sicherheitsstandards.
Auch rechtlich wird das Thema gerade zugespitzt. Im Text heißt es, dass der San Francisco City Attorney David Chiu im Dezember eine Klage gegen zehn Hersteller eingereicht hat. Dabei werden Vorwürfe im Sinne „wie die Tabakhersteller“ formuliert; die Darstellung lautet, die Firmen hätten Risiken angeblich bewusst so gestaltet und vermarktet, dass sie nicht ausreichend offengelegt worden seien, und damit eine öffentliche Gesundheitskrise verursacht. Für die Berichterstattung bedeutet das rechtlich notwendige Zurückhaltung: Nach den Angaben zur Klage handelt es sich zunächst um Vorwürfe, nicht um feststehende Ergebnisse. Konkret sollte man in der Unternehmenskommunikation daher zwischen tatsächlicher Evidenzlage und streitigem Prozessstand unterscheiden, zumal solche Verfahren Zeit brauchen und die Bewertung von wissenschaftlichen und regulatorischen Fragen häufig im Detail ausgetragen wird.
Für die Branche liegt die eigentliche Herausforderung in der Brückenfunktion zwischen Regulierung, Produktentwicklung und Datenwissenschaft. Selbst wenn ein Unternehmen derzeit GRAS-basierte Wege nutzt, kann die politische und gesellschaftliche Erwartung steigen, freiwillige Transparenz deutlich auszubauen, Rezepturen schneller neu zu bewerten und die Evidenzbasis für „Sicherheit“ über reine Inhaltsstofftests hinaus zu erweitern. Auf der anderen Seite dürften auch Befürworter des GRAS-Ansatzes unter Druck geraten, ihre Kriterien überzeugender zu machen: Was genau heißt „generally recognized“ – welche Evidenz reicht, wie wird sie aktualisiert, und wie werden neue Langzeitrisiken abgebildet? Der Ausgang der Auseinandersetzung entscheidet damit nicht nur über einzelne Zutaten, sondern über die Leitplanken für die gesamte Innovationspipeline in der Lebensmittelindustrie.
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