MANNHEIM / LONDON (IT BOLTWISE) – In Deutschland ist die Zahl der Unternehmensschließungen im vergangenen Jahr erneut deutlich gestiegen. Laut Creditreform und ZEW erreichten die Firmenaufgaben mit 187.744 einen Wert wie zuletzt vor fast 20 Jahren. Besonders Gastgewerbe und Arztpraxen geraten unter Druck; häufig sind es Ruhestand und fehlende Nachfolger statt akute Zahlungsunfähigkeit. Der Befund: Die Krisendynamik verteilt sich breiter über die Wirtschaft als in früheren Jahren.

Die Statistik klingt zunächst nach klassischer Konjunktur- und Insolvenzerzählung, doch der Kern des Problems wirkt zunehmend anders gelagert. In der gemeinsamen Analyse von Creditreform und dem Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) steigt die Zahl der Unternehmensschließungen in Deutschland im vergangenen Jahr auf 187.744. Das sind laut den Angaben fast 190.000 Schließungen und damit mehr als seit fast 20 Jahren; im Jahr 2007 lag die Zeitreihe zuletzt bei knapp 208.000. Gegenüber dem Vorjahr erhöhte sich die Zahl um knapp zehn Prozent. Auffällig ist auch die methodische Einordnung: Die Vorjahreswerte wurden auf erweiterter Basis neu berechnet, was die Entwicklung besser vergleichbar macht.
Technisch betrachtet ist die Trennlinie zwischen „Insolvenz“ und „freiwilliger Geschäftsaufgabe“ entscheidend, weil sie das Risiko- und Steuerungsbild für Unternehmen verändert. Genau deshalb fällt der Anteil von knapp 13 Prozent besonders auf: Laut ZEW gingen nur etwa 13 Prozent der erfassten Schließungen auf ein Insolvenzverfahren zurück. Die Mehrzahl der Geschäftsaufgaben erfolge „nahezu geräuschlos“ – das heißt, viele Betriebe beenden ihre Tätigkeit, ohne dass ein sichtbares Insolvenzgeschehen den Ton angibt. Aus der Praxis folgt daraus ein anderes Früherkennungsproblem: Wenn sich Schließungen überwiegend im Regelbetrieb „ankündigen“, reicht ein reines Insolvenzscreaning oft nicht aus, um Handlungsfenster rechtzeitig zu füllen.
Genau an dieser Stelle setzt die Analyse der Branche an. In fast allen Bereichen stiegen binnen Jahresfrist die Schließungszahlen, besonders stark im Gastgewerbe: Etwa 15.000 Gaststätten und Beherbergungsunternehmen machten 2025 dicht, 15 Prozent mehr als 2024. Interessant ist der Kontext zur steuerlichen Entlastung: Die Studie verweist darauf, dass ein im Vergleich zu anderen Branchen niedrigerer Mehrwertsteuersatz, den die Bundesregierung zur Unterstützung des Gastgewerbes eingeführt hatte, die prekäre Lage offenbar nicht abmildern konnte. Seit dem 1. Januar 2026 gilt in der Gastronomie ein ermäßigter Mehrwertsteuersatz von 7 Prozent auf Speisen. Für Betreiber bedeutet das nicht nur eine Nachfragefrage, sondern auch ein Kosten- und Liquiditätsproblem, das durch steuerliche Stellschrauben allein nicht gelöst wird, wenn Energiepreise und Personalkosten weiter drücken.
Parallel verschärft sich die Lage im Gesundheitswesen, wobei sich die Ursache häufig weniger in Marktpreisen als in Strukturproblemen zeigt. Seit etwa zehn Jahren gibt es dort eine Negativentwicklung, und die Zahl der Schließungen liegt mit knapp 11.000 mittlerweile etwa doppelt so hoch wie im Jahr 2008. Allein knapp 5.500 Arztpraxen schlossen im vergangenen Jahr; das entspricht fast einem Viertel bzw. 23 Prozent mehr als 2024. Besonders häufig nennen die Angaben den Ruhestand von Ärztinnen und Ärzten als Auslöser, verbunden mit dem Problem, dass kein Nachfolger gefunden werde. Damit verschiebt sich die Debatte weg von „wer kann noch liefern“ hin zu „wer übernimmt“ – eine Frage, die sich weder mit kurzfristigen Konjunkturprogrammen noch mit einzelnen Steuersätzen allein beantworten lässt.
Auch die Industrie bleibt nicht verschont: Hier traf es etwa 11.000 Betriebe, zehn Prozent mehr als vor Jahresfrist. Creditreform-Experte Patrik-Ludwig Hantzsch ordnet die Lage in diesem Zusammenhang als „Krisenzange“ ein, die die deutsche Wirtschaft „von zwei Seiten packt und schädigt“ – einerseits durch geopolitische Verwerfungen wie der Iran-Krieg oder US-Zölle, andererseits durch hohe Energiepreise und viel Bürokratie im Inland. Die Botschaft dahinter ist weniger Schlagwort, sondern ein Technologie- und Betriebsmodellthema: Wenn Produktions- und Betriebsabläufe gleichzeitig unter Energie- und Regulatorikdruck stehen, steigen die Kosten der Nicht-Optimierung, und immer mehr Unternehmen sehen sich gezwungen, Kapazitäten abzubauen oder den Betrieb einzustellen.
Der Datenbefund ergänzt dabei die zeitliche Dimension. ZEW-Forscherin Sandra Gottschalk betont, dass die meisten Schließungen nicht primär aus Insolvenzgründen erfolgen, sondern „weil Firmeninhaber in den Ruhestand gehen und keinen Nachfolger finden“. Sie nennt zudem eine Veränderung über die Zeit: Fast ein Drittel aller freiwilligen Schließungen erfolge mittlerweile aus Altersgründen, deutlich mehr als noch vor 10 oder 15 Jahren. Für Entscheider ist das eine Warnung, die über den Einzelfall hinausreicht: Übergabeprozesse, Nachfolgeplanung und rechtliche wie betriebswirtschaftliche Strukturfragen müssen früher adressiert werden, sonst häufen sich Schließungen, obwohl die operativen Betriebe in Teilen möglicherweise „funktionieren“.
Damit stellt sich für die betroffenen Branchen auch eine strategische Frage, wie KI-gestützte Werkzeuge künftig helfen können, die Lücke zwischen „spürbarer Krise“ und „statistischer Erfassung“ zu schließen. Während die Quelle selbst keine KI-Methoden nennt, lässt sich aus der Logik der Daten ableiten, dass Monitoring stärker entlang von Nachfolge-, Kosten- und Energie-Indikatoren ausgerichtet werden muss, nicht nur entlang von Zahlungsunfähigkeit. Unternehmen, Verbände und auch Kommunen stehen zugleich vor einer praktischen Herausforderung: Wenn Schließungen sich zunehmend als demografisch getriebene Planungs- und Übergabethemen zeigen, werden Rekrutierung, Qualifikationspfade und betriebsnahe Unterstützungsangebote zu zentralen Stellhebeln. Die Zahlen machen jedenfalls deutlich, dass das Firmensterben nicht auf einzelne Krisenjahre oder einzelne „rote“ Branchen begrenzt ist, sondern sich über die Breite der Wirtschaft hinweg festsetzt.
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