NEW YORK / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Analyse von Goldman Sachs ordnet die Auswirkungen von KI auf Arbeitsmärkte in entwickelten Volkswirtschaften ein. Das Institut verknüpft höhere KI-Automatisierungsaussetzung mit einer schwächeren Entwicklung bei Job-Öffnungen seit dem zweiten Halbjahr 2022. Besonders deutlich seien die Effekte in call-center-nahen Tätigkeiten sowie bei Einstiegspositionen. Für Unternehmen wird damit klarer, wo sich KI-Fähigkeiten schneller als reine Effizienzgewinne im Recruiting und in den Rollenprofilen niederschlagen.

Goldman-Analyse: KI bremst Jobs vor allem in Einstiegspositionen und Call Centern
Goldman-Analyse: KI bremst Jobs vor allem in Einstiegspositionen und Call Centern (Foto: IT BOLTWISE)
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KI wirkt auf dem Arbeitsmarkt nicht überall gleich, sondern setzt nach einer Analyse von Goldman Sachs vor allem dort an, wo Automatisierungswerkzeuge schon heute konkret verfügbar sind. In den untersuchten entwickelten Ökonomien zeigt die Auswertung einen Zusammenhang zwischen Branchen, die stärker von KI-Automatisierung betroffen sind, und einem langsameren Wachstum der Job-Öffnungen seit dem zweiten Halbjahr 2022. Auffällig ist dabei die regionale Ausprägung: In Deutschland, Australien und den USA wird der Zusammenhang laut Bericht besonders deutlich, während das Muster in anderen Ländern zwar erkennbar, aber weniger stark ausfällt.

Technisch betrachtet lässt sich das Ergebnis als Verschiebung in der Nachfrage nach Arbeitsleistungen verstehen. Wenn Software und KI-gestützte Systeme Tätigkeiten übernehmen oder zumindest standardisierte Teilaufgaben deutlich schneller ausführen, verändert sich die Rekrutierungslogik: Unternehmen suchen häufiger nach Profilen, die solche Systeme bedienen, überwachen oder in Prozesse integrieren können, statt lineare Personalaufstockungen für reine Ausführungsrollen vorzunehmen. Goldman Sachs verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass Beschäftigung in information-and-communication-services – einer der Branchen mit hoher KI-Exponierung – seit 2022 in nahezu allen großen entwickelten Volkswirtschaften langsamer gewachsen ist. Außerhalb der USA bleibt die Beschäftigung in diesen Bereichen jedoch tendenziell nahe am langfristigen Trend oder sogar darüber.

Besonders konkret werden die Daten bei stark KI-affinen Jobfeldern. Für Call Center nennt der Bericht einen deutlichen Abstand zum historischen Beschäftigungstrend: In den USA liegt die Beschäftigung demnach 39% unter dem Trend, in Kanada 33% und in Deutschland 27%. Ähnlich beschreibt die Auswertung auch Rückgänge unterhalb des Trends in mehreren weiteren Bereichen wie Software-Publishing, Management Consulting und Werbung. Für die praktische Einordnung ist entscheidend, dass der Bericht das Muster nicht als isolierten Branchencrash interpretiert, sondern als Hinweis darauf, dass KI-bezogene Beschäftigungsdruckszenarien bereits in Industrien sichtbar sind, in denen Automatisierungstools die Arbeitsausführung bereits spürbar unterstützen.

Der Bericht legt zugleich den Schwerpunkt auf den Einstieg ins Berufsleben. Goldman Sachs hat dafür Beschäftigungswachstum über mehr als 800 Berufe hinweg betrachtet und kommt zu dem Ergebnis, dass die KI-assoziierten Gegenwinde bei Einstiegspositionen am stärksten sind. Zusätzlich gibt es laut Analyse einen weiteren, wenn auch kleineren negativen Effekt bei Berufen, die als besonders ersetzungsgefährdet gelten. Über den gesamten Arbeitsmarkt bleibt die durchschnittliche Bremse in den Daten vergleichsweise moderat: Eine 10%ige berufliche KI-Exponierung wird in Frankreich, Kanada und den USA mit nur einem 0,1 Prozentpunkt Rückgang beim jährlichen Kopfzahlwachstum in Verbindung gebracht. In der Gruppe derjenigen, die gerade erst in den Arbeitsmarkt einsteigen wollen, reicht die Spanne allerdings von mehr als 0,6 Prozentpunkten in Australien bis zu über 0,2 Prozentpunkten in den USA.

Diese Differenz zwischen dem Gesamtbild und den Einstiegsrollen ist für Arbeitgeber besonders relevant, weil sie die Wirkungskette von KI-Adoption direkt in die Personalplanung verlegt. Wenn durchschnittliche Effekte klein erscheinen, heißt das nicht, dass die Veränderung sozial und organisatorisch „glatt“ verläuft. Gerade Ausbildungs- und Junior-Programme, Trainee-Stellen und Einstiegsrollen bilden oft den Puffer, mit dem Unternehmen Nachfrage- und Projektvolatilität abfedern. Werden diese Einstiegsprofile gleichzeitig in Branchen mit hoher KI-Nutzung weniger benötigt oder stärker gestrafft, sinkt die Zahl der Einstiegsangebote auch dann spürbar, wenn der Gesamtkopfzahltrend kurzfristig noch nicht dramatisch kippt.

Der Timing-Hintergrund passt zudem zu einer Phase breiterer KI-Einführung in entwickelten Volkswirtschaften. Goldman Sachs kombiniert 11 Umfragen zur KI-Adoption und ordnet die Einsatzraten in großen entwickelten Märkten auf grob 15% bis 20% ein. Als führend nennt der Bericht Frankreich, die USA, die Niederlande und das Vereinigte Königreich, während Italien, Japan und Neuseeland am unteren Ende der Adoption liegen. In großen Schwellenländern werden demgegenüber geschätzte Raten von etwa 10% bis 15% genannt. Damit entsteht ein konsistenter Gesamtbogen: Wo KI schneller in Arbeitsabläufe integriert wird, treten in den Beschäftigungsdaten eher Bremsspuren auf – und zwar nicht nur in „technischen“ Kernbereichen, sondern auch in kunden- und kommunikationsnahen Funktionen.

Für Unternehmen folgt daraus vor allem eine Frage der Rollenarchitektur. Wenn KI die Ausführungsintensität einzelner Tätigkeiten senkt, verschieben sich Stellenprofile Richtung Qualitätssicherung, Prozessdesign und Systemkompetenz. Praktisch bedeutet das: Recruiter sollten weniger nach reiner „Beschäftigungszahl“ optimieren und stärker nach dem Anteil der Aufgaben filtern, die sich standardisieren, automatisieren oder halbautomatisch abwickeln lassen. Gleichzeitig lohnt sich der Blick auf die beobachteten Industriesektoren: Call Center, Software-Publishing und Teile des Beratungs- und Werbegewerbes sind laut Bericht Bereiche, in denen die Beschäftigungsabweichung vom Trend besonders klar sichtbar ist. Die Analyse legt damit nahe, dass KI-gestützte Automatisierung schon heute nicht nur Effizienz verspricht, sondern strukturell in Einstiegs- und mittelfristige Karrierepfade hineinwirkt.

Am Ende bleibt die Kernaussage von Goldman Sachs eng gefasst: KI-induzierte Hiring-Druckeffekte sind global in den Beschäftigungsdaten erkennbar, aber sie konzentrieren sich auf relativ wenige Branchen und besonders auf bestimmte Gruppen von Arbeitskräften. Für Entscheidungsträger heißt das, Maßnahmen nicht zu pauschalisieren. Statt einer „KI trifft alle“‑Interpretation spricht die Datengrundlage eher für differenzierte Strategien aus Weiterbildung, Neuabgrenzung von Aufgaben und gezielterem Recruiting. Wer diese Verschiebungen früh in der Personalplanung berücksichtigt, kann vermeiden, dass Einstiegsprogramme unter Druck geraten, während zugleich die relevanten Kompetenzen für KI-betriebene Arbeitsabläufe zielgerichtet aufgebaut werden.


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