FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – In Deutschland schwindet bei jungen Menschen das Vertrauen in die gesetzliche Rente deutlich. In einer Forsa-Umfrage für Visa und die Direktbank ING sagen 49 Prozent der 18- bis 30-Jährigen, sie würden im Alter Geld vom Staat bekommen. Noch stärker drückt die Angst vor Altersarmut: 79 Prozent nennen sie als große Sorge. Gleichzeitig befürworten 65 Prozent das geplante Altersvorsorgedepot, das 2027 eingeführt werden soll.

Die Sorgen verschieben sich bei jungen Erwachsenen in Deutschland spürbar: Während die gesetzliche Rente historisch lange als verlässliche Basis galt, zeigt eine aktuelle Forsa-Umfrage für Visa und die Direktbank ING, dass das Vertrauen in diese Säule der Altersvorsorge erodiert. In der Erhebung berichten nur noch 49 Prozent der 1.003 repräsentativ befragten 18- bis 30-Jährigen, sie könnten im Alter tatsächlich mit Geld vom Staat rechnen. Ein Jahr zuvor lag dieser Anteil noch bei 56 Prozent, der Vertrauensverlust ist damit in kurzer Zeit messbar.
Die Umfrage ordnet die Stimmung in einen breiteren Kontext ein: Die größte Angst in der Gen Z ist Altersarmut, sie wird von 79 Prozent genannt. Dass Lebenshaltungskosten als Gegenpol noch stärker wirken, zeigt der Wert von 90 Prozent, ebenso hoch fällt die Einschätzung zur wirtschaftlichen Lage in Deutschland aus (90 Prozent). Diese Kombination erklärt, warum das Vertrauen in die gesetzliche Rente nicht nur eine abstrakte Politikfrage bleibt, sondern direkt mit der Frage nach dem persönlichen finanziellen Sicherheitsgefühl verknüpft ist.
Gleichzeitig überrascht der Blick auf das eigene Verhalten: Rund die Hälfte der Befragten legt nach eigenen Angaben Geld für den Ruhestand zurück (53 Prozent). Weitere 41 Prozent sind der Überzeugung, sie hätten bereits ausreichend vorgesorgt. Das wirkt wie ein Spannungsfeld zwischen wahrgenommener Systemunsicherheit und individuellem Handlungswillen: Wer sich Sorgen um Altersarmut macht, versucht offenbar zugleich, durch private Vorsorge zumindest einen Teil des Risikos abzufedern.
Konkrete Stellschrauben des Systems spielen dabei eine Rolle, doch nicht alle sind bereits im Bewusstsein angekommen. Auf die Frage, ob man vom Altersvorsorgedepot gehört hat, antworten zwar 58 Prozent mit Ja; 41 Prozent von diesen Personen kennen nach eigener Aussage jedoch nicht die Details. Der Rest der Befragten hatte demnach noch gar nichts davon gehört. Das ist relevant, weil die Akzeptanz eines neuen Instruments häufig an der Verständlichkeit hängt: Wenn Details fehlen, entsteht leichter der Eindruck, es handle sich um eine weitere Reform, die am Ende doch nicht im Alltag ankommt.
Das Altersvorsorgedepot, das 2027 eingeführt werden soll, setzt auf eine private Komponente mit staatlicher Unterstützung. Laut Beschreibung sollen Einzahlungen durch Zulagen gefördert werden, während die Kapitalerträge in der Ansparphase nicht besteuert werden. In der Umfrage bewerten zwei Drittel der Befragten das Modell als attraktiv (65 Prozent). 15 Prozent äußern eine gegenteilige Ansicht, der Rest ist unentschlossen. Damit verschiebt sich die Debatte von „gesetzlich ja oder nein“ hin zu „wie gut lässt sich privat vorsorgen, ohne dass der Mechanismus kompliziert oder unattraktiv wirkt“.
Für den Markt bedeutet das: Finanzdienstleister und Banken müssen ihre Angebote nicht nur unter Renditegesichtspunkten erklären, sondern vor allem in verständlichen Nutzerszenarien. Das gilt besonders, weil gleichzeitig nur 5 Prozent darauf vertrauen, die gesetzliche Rente werde künftig ausreichen, um den Lebensstandard zu halten. Wer in diesem Umfeld Onboarding, Transparenz und Kostenerfassung überzeugend kommuniziert, kann Zielgruppen gewinnen, die einer staatlichen Rente zwar skeptisch gegenüberstehen, aber bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Auch für die Produktarchitektur in der Praxis liegt eine klare Lehre in den Daten: Der Informationsgrad entscheidet darüber, ob neue staatlich geförderte Vorsorgeformate vom „gehört“ zum „genutzt“ wechseln. Dass 41 Prozent derjenigen, die vom Altersvorsorgedepot gehört haben, die Details nicht kennen, zeigt die Lücke zwischen politischem Design und Nutzerverhalten. Für Unternehmen, die Einzahlungen, Zulagenlogik und Besteuerung in der Ansparphase verständlich machen, entsteht damit ein operativer Auftrag, der über Marketing hinausgeht und die User Experience in den Mittelpunkt rückt.
Unterm Strich zeichnet die Erhebung ein deutliches Bild: Das Vertrauen in die gesetzliche Rente sinkt, Altersarmut bleibt das dominierende Risikoempfinden, und dennoch investieren viele junge Menschen bereits in die eigene Zukunft. Das Altersvorsorgedepot genießt in der Theorie hohe Attraktivität, steht aber kommunikativ noch am Anfang. Wenn 2027 tatsächlich mehr Menschen teilnehmen sollen, wird die Branche nicht nur die Förderlogik liefern müssen, sondern vor allem die Erklärung so weit verdichten, dass aus Skepsis konkrete Entscheidungen werden.
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