BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Siemens-Healthineers-Chef Bernhard Montag fordert in einem Interview mehr unternehmerische Eigenverantwortung statt Dauer-Fokus auf die Regierung. Er kritisiert eine Anspruchshaltung, bei der Lobbyarbeit als Ersatz für wirtschaftliche Leistung verstanden werde. Gleichzeitig betont er die Relevanz des Standorts Deutschland: Mehr als 20 Prozent der Beschäftigten arbeiten hier, und in den letzten Jahren flossen 650 Millionen Euro in deutsche Standorte. Für das laufende Jahr erwartet der Konzern nach einer Korrektur ein Umsatzwachstum von bis zu vier Prozent.

Der Vorstandsvorsitzende von Siemens Healthineers, Bernhard Montag, liefert mit seiner Kritik an der politischen Erwartungshaltung einen bemerkenswert klaren Ton. In einem Interview in Berlin stellt er dem Bild einer unterstützenden Staatsmaschine das Gegenmodell des Unternehmens als eigenständigen Gestalter entgegen. „Mir persönlich gefällt dieses Rumgenörgel einfach nicht. Weil ich sage: Das sind Unternehmen, wir sind nicht in einer Planwirtschaft oder Staatswirtschaft“, sagte Montag gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Seine Pointe zielt dabei weniger auf konkrete Einzelmaßnahmen, sondern auf das wiederkehrende Muster, dass Führungskräfte „dauernd auf die Regierung“ schauen würden, statt selbst Tempo und Prioritäten vorzugeben.
Technisch und strategisch lässt sich diese Haltung gut mit dem wirtschaftlichen Alltag eines Medizintechnik-Konzerns verbinden: Siemens Healthineers entwickelt und betreibt Systeme, die Krankheiten wie Krebs diagnostizieren, überwachen und behandeln. Genau in dieser Industrie zählt nicht nur der Marktzugang, sondern auch die Fähigkeit, mit stabilen Lieferketten, qualifizierten Teams und verlässlichen Standorten Innovation in Produkte zu übersetzen. Montag verweist deshalb auch darauf, dass fehlende Standortentscheidungen nicht allein mit bürokratischen Hürden erklärt würden. In seiner Argumentation spielt außerdem der Vergleich mit dem US-Chiphersteller NVIDIA eine Rolle, der Hochleistungschips für KI-Anwendungen liefert und aktuell zu den global größten Börsenwerten zählt.
Entscheidend ist jedoch, wie Montag die Debatte mit harten Unternehmenskennzahlen unterfüttert. Für den Standort Deutschland nennt er mehr als 20 Prozent der Mitarbeiterzahl in der Bundesrepublik. Zudem betont er, dass das Unternehmen seinen Kern hier habe und in den vergangenen Jahren 650 Millionen Euro investiert habe, um Standorte aufzubauen und weiterzuentwickeln. Der Chef stellt dabei ausdrücklich in den Vordergrund, dass die Beschäftigung in Deutschland wächst und „Mitarbeiter zu finden“ derzeit kein Engpass sei. Unterm Strich klingt das nach einer Antwort auf zwei parallel laufende Diskurse: Einerseits wird häufig über Abwanderungsrisiken gesprochen, andererseits über den Fachkräftemangel als strukturelle Wachstumsbremse.
Auch die Kapitalmarkt- und Konzernrealität gibt dem Interview zusätzliche Reibungspunkte. Siemens Healthineers ging 2018 an die Börse, Siemens blieb jedoch Hauptaktionär; seit 2021 ist das Unternehmen im DAX 40 gelistet. Kurz vor dem Börsenalltag im DAX-Kontext steht außerdem der abgeschlossene Erwerb des US-Krebsspezialisten Varian, der laut Text mit 16,4 Milliarden Euro bewertet war. Für Anleger und Führungsteams ist die Relevanz solcher Deals klar: Sie entscheiden mit, welche Plattformen, Vertriebsstrukturen und Produktlinien kurzfristig skalieren können. Gleichzeitig deutet die Aussage, dass Siemens in Kürze die Aktienmehrheit abgeben will, auf eine mögliche Verschiebung der Konzernlogik hin – weg von internen Steuerungswirkungen, hin zu stärker eigenständigen Prioritäten im Healthineers-Management.
Operativ stützt der Konzern seine Position mit Ergebnissen aus dem zurückliegenden Geschäftsjahr 2025: Laut Angaben im Text erreichte Siemens Healthineers einen Umsatz von 23,4 Milliarden Euro. Beim Nettogewinn wurde erstmals die Zwei-Milliarden-Marke übertroffen; er lag bei 2,1 Milliarden Euro. Für das laufende Geschäftsjahr wird nach einer Korrektur ein Umsatzwachstum von bis zu vier Prozent erwartet. Bei den Gewinnen sollen sie noch kräftiger zulegen – unter anderem aufgrund einer Rückerstattung zu viel bezahlter US-Zölle. Damit zeigt sich eine typische Investorenbrille auf Medizintechnik: Selbst wenn die Produktseite langfristig arbeitet, können handels- und zollbezogene Effekte kurzfristig die Marge bewegen.
Für die nächste Phase der Diskussion dürfte genau diese Mischung aus Kultur, Investitionsnachweis und Ergebnislogik ausschlaggebend sein. Montags Kritik richtet sich gegen eine Rhetorik, die politischen Einfluss und unternehmerische Verantwortung gegeneinander ausspielt; zugleich versucht er, den Standort nicht nur als Schlagwort zu verkaufen, sondern mit Mitarbeiteranteilen und konkreten 650 Millionen Euro zu belegen. Gleichzeitig bleibt die strategische Frage offen, wie stark Deutschland künftig in KI-nahe Hardware- und Infrastrukturketten hineinwachsen kann – während NVIDIA als Referenz für Hochleistungschips in dem Text explizit als Kontrastfolie dient. Für Siemens Healthineers selbst bedeutet das: Das Unternehmen wird den Spagat zwischen regulierter Medizintechnik-Nachfrage, kapitalintensiven Investitionszyklen und globalen Beschaffungs- sowie Handelsbedingungen weiter managen müssen. Dass der DAX-Name dafür eine Bühne bietet, macht die öffentliche Debatte nicht automatisch einfacher – aber sie schärft die Erwartung, dass Standortdebatten mit messbaren Entscheidungen statt mit „Rumgenörgel“ beantwortet werden.
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