BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Zwei Jahre nach dem THC-Grenzwert beim Autofahren sehen Versicherer dessen Wirkung als eher begrenzt. Eine Umfrage unter Konsumierenden zeigt, dass weiterhin viele kurz nach dem Konsum selbst ans Steuer gehen. Gleichzeitig kennen zwar 88 Prozent der Befragten den Grenzwert, dennoch sagt knapp ein Drittel, es sei ihnen egal. Unfälle könnten für Betroffene trotz Legalisierung finanzielle Folgen haben, weil Versicherer Regress prüfen.

Zwei Jahre nachdem Deutschland einen Grenzwert für THC im Blut beim Autofahren eingeführt hat, bleibt die erwartete Verhaltensänderung nach Einschätzung der Unfallforschung der Versicherer überschaubar. Eine Umfrage, die sich explizit an Konsumentinnen und Konsumenten richtet, zeichnet ein klares Muster: Wer Cannabis regelmäßig nutzt, setzt sich demnach häufig auch dann noch hinter das Steuer, wenn der Konsum rechtlich klarer eingehegt sein sollte. Das ist weniger eine Frage der Kenntnis als der tatsächlichen Risikoeinschätzung im Alltag.
Im Kern geht es um den seit dem 22. August 2024 geltenden gesetzlichen Schwellenwert von 3,5 Nanogramm THC je Milliliter Blutserum. Wer diesen Wert erreicht oder überschreitet, riskiert in der Regel ein Bußgeld von 500 Euro, dazu einen Monat Fahrverbot und zwei Punkte in Flensburg. Wird zusätzlich Alkohol konsumiert, steigen die typischen Sanktionen auf etwa 1.000 Euro Bußgeld, ebenfalls einen Monat Fahrverbot und zwei Punkte. Damit ist die Schwelle nicht nur eine juristische Markierung, sondern wirkt im Budget und im Mobilitätsstatus der Betroffenen unmittelbar.
Trotz dieser Mechanik deutet die Erhebung der Versicherer auf eine Lücke zwischen Regelwissen und gelebtem Verhalten hin. Laut Umfrage des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft setzte sich in den vergangenen zwölf Monaten jeder fünfte Befragte nach eigener Aussage kurz nach dem Konsum ans Steuer; 2024 war es noch jeder Vierte. Je nach Konsumzeitraum schwanken die Zahlen, im vergangenen Monat gab jeder siebte Befragte an, kurz nach dem Cannabis-Konsum gefahren zu sein. Das Fazit lautet entsprechend: Der Grenzwert habe nicht dazu geführt, dass deutlich weniger Personen bekifft autofahren, aber auch nicht, dass deutlich mehr Menschen das Verhalten zeigen.
Technisch betrachtet ist der Grenzwert dabei nur ein Baustein in einem größeren Problemfeld aus Pharmakologie, Wahrnehmung und Risikoentscheidungen. THC wird im Blut messbar, doch dessen praktische Relevanz hängt davon ab, wie stark die Fahrtüchtigkeit tatsächlich eingeschränkt ist und zu welchem Zeitpunkt die Wirkung einsetzt oder nachlässt. Die Unfallforschung verweist deshalb darauf, dass Cannabis die Fahrfähigkeit deutlich einschränken kann – unabhängig davon, ob ein medizinischer Anlass vorliegt. Ergänzend kommt eine weitere Einschränkung hinzu: Wie bei Alkohol gilt die 3,5-Nanogramm-Grenze nicht in der Probezeit und nicht für Fahrerinnen und Fahrer unter 21, dort besteht ein Cannabis-Verbot; bei Verstößen drohen in der Regel 250 Euro Bußgeld.
Auch die Aufklärungslage wird als zentraler Hebel beschrieben. 88 Prozent der Befragten geben an, den Grenzwert zu kennen, gleichzeitig sagt aber knapp ein Drittel, ihm sei das egal. Genau an dieser Stelle setzen die Versicherer an: Schon jetzt zeigt sich laut Unfallforschung, dass Cannabis-Konsumierende aus Sicht der Unfallprävention nicht ausreichend aufgeklärt sind. Die Leiterin der Unfallforschung der Versicherer, Kirstin Zeidler, ordnet das Verhalten dabei nicht als einmalige Regelverletzung ein, sondern als Fortsetzung eines Routinemusters bei gewohnten Konsumentinnen und Konsumenten – Menschen, die sich offenbar bereits bei früherer Rechtslage nicht hätten abhalten lassen.
Für Unternehmen und Versicherungsnehmer wird damit ein zweiter Effekt sichtbar: Regeländerungen allein verhindern nicht automatisch Risikoverhalten, wenn die individuelle Wahrnehmung von Fahrfitness nicht mit den messbaren Kennzahlen zusammenläuft. Besonders relevant wird das im Ernstfall. Die Versicherer warnen vor möglichen finanziellen Folgen nach Unfällen: Wer mit zu viel THC im Blut nicht mehr sicher fahren kann und einen Unfall verursacht, riskiert auch nach der Legalisierung seinen Versicherungsschutz. Wie bei alkoholbedingten Unfällen zahlt die Kfz-Haftpflichtversicherung zwar den Schaden des Unfallopfers grundsätzlich in voller Höhe, kann den Unfallverursacher aber per Regress in Anspruch nehmen; das unterstreicht vor allem das private Haftungsrisiko jenseits der unmittelbaren Bußgeld- und Punktefolgen.
Die Datengrundlage ordnen die Versicherer zudem ein: Befragt wurden in zwei Zeitabschnitten Cannabis-Konsumierende, darunter 4.933 Personen von Januar bis Mitte März 2024 sowie 3.144 Befragte im Februar und März 2026. Die Untersuchung ist nach eigener Einordnung nicht repräsentativ für die gesamte Bevölkerung Deutschlands, aber aussagekräftig für die relevante Konsumentengruppe. Für die Praxis bedeutet das: Während die Politik mit klaren Grenzwerten eine messbare Leitplanke gesetzt hat, bleibt die entscheidende Frage, wie der Weg vom Laborwert zur sicheren Fahrtüchtigkeit gelingt – durch Aufklärung, Risiko-Kommunikation und konsequente Präventionsmaßnahmen, die auch Routinen durchbrechen.
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