LONDON (IT BOLTWISE) – Die bundesweite Konjunkturbefragung zeigt eine weiter angespannte Lage für Ingenieur- und Architekturbüros. Im zweiten Halbjahr 2025 melden 37 Prozent einen Auftragsrückgang, während 30 Prozent steigende Auftragseingänge sehen. Für 2026 erwarten 26 Prozent der Ingenieurbüros erneut sinkende Aufträge, bei Architekturbüros sogar 35 Prozent. Besonders kleinere Büros blicken angesichts der Unsicherheit vorsichtiger auf die nächsten Monate.

Die jüngsten Ergebnisse der bundesweiten Konjunkturbefragung zeichnen ein klares Bild: Für Ingenieur- und Architekturbüros ist die wirtschaftliche Lage nicht nur „angespannt“, sie wirkt zunehmend volatil. Während viele Projekte langfristig geplant werden, schlägt sich die Unsicherheit in der Auftragslage kurzfristiger nieder – und genau das zeigt sich in den Umfragewerten. So berichten im zweiten Halbjahr 2025 37 Prozent der Ingenieurbüros von einem Auftragsrückgang, gleichzeitig sehen 30 Prozent eine Steigerung. Im Vorjahr lag das Muster anders: Bei 35 Prozent waren die Aufträge gesunken, bei 27 Prozent gestiegen. Diese Verschiebung ist für Entscheider besonders relevant, weil sie auf weniger planbare Projektvolumina hindeutet – also auf eine Branche, in der Personal, Kalkulation und Kapazitäten eng an die Pipeline gekoppelt sind.
Damit verändert sich auch die Planbarkeit in den Buchungszeiträumen, was sich in Kennzahlen wie dem Auftragsbestand niederschlägt. Für Architekturbüros ist der durchschnittliche Auftragsbestand deutlich gesunken: von 11,5 auf 10,0 Monate. Ingenieurbüros bleiben dagegen relativ stabil, dort liegt der Bestand bei 11,3 Monaten, nach 11,1 Monaten im Vorjahr. Die Befragung ordnet die Unterschiede vor allem einer stärkeren Abhängigkeit der Architekturbüros von privaten Auftraggebern zu – dort werden häufiger Projektkündigungen und Leistungskürzungen beobachtet. Für Unternehmen bedeutet das: Wer in der privaten Nachfrage stärker exponiert ist, muss mit einem schnelleren Ausdünnen von Leistungsabrufen rechnen, selbst wenn gesamtwirtschaftlich Förder- oder Infrastrukturimpulse existieren.
Der Kontrast zu den politischen Zielbildern fällt in der Studie deshalb so deutlich aus, weil einige Maßnahmen bislang keine spürbare Entspannung bringen konnten. Weder eine Vereinfachung von Planungs- und Genehmigungsverfahren noch neue Finanzierungsinstrumente, etwa das Sondervermögen Infrastruktur, hätten bislang positive Effekte auf die ökonomische Verfassung der Büros gezeigt. Gleichzeitig nennt die Branche konkrete Hemmnisse: wirtschaftliche Rahmenbedingungen und regulatorische Anforderungen, gestörte Projektabläufe sowie ein genereller Abschwung. Dass gestiegene Materialkosten zusätzlich als Belastung wirken, wird insbesondere von Architekturbüros betont. Technisch und kaufmännisch betrachtet geht das über eine reine Kostenfrage hinaus: Materialpreissprünge treffen Architektur- und Ingenieurleistungen, weil Budgets häufig in frühen Phasen verhandelt werden, während spätere Kostenentwicklungen dann über Nachträge oder geänderte Leistungsumfänge kompensiert werden müssen.
Auch der Blick in die unmittelbare Zukunft bleibt problematisch. Zu Jahresbeginn 2026 bewerten 22 Prozent der Architekturbüros und 19 Prozent der Ingenieurbüros ihre wirtschaftliche Lage als schlecht oder eher schlecht. Besonders zurückhaltend sind Einschätzungen bei Innenarchitektinnen und Innenarchitekten sowie bei Ingenieurbüros in Bereichen wie Tragwerksplanung und Verkehrsanlagen. Positivere Abweichungen gibt es dagegen bei Büros für Landschaftsarchitektur und bei Ingenieurbüros, die in der Objektplanung für Ingenieurbauwerke tätig sind. Insgesamt befürchten 5 Prozent der Befragten eine Betriebseinstellung in den kommenden Monaten, während 14 Prozent ihre Zukunft als ungewiss einschätzen. Dass diese Unsicherheit stärker kleinere Büros mit weniger als zehn Mitarbeitern betrifft, überrascht wenig, denn deren Liquiditäts- und Risikopuffer sind in der Regel geringer als bei größeren Organisationen, die Projektportfolios breiter diversifizieren können.
In die gleiche Richtung zielt die Einordnung der Kammern. Andrea Gebhard, Präsidentin der Bundesarchitektenkammer, bezeichnet die Ergebnisse als deutliches Warnsignal und verweist auf den wirtschaftlichen Druck vieler Büros, den rückläufigen Auftragsbestand sowie die wachsende Unsicherheit. Ihr Argument: Angesichts der Aufgaben im Wohnungsbau, bei Klimaanpassung und Infrastrukturmodernisierung sei das nicht hinnehmbar. Gleichzeitig fordert sie ein klares politisches Signal, das Planen und Bauen einfacher, schneller und verlässlicher macht – und begründet das mit einem einfachen Zusammenhang: Ohne leistungsfähige Architektur- und Ingenieurbüros lassen sich die anstehenden Aufgaben nicht zuverlässig bewältigen. Praktisch heißt das für Auftraggeber und Planungsunternehmen gleichermaßen: Wenn Projektabläufe stärker planbar werden und Honorare angemessener ausgestaltet sind, sinkt das Risiko von Leistungsabbrüchen und damit auch die Tendenz zur internen „Abkürzung“ über kleinere, weniger ambitionierte Vorhaben.
Die Datenbasis erweitert zudem den Blick auf die Tragweite der Lage. Die Online-Konjunkturbefragung lief im Mai und Juni 2026 und wurde von AHO, BAK, VBI und BIngK gemeinsam mit ihren Landeskammern durchgeführt; unterstützt wurde sie vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW Consult) sowie von Reiß & Hommerich. Insgesamt nahmen 4.859 Architektur- und Ingenieurbüros teil, deutlich mehr als im Vorjahr mit 2.452 Unternehmen. Diese Größenordnung macht die Aussagen belastbarer und erklärt, warum die Ergebnisse in der Branchenkommunikation so stark wirken: Neben der Auftragsentwicklung liefern sie auch Hinweise auf Handlungsbedarf bei verlässlicheren Projektabläufen, angemessenen Honoraren und einer Reduzierung regulatorischer Belastungen. Für die Branche bleibt damit eine zentrale Frage: Gelingt es, aus den Programmen für Wohnungsbau, Energiewende und Sanierung reale Projektstabilität zu machen – oder bleibt die Auftragslage der Planungsseite das frühe Warnsystem, das zuerst kippt?
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