LONDON (IT BOLTWISE) – Finanzminister Lars Klingbeil drängt mit vier EU-Kollegen auf eine Übergewinnsteuer auf europäischer Ebene. Die Abgabe soll Mineralölunternehmen treffen, deren Profite wegen des Iran-Kriegs kräftig gestiegen sind. Klingbeil verweist dabei auf den Versorgungsschock und die Unzufriedenheit über die steigenden Lebenshaltungskosten. Unionspolitiker und Teile der Opposition warnen zugleich vor Marktverzerrungen und wollen stattdessen andere Maßnahmen.

EU-Übergewinnsteuer: Klingbeil wirbt für Energie-Abgabe gegen hohe Spritpreise
EU-Übergewinnsteuer: Klingbeil wirbt für Energie-Abgabe gegen hohe Spritpreise (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Diskussion um eine Übergewinnsteuer bekommt neuen Antrieb: Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) setzt gemeinsam mit vier europäischen Kollegen auf einen Vorstoß bei der irischen EU-Ratspräsidentschaft. Im Kern geht es um eine Abgabe auf europäischer Ebene, die Mineralölfirmen für überdurchschnittlich gestiegene Gewinne zur Kasse bitten soll. Aus Sicht der Unterzeichner spiegelt sich in den hohen Spritpreisen nicht nur eine Marktdynamik wider, sondern ein akuter Versorgungsschock, der zudem die Lebenshaltungskosten nach oben drückt. Klingbeil und seine Amtskollegen argumentieren, bereits eingeleitete Schritte hätten nicht ausgereicht, um Preise für Unternehmen und Bürger dauerhaft zu senken oder zumindest zu stabilisieren.

Konkreter wird das Schreiben an den irischen Finanzminister Simon Harris, das in der Debatte als Grundlage gilt: „Wir erleben einen der größten Versorgungsschocks seit Jahrzehnten und überall auf der Welt wächst der Unmut über den Anstieg der Lebenshaltungskosten“, heißt es darin. Weiter fordern die Finanzminister aus Portugal, Spanien, Österreich, Italien, Polen und Deutschland ein gemeinsames EU-weites Rahmenwerk, „um Übergewinne zu besteuern“. Der politische Mechanismus ist dabei klar: Gewinne, die nicht aus normaler Produktivitätsentwicklung entstehen, sollen stärker abgeschöpft werden, um die Belastung breiter Bevölkerungsschichten zumindest teilweise abzufedern. Technisch betrachtet ist das nicht nur ein Steuerthema, sondern berührt auch Fragen der Messbarkeit von „Übergewinnen“: Wie werden Normalrenditen definiert, über welchen Zeitraum wird verglichen, und wie werden Sondereffekte von Preisen am Rohstoffmarkt von echten Marktmargen getrennt?

Die Dringlichkeit wird in der politischen Argumentation auch über den Kontext des Iran-Kriegs hergestellt. Wegen der seit Kriegsbeginn stark eingeschränkten Schifffahrt durch die Straße von Hormus steigen die Kosten für Transport und Beschaffung; dadurch verteuern sich Alternativen zu Rohöl aus dem Persischen Golf. Parallel haben mehrere große Ölkonzerne zuletzt deutlich höhere Gewinne gemeldet, was die medien- und machtpolitische Wirkung einer möglichen Abschöpfung verstärkt. Genau in diese Gemengelage fällt die Frage, warum der Staat bislang eher auf Regulierung als auf Abschöpfung gesetzt hat: In der Bundesregierung war im Frühjahr zunächst eine härtere Überwachung von Mineralölkonzernen durch das Bundeskartellamt vereinbart worden, ergänzt um die „12-Uhr-Regelung“, nach der Tankstellen nur einmal pro Tag um 12 Uhr die Preise erhöhen dürfen. Dazu kam eine befristete Entlastung in Form eines Tankrabatts, der Ende Juni ausgelaufen ist; seitdem zogen die Preise an den Zapfsäulen laut Bericht erneut deutlich an. Für die Befürworter einer Übergewinnsteuer ist das ein Signal, dass Preisdeckel-ähnliche und befristete Maßnahmen allein nicht genug Wirkung entfalten.

Gegenwind kommt aus der Union. Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) lehnt eine Übergewinnsteuer ab; auch aus der Fraktion wird Skepsis laut. Der energiepolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Andreas Lenz, sagte im „Deutschlandfunk“: „Wir werden das Problem insgesamt nicht mit einer sogenannten Übergewinnsteuer lösen“; zudem ergänzte er: „Und alles, was Markteingriff bedeutet, bedeutet eben auch entsprechend, dass die Kosten woanders aufschlagen.“ Diese Position lässt sich als Argument gegen zusätzliche Komplexität und gegen potenzielle Rückkopplungen verstehen: Wenn Marktteilnehmer ihre Kosten, Steuern und Risiken in die Preisbildung einpreisen, kann eine Abschöpfung zwar kurzfristig Einnahmen erzeugen, aber die Preissignale für Endkunden mittelfristig wieder verstärken. Politisch relevant ist daneben auch, wie schnell ein EU-Mechanismus tatsächlich umgesetzt werden kann und ob sich die Mehrheit in den Mitgliedstaaten rasch organisieren lässt.

In der Opposition wird der Vorstoß hingegen unterschiedlich interpretiert. Die Linke bezeichnete ihn als „eine Beruhigungspille im Wahlkampf“, so der finanzpolitische Sprecher Christian Görke: „Klingbeil weiß selbst, dass eine EU-Übergewinnsteuer angesichts der Mehrheitsverhältnisse in der EU nicht kommen wird.“ Zugleich fordert die Linke eine nationale Übergewinnsteuer, wie sie in anderen Ländern bereits eingeführt worden sei. Auch hier steht ein Effizienzargument im Vordergrund: Wenn eine EU-weite Lösung politisch kurzfristig nicht realisierbar ist, könne ein nationaler Hebel schneller Wirkung zeigen und Spekulationen sowie Preismodelle der Mineralölkonzerne eindämmen. Der Sozialverband Deutschland unterstützt den Ansatz ebenfalls, allerdings mit einer klaren Zweckbindung: Die Einnahmen müssten gezielt zur Entlastung von Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen eingesetzt werden. Michaela Engelmeier forderte entsprechend, dass Entlastung nicht abstrakt bleibt, sondern an der Kaufkraft knüpft.

Die Debatte um Gaspreise zeigt parallel, wie eng Energiepolitik, Speicherinfrastruktur und Marktverhalten verzahnt sind. Hintergrund ist die Sorge, dass hohe Gaspreise Firmen davon abhalten, Speicher für den Winter ausreichend zu füllen. Lenz lehnte es dabei ab, die Verantwortung fürs Befüllen dem Staat zu übertragen, mit der Begründung, der Staat würde damit zum Marktteilnehmer; Anbieter würden das „sofort merken“ und entsprechend reagieren. Gleichzeitig äußerte er die Idee, eine nationale Gasreserve zu initiieren, „die zumindest für einen Teil auch eine staatliche Vorsorge garantiert“. Währenddessen setzt die FDP auf mehr Angebotsausweitung: FDP-Generalsekretär Martin Hagen sagte in Berlin der dpa, „dass sich auch Fracking-Verfahren anbieten“, die sich weiterentwickelt hätten. Er verwies außerdem auf steuer- und aufsichtliche Steuerung, um Umweltrisiken zu minimieren. Ergänzend betonte Hagen, dass Steuern, Abgaben und Umlagen rund 30 Prozent des Gaspreises ausmachten und man diesen Anteil „spürbar senken“ wolle, um Bürger und Unternehmen zu entlasten. Für die wirtschaftliche Wirkung ist das entscheidend: Je nachdem, ob der Hebel über Nachfrageentlastung, Angebotsausbau oder eine Gewinnabschöpfung läuft, ändern sich auch die Verteilungseffekte zwischen Verbraucherpreisen, Investitionsanreizen und Staatsfinanzen.

Für Unternehmen und Verwaltung dürfte die eigentliche Herausforderung weniger im politischen Schlagwort liegen, sondern in der Ausgestaltung: Eine Übergewinnsteuer braucht belastbare Regeln dafür, was als „Übergewinn“ gilt, wie lange der Vergleichszeitraum bemessen wird und wie mit Preis- und Wechselkursschwankungen umzugehen ist. Zudem muss die Einnahmenlogik zur Entlastung passen, sonst verschiebt sich der Effekt von der Preisstabilisierung hin zur Budgetsteuerung. Auch die EU-Umsetzung entscheidet über die Geschwindigkeit: Das Thema soll beim Treffen der EU-Wirtschafts- und Finanzminister Mitte September in Dublin auf die Tagesordnung kommen. Für die Branche ist das mehr als Politikfolklore: Ob und wie Marktteilnehmer regulatorische Risiken in die Preisbildung einpreisen, entscheidet im Ergebnis mit darüber, ob eine Abschöpfung die Belastung an der Tankstelle tatsächlich spürbar absenkt oder vor allem Einnahmen verschiebt. Die nächsten Wochen werden deshalb zeigen, ob aus dem Vorstoß ein tragfähiger EU-Mechanismus wird – oder ob die Energieentlastung weiterhin über nationale Einzelmaßnahmen, zeitliche Rabatte und Aufsichtsschritte abläuft.


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