LONDON (IT BOLTWISE) – Der britische Arbeitgeberverband CBI warnt, dass KI Arbeitskräfte schneller ersetzt, als Unternehmen sie durch Umschulung auffangen können. Besonders ältere Beschäftigte geraten dem Bericht zufolge unter Druck, weil ihre Fähigkeiten häufiger als veraltet gelten. Der CBI kritisiert zudem, dass Unterstützungsangebote zu allgemein ausfallen und zu selten an KI-bezogene Qualifizierung, Branchennachfrage und konkrete offene Stellen gekoppelt sind. Gleichzeitig stehen Politik und Wirtschaft unter Zugzwang, die Pipeline vom Einstieg bis in höhere Karrierestufen neu zu gestalten.

CBI warnt: KI kann Einstiegsjobs kosten – Ältere besonders betroffen
CBI warnt: KI kann Einstiegsjobs kosten – Ältere besonders betroffen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die zentrale Sorge im aktuellen KI-Diskurs in Großbritannien ist weniger die Frage, ob KI Aufgaben automatisiert, sondern wie schnell die Arbeitswelt nachziehen kann: Umschulung, Weiterbildung und passgenaue Vermittlung. Der britische Wirtschaftsverband Confederation of British Industry (CBI) argumentiert in einem gemeinsam mit der Beratung Oliver Wyman erstellten Bericht, dass die Technologie Arbeitskräfte ersetzen kann, bevor neue Lernpfade aufgebaut sind. Damit drohe eine Lücke nicht nur im Tagesgeschäft, sondern auch in der mittelfristigen Personalplanung, weil Karrierewege bei Berufseinsteigern und späteren Übergängen gleichzeitig neu entworfen werden müssen.

Besonders hart trifft es nach der CBI-Sicht ältere Beschäftigte. Der Verband verweist darauf, dass genau diese Gruppe häufiger Schwierigkeiten hat, sich an eine sich rasant verändernde KI-Umgebung anzupassen – trotz vorhandener Berufserfahrung. Als Mechanismus nennt der Bericht, dass Qualifikationen im Wandel schneller „veraltet“ wirken können, während Unternehmen gleichzeitig mehr Aufgaben automatisieren oder zumindest KI-gestützt ergänzen. Der CBI betont dabei nicht nur die individuelle Betroffenheit, sondern auch die strukturelle Verwundbarkeit von Einstiegsmärkten: Wenn Einstiegsjobs wegbrechen, fehlt später der Nachwuchs für Folgefunktionen und Aufstiegspfade.

Ein weiterer Punkt ist die Ausgestaltung der Unterstützung am Arbeitsplatz und für Menschen vor und nach dem Ruhestand. Der Bericht stellt fest, dass die aktuell verfügbaren Angebote für Beschäftigte in der späten Karrierephase sowie kurz vor dem Ruhestand am schwächsten ausgeprägt seien. Für Arbeitssuchende werde der Bedarf häufig mit „allgemeinen Wiedereingliederungsangeboten“ adressiert, statt mit Programmen, die KI-bezogene Umschulung mit realer Branchennachfrage und den aktuellen offenen Stellen verknüpfen. Gerade diese Verknüpfung ist aus Sicht der Arbeitsmarkt-Implementierung entscheidend: Ohne konkrete Nachfragebezüge bleibt Umschulung schnell abstrakt, und die Vermittlung scheitert an mismatches zwischen Skill-Profilen und offenen Rollen.

Zusätzlich liefert der Bericht eine arbeitsmarktökonomische Brücke, indem er auf Analysen des Internationalen Währungsfonds verweist: Demnach finden ältere Arbeitnehmer nach Jobverlust deutlich seltener innerhalb eines Jahres wieder Arbeit. Auch die Bereitschaft, schlechter bezahlte Tätigkeiten anzunehmen oder umzuziehen, sei geringer oder weniger realistisch, wodurch sich die Chancen auf einem angespannten Arbeitsmarkt weiter verengen. Für Unternehmen bedeutet das: Es reicht nicht, nur neue KI-Aufgaben zu definieren. Sie müssen auch den Übergang von alten zu neuen Tätigkeiten so planen, dass Beschäftigte Zeit bekommen, neue Fähigkeiten aufzubauen, statt unter Fristdruck in niedrigere Statuspositionen gedrängt zu werden.

Der politische Kontext spielt dabei unmittelbar hinein, weil die Strategie nicht bei Technologieexperimenten stehen bleiben soll. Andy Burnham kündigt dem Bericht zufolge an, die britische KI-Strategie umfassend zu überarbeiten und stärker darauf auszurichten, wie neue Technologien inländische Arbeitsplätze schaffen können. Im Kern geht es um einen Kurswechsel weg von einer vorrangigen Ausrichtung auf Partnerschaften mit großen Akteuren aus dem Silicon Valley hin zu lokaler Wertschöpfung und Qualifizierung. So verschiebt sich der Fokus von „Zugang zu KI“ hin zu „Aufbau von KI-Fähigkeiten im Land“ – also zu einer Fähigkeitspolitik, die sich in Trainingsbudgets, Bildungsmodellen und Vermittlungsprozessen widerspiegeln muss.

Auch auf Unternehmensseite fordert der CBI klare Umgestaltung: Unternehmen müssten „Einstiegspositionen und Karrierewege neu gestalten und neu denken“, um die Vorteile der KI voll ausschöpfen zu können. Die Argumentation ist dabei pragmatisch: KI beginnt laut Bericht, Einstiegsarbeit umzuprogrammieren, auf deren Basis spätere Fähigkeiten aufgebaut werden. Da sich routinemäßige analytische, administrative und redaktionelle Aufgaben leichter automatisieren oder KI-ergänzen lassen, verschiebt sich die Rolle von Berufseinsteigern. Wenn routinemäßige Aufgaben vor dem Aufbau neuer Lernpfade automatisiert werden, warnt der Bericht, könnte die Pipeline in Positionen auf mittlerer und höherer Führungsebene im kommenden Jahrzehnt schwächer werden.

Dass diese Verschiebung bereits sichtbar ist, stützt der Bericht mit offiziellen Daten: Die Wachstumszahlen für die drei Monate bis Juni zeigen höhere Zuwächse in Bereichen wie Programmierung, Beratung, Forschung und Entwicklung sowie professionelle Dienstleistungen, während eher routinemäßige Büro- und Unterstützungsfunktionen schrumpften. Rain Newton-Smith, die Hauptgeschäftsführerin des CBI, bringt den strategischen Zeithorizont auf den Punkt: „Das nächste Kapitel der KI wird sich nicht nur dadurch definieren, was wir erfinden, sondern auch dadurch, wie schnell wir sie im großen Maßstab einsetzen können“, sagte sie. Die Geschwindigkeit der Umsetzung entscheide, ob sich Chancen von KI in Produktivitäts- und Lohnzuwächse übersetzen lassen. Der KI-Minister Kanishka Narayan ergänzt die politische Seite mit dem Ziel, das Vereinigte Königreich zum führenden KI-Anwender in der G7 zu machen, und nennt konkrete Größenordnungen: bis 2030 sollen zehn Millionen Beschäftigten KI-Kompetenzen vermittelt werden, außerdem investiert die Regierung mehr als 200 Millionen Pfund in Unterstützung für Arbeitnehmer und Unternehmen bei der Einführung.


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