LONDON (IT BOLTWISE) – Gehirnscans nach dem Konsum gesüßter Wässer liefern Hinweise darauf, dass Zucker und kalorienarme Süßstoffe das Belohnungssystem unterschiedlich ansteuern. In einer randomisierten Crossover-Studie zeigten sich im Hypothalamus keine nennenswerten Unterschiede im zerebralen Blutfluss. Dagegen war die Veränderung im ventralen Tegmentum nach 25 g Sucrose niedriger als nach Wasser, Sucralose oder einem Monk-Fruit-Getränk. Gleichzeitig zeigten sich bei Allulose plus Stevia sowie bei Stevia andere Effekte in Regionen wie Amygdala und Putamen.

KI-gesteuerte? Nein: Gehirnscans zeigen Unterschiede zwischen Zucker und Süßstoffen
KI-gesteuerte? Nein: Gehirnscans zeigen Unterschiede zwischen Zucker und Süßstoffen (Foto: IT BOLTWISE)
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Ergebnisse aus der Gehirnforschung klingen zunächst paradox: Kalorienarme Süßstoffe werden in der Praxis oft wie eine homogene Alternative zu Zucker behandelt, doch die neuronale Wirkung scheint je nach Stoff unterschiedlich zu sein. Eine experimentelle Studie untersuchte dafür die Aktivierungsmuster im Gehirn nach dem Trinken von Wasser sowie von unterschiedlich gesüßten, gleich süßen Varianten von Wasser. Im Fokus standen dabei sowohl Regionen, die an Hunger und Durst mitwirken, als auch Areale, die Belohnung und Motivation steuern. Damit rückt die Frage in den Vordergrund, ob der Körper Süße immer gleich „übersetzt“ – oder ob die Energie- und Stoffwechseleigenschaften der Süßstoffe die Signalwege messbar verändern.

Technisch betrachtet basiert die Auswertung auf Änderungen des zerebralen Blutflusses, der als indirekter Marker für die Aktivität einer Hirnregion genutzt wird. Höhere Werte gehen typischerweise mit mehr neuronaler Aktivität einher, niedrigere dagegen mit gedämpften Signalen. Die Studie setzte auf eine randomisierte Crossover-Struktur mit wiederholten Messungen pro Person, wodurch sich interindividuelle Unterschiede im Grundrauschen der Hirnaktivität reduzieren lassen. Zu Beginn des Untersuchungszeitraums bekamen 30 gesunde Teilnehmende Magnetresonanztomografie-Scans sowohl für das Gehirn als auch für den Magen; zusätzlich wurden Fragen zu Appetit und Wohlbefinden erhoben.

Als Testgetränke dienten 500 Milliliter Wasser oder fünf ebenso süß schmeckende Varianten mit Zitrus/„Lemon-Lime“-Profil. Dabei reichte die Bandbreite von klassischer Sucrose (25 Gramm, 97 kcal) bis hin zu mehreren kalorienarmen bzw. nicht-nutritiven Süßstoffen: Sucralose, Stevia-Extrakt, Monk-Fruit-Extrakt sowie eine Kombination aus Allulose und Stevia-Extrakt. Nach dem ersten Schluck bewerteten die Teilnehmenden zudem Geschmack und Süße der jeweiligen Variante; alle Getränke wurden innerhalb von fünf Minuten getrunken. Die Messungen liefen anschließend über mehrere Zeitpunkte bis zu 45 Minuten nach dem Konsum, ergänzt durch Blutentnahmen zu Beginn und fünf weiteren Zeitpunkten bis zu einer Stunde – wobei an Tagen mit Wasser kein identischer Sweetener-Trigger gesetzt war.

Die Wirkung auf Regionen, die Appetitregulation und Energiehomöostase mitprägen, fiel im Kern erstaunlich ähnlich aus: Im Hypothalamus zeigte sich durch keine der Getränke ein differenzieller Effekt auf den zerebralen Blutfluss. Im ventralen Tegmentum (ventral tegmental area, VTA) dagegen offenbarte sich ein deutlicher Kontrast. Dort war die Veränderung des zerebralen Blutflusses 30 Minuten nach der Sucrose-Einnahme niedriger als nach Wasser sowie niedriger als nach Sucralose- und Monk-Fruit-getränkter Variante. Diese Muster deuten darauf hin, dass die neuronale Aktivität in einem Belohnungs- und Motivationsknoten nicht nur über „Süße“ allein getrieben wird, sondern offenbar auch über den spezifischen Stoff, der hinter der Süßwahrnehmung steckt.

Neben der Hauptauswertung wurden auch explorative Analysen ergänzt, die weitere Regionen sichtbar machten. So stieg der zerebrale Blutfluss nach einem Getränk mit Allulose plus Stevia in einem Areal um die Amygdala an, und Stevia allein erhöhte den Blutfluss im Bereich des Putamen gegenüber der Sucrose-Bedingung. Auch im Magen-Darm-Abschnitt tauchten differenzierte Effekte auf: Obwohl Allulose plus Stevia wenig Energie enthält, verzögerte es das Magenentleeren ähnlich wie das sucrosegesüßte Getränk. Gleichzeitig zeigte nur Sucrose einen Anstieg der Glukose- und Insulinkonzentrationen, was zur Einordnung passt, dass die Stoffwechselwege von „nicht vollständig äquivalenten“ Süße-Eingängen unterschiedlich getriggert werden.

Für die Einordnung in den Alltag ist auch das Konsumgefühl relevant: Alle süß schmeckenden Getränke wurden grundsätzlich ähnlich gut bewertet, mit einer Ausnahme. Monk-Fruit wurde im Vergleich zur Sucrose-Variante moderat weniger gemocht, außerdem wurde Monk-Fruit und das Allulose-plus-Stevia-Getränk als etwas weniger süß wahrgenommen als die Sucrose-Lösung. Gleichzeitig stuften die Teilnehmenden alle süßenden Varianten als süßer ein als Wasser – ein Hinweis darauf, dass sensorische Süße im Experiment wirksam kontrolliert wurde. Genau daran knüpft die eigentliche Aussage der Autorinnen und Autoren an: Selbst wenn LNCS-Getränke (low- oder no-calorie sweeteners) viele neuronale und gastrointestinale Antworten dem Wasser angleichen, bleiben Unterschiede in belohnungsbezogenen Gehirnarealen gegenüber 25 g Sucrose sichtbar.

Gleichzeitig mahnen die Studiendaten zur Zurückhaltung bei der Verallgemeinerung. Die Untersuchung basiert auf einer sehr kleinen Stichprobe, wodurch Unterschiede im Hirnantwortprofil, die in größeren Kohorten statistisch stabil sichtbar würden, hier möglicherweise nicht „durchkommen“. Hinzu kommt, dass die Teilnehmenden jung waren; ob sich die Muster bei anderen Altersgruppen reproduzieren lassen, bleibt offen. In der Praxis heißt das: Für Ernährungsentscheidungen und Produktdesigns ist das Ergebnis vor allem ein Hinweis auf mögliche Mechanismen, nicht auf eine universelle Gleichbehandlung aller Süßstoffe. Der vollständige Befund ist in der Studie „Brain and physiological responses to flavored waters with different sweeteners: a randomized crossover study in healthy young adults“ dokumentiert, veröffentlicht in The American Journal of Clinical Nutrition.

Für Industrie und Forschung ergeben sich daraus mehrere Ansatzpunkte. Erstens können sich Messgrößen wie Blutfluss-Surrogate im Belohnungssystem eignen, um Unterschiede zwischen Süßstoffen schon frühzeitig zu charakterisieren – selbst wenn Geschmackstests und viele periphere Parameter zunächst ähnlich wirken. Zweitens zeigt die Studie, dass Kombinationen wie Allulose plus Stevia nicht einfach „die Summe“ der Einzelwirkungen sind, sondern eigene Profile erzeugen können. Und drittens verschiebt sich die Diskussion von „Süße ja oder nein“ hin zu „welcher Süßstoff und welche Stoffwechselkopplung“. So wird das Thema für Unternehmen in der Getränke- und Convenience-Industrie konkreter: Die Auswahl des Süßstoffs ist nicht nur eine Frage der Kalorienbilanz, sondern kann auch die neurophysiologische Verarbeitung von Belohnung und Motivation beeinflussen.


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