LONDON (IT BOLTWISE) – Für psychische Belastungen im Arbeitsalltag fehlen offenbar vielerorts schnelle Zugänge. Die Zahlen aus Deutschland zeigen: Im Jahr 2025 steigen die Kosten der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall auf 85,6 Milliarden Euro. Gleichzeitig wächst der Anteil psychischer Diagnosen, während viele Beschäftigte trotz Erkrankung weiterarbeiten. Vor diesem Hintergrund rücken neue Präventionsansätze und eine stärkere Einbindung der Arbeitsmedizin in den Alltag von Unternehmen in den Mittelpunkt.

Wenn psychische Belastung in anspruchsvollen Studiengängen zur Regel wird, spiegelt sich das später oft im Arbeitsleben wider. Genau an diesem Übergang setzt eine Initiative der Technischen Universität Braunschweig an: Im Fachbereich Pharmazie wurden Ende August 2026 insgesamt 15 Ersthelfende für mentale Gesundheit ausgebildet. Hintergrund ist eine Befragung aus dem Jahr 2020 unter Pharmaziestudierenden, in der 94 Prozent das Studium als stressig einordneten; außerdem gab ein Achtel an, unter einer studienbedingten psychischen Erkrankung zu leiden. Für Unternehmen ist das mehr als eine Randnotiz, denn der Engpass entsteht nicht erst im Betrieb, sondern bereits vorher in der Entwicklung von Bewältigungsstrategien.
Die finanzielle Seite macht den Handlungsdruck deutlich. Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) beziffern die Kosten für die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall 2025 auf 85,6 Milliarden Euro, nach 81,2 Milliarden Euro im Vorjahr. Die Summe verteilt sich auf 72,5 Milliarden Euro Bruttoentgelte sowie 13,1 Milliarden Euro Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung. Als wichtige Treiber werden neben höheren Löhnen und einer gestiegenen Beschäftigungszahl auch der Anstieg des Krankenstands genannt, der zeitlich mit der Einführung der elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) im Jahr 2022 zusammenfällt. Für die Praxis heißt das: Prävention muss nicht nur Symptome adressieren, sondern auch die Systeme dahinter verbessern, die Erkrankungen sichtbar machen und frühzeitig abfangen.
Besonders relevant ist dabei, wie sich psychische Diagnosen über die Zeit entwickeln. Statistiken der AOK zeigen für 2024 im Schnitt 2,3 Arbeitsunfähigkeitsfälle pro Beschäftigtem. Auch die Verteilung nach Krankheitsbildern ist aufschlussreich: Atemwegserkrankungen stellen mit 82,2 Fällen je 100 Mitglieder den häufigsten Auslöser dar, während die Ausfalltage aufgrund psychischer Erkrankungen innerhalb von zehn Jahren um 43 Prozent zunehmen. Auffällig ist zudem die Dauer: Mit durchschnittlich 28,5 Tagen pro Fall liegen psychische Diagnosen überdurchschnittlich hoch. Hier wird ein strukturelles Problem sichtbar, denn lange Ausfallzeiten erhöhen nicht nur Kosten, sondern auch den Aufwand für die Wiedereingliederung, Vertretungsplanung und die Stabilisierung von Teams.
Der zweite Hebel ist der Umgang mit Krankheit im Alltag – Stichwort Präsenz trotz Beschwerden. Laut DGB-Index 2025 arbeiten zwei Drittel der Beschäftigten trotz bestehender Erkrankung; 44 Prozent davon tun das länger als eine Woche. Die Techniker Krankenkasse (TK) liefert dazu einen ähnlichen Eindruck: Mehr als ein Viertel der Befragten gab an, häufig krank zur Arbeit zu erscheinen. Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) beschreibt zudem demografische Unterschiede: Unter den Befragten bis 29 Jahre arbeiten 30 Prozent trotz Krankheit, wobei Frauen mit 60 Prozent deutlich häufiger betroffen sind als Männer mit 48 Prozent. Auch die Arbeitsform spielt hinein: Im Homeoffice berichten laut BAuA 46 Prozent, häufiger trotz gesundheitlicher Einschränkungen zu arbeiten. Für Führung und HR entsteht daraus eine klare Aufgabe: Nicht nur Gesundheitsangebote bereitstellen, sondern auch Anreize, Erwartungshaltungen und Kommunikationswege so gestalten, dass „Sich-Krank-Machen“ nicht zum stillen Karriere-Risiko wird.
Politisch und fachlich bewegt sich parallel dazu etwas im Gesundheits- und Präventionsverständnis. Ende Juli 2026 wechselte Dr. Carsten Linnemann in das Amt des Gesundheitsministers; Nina Warken ging in das Kanzleramt. In dieser Konstellation fordert die Deutsche Gesellschaft für Arbeitsmedizin und Umweltmedizin (DGAUM) eine stärkere Einbindung der Arbeitsmedizin in die allgemeine Prävention, und zwar angesichts von 46 Millionen Erwerbstätigen sowie lediglich 9.000 verfügbaren Betriebsärztinnen und Betriebsärzten. Mit dieser Größenordnung wird schnell klar, dass nicht jede Maßnahme in klassischer „Ein-Person-Beratung“ enden kann, sondern dass standardisierte Prozesse, Schulungen und digitale Unterstützungsformen an Bedeutung gewinnen. Parallel dazu unterstreicht der Verband deutscher Betriebs- und Arbeitsmediziner (VDBW) im September 2026 Kampagnen wie die Nationale Krebspräventionswoche, wobei unter dem Motto „Lass mal checken“ auf jährlich rund 520.000 Neuerkrankungen und etwa 230.000 Todesfälle aufmerksam gemacht werden soll; auch wenn Krebsprävention ein anderes Feld ist, zeigt die Kampagnenlogik, wie stark Öffentlichkeitsarbeit und betriebliche Angebote zusammenspielen können.
Für Unternehmen lautet die Konsequenz: Arbeitsplatzgestaltung und Führungskultur müssen zusammen gedacht werden, weil technische sowie organisatorische Anpassungen gleichermaßen Einfluss auf psychische und physische Gesundheit haben. In dem beschriebenen Kontext setzt etwa Rochholz auf ergonomische Assistenzsysteme für eine menschzentrierte Arbeitsplatzgestaltung. Ergänzend wird aus psychologischer und sportwissenschaftlicher Perspektive betont, dass Führungskräfte den Teamerfolg prägen, in der praktischen Umsetzung aber noch Defizite bestehen. Eine besonders anschlussfähige Idee kommt aus dem Leistungssport: Erholungsphasen und Schlaf sollen genauso konsequent geplant werden wie Belastung, um chronischem Stress und dem laut ICD-11 als Berufsphänomen klassifizierten Burnout-Syndrom vorzubeugen. Das ist keine reine „Wellness“-Agenda, sondern eine Planungsvorgabe: Schichtmodelle, Meetingdichte, Zielsysteme und Rückkopplungszyklen müssen so gestaltet werden, dass Erholung real stattfindet.
Damit Prävention nicht bei einzelnen Maßnahmen stehen bleibt, ist die Kombination aus Frühintervention, nachhaltiger Teamkultur und messbaren Betriebsprozessen entscheidend. Die Ausbildung von Ersthelfenden für mentale Gesundheit im Hochschulkontext liefert dazu ein praktisches Muster: Wer früh erkennt, kann schneller helfen, bevor aus Stress eine chronische Belastung wird. In der betrieblichen Umsetzung bedeutet das: klare Zugänge zu Hilfe, trainierte Ansprechpartner, niedrigschwellige Diagnostikwege und eine Führungskommunikation, die Krankheit nicht als Ausnahmefall behandelt, sondern als Signal. Wenn die Lohnfortzahlung weiter auf hohem Niveau bleibt und psychische Diagnosen über längere Zeiträume wirken, wird die nächste Baustelle weniger „mehr Benefits“ sein, sondern ein System, das Belastungen reduziert und gesundes Arbeiten ermöglicht – bevor Ausfallzeiten entstehen.
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