LONDON (IT BOLTWISE) – Der China-nexus Threat Actor Fire Ant hat nach einer VMware-Phase gezielt Cisco IOS XR-Router und die Authentifizierungsschicht dahinter übernommen. Auf den Geräten wurden Paketdaten abgegriffen, Anmeldedaten aus TACACS gesammelt und gleichzeitig Logging sowie Telemetrie unterdrückt. Laut Sygnia bleibt die Aktivität gegen besonders geschützte Ziele bislang bei Scans und Verbindungsversuchen, doch der gewonnene Router-Blick auf Transportwege erhöht den Auswertungsdruck für Verteidiger. Entscheidend ist nun, Routern, TACACS-Servern und Linux-Managementhosts als zentrale Forensik-Assets zu behandeln.

Fire Ant kompromittiert Cisco IOS XR-Router: TACACS- und Log-Bypass
Fire Ant kompromittiert Cisco IOS XR-Router: TACACS- und Log-Bypass (Foto: IT BOLTWISE)
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Im Zentrum der neuen Erkenntnisse steht ein technisch ungewöhnlicher Schritt: Fire Ant nutzt kompromittierte Cisco IOS XR-Router nicht nur als „Zugangspunkt“, sondern als Plattform für Sicht, Sammlung und Verschleierung. Die von Sygnia untersuchte Kampagne zeigt, wie schnell sich ein Angreifer von der anfänglichen Ausnutzung einer Plattformebene in Richtung Netzwerk- und Verwaltungsdomäne bewegen kann. Dabei geht es nicht allein um Reichweite. Sobald ein Angreifer Routen- und Kontrollpfade kontrolliert, entsteht eine Art strategische Beobachtungsposition über den Verkehr, der über vertrauenswürdige Pfade läuft.

Sygnia ordnet die Aktivität einer China-nexus Spionagegruppe zu, verweist jedoch ausdrücklich darauf, dass keine abschließende Attribution vorliegt. Der technische Verlauf führt über eine Anomalie an einem IOS XR-Router: Eine GRE-Tunnel-Interface war aktiv, ohne dass ein „running configuration“-Eintrag oder ein Commit-Historieneintrag die Einrichtung plausibilisieren würde. Auch wenn Sygnia den ersten Zugriff auf das System nicht rekonstruieren konnte, lässt sich aus dem weiteren Pfad die Angriffslogik ableiten: Die Spur des Tunnels führte zu einem Legacy-Linux-System, von dem aus wiederholte Verbindungsversuche und Port-Probing gegen Administrations- und Service-Ports auf verbundenen Netzwerken liefen. Genannt werden unter anderem SSH, HTTP, SMB und RDP.

Der maßgeschneiderte Charakter der Router-Komponente sticht besonders hervor. Die Malware war offenbar nicht einfach „Linux auf dem Router“, sondern für den IOS-XR-Control-Plane-Prozess ausgelegt. Ein eingebetteter, modifizierter Systemlibrary-Mechanismus prüfte jedes ausgehende Log-Element auf das Auftreten des Strings „Health“ und leitete nur dann weiter, was damit die normalen Hinweise im Logging weitgehend ausblendet. Zusätzlich veränderte Fire Ant den Pfad für die Kommandoausführung, indem es einen „| exclude“-Filter an das Anzeigen von Kommandos anhängte. So blieb die kritische Tunnel-Konfiguration für Administratoren, die das Gerät im Betrieb inspizieren, deutlich schwerer erkennbar.

Für die weitere Eskalation wurden die kompromittierten Router zu Datensammlern: Fire Ant erzeugte Paketaufzeichnungen (PCAPs) von mehreren Cisco-Geräten und lud sie anschließend auf externe FTP-Server hoch, wobei laut Sygnia mindestens ein Ziel offenbar am selben Tag eingerichtet wurde, an dem die Uploads stattfanden. Das ist mehr als nur „Traffic-Diebstahl“; es zeigt, dass die Angreifer den Netzwerkverkehr nicht nur als Nebenprodukt betrachten, sondern bewusst als forensisch verwertbares Material für spätere Bewegungen einsetzen. Parallel dazu verschiebt sich der Fokus auf die Authentifizierungsschicht: Auf dem TACACS-Server identifizierte Sygnia ein Toolset namens TacTap, bei dem ein Injector („acppid“) eine manipulierte Bibliothek in den laufenden tac_plus Authentifizierungsprozess einschleust.

Die technische Ausgestaltung der TACACS-Phase ist dabei einer der Punkte, die in der Untersuchung als weiterentwickelt beschrieben werden. Die injizierte Bibliothek „hookte“ Funktionen, die neue Verbindungen akzeptieren, übergab anschließend Live-Session-Handles an einen zweiten Prozess über einen lokalen Unix-Socket und schrieb die erfassten Credentials in die Datei „/var/log/.tacplus.acct“. Um die Datenbasis für den Abtransport aufzubereiten, erfolgte zudem eine leichte Obfuskation mit einer Ein-Byte-XOR-„Key“-Konstante von 0xEF. Sygnia hebt hervor, dass diese spezifische Bibliotheks-Injection im Kontext von tac_plus nach eigenem Wissen öffentlich zuvor nicht beschrieben worden sei. Ergänzend verweist die Analyse darauf, dass Credential-Theft aus TACACS+ im Umfeld der Gruppe als bewährtes Tradecraft gilt: Bereits dokumentierte Berichte zu UNC3886 nennen etwa einen TACACS+-Sniffer (LOOKOVER) und das Ersetzen des tac_plus Daemons durch eine präparierte Version, die ebenfalls Credentials mitschneidet.

Über die Authentifizierungsschicht hinaus baut Fire Ant eine dauerhafte Zugriffsschicht in den Tunnel-verbundenen Linux-Managementhosts auf. Sygnia beschreibt dafür „BridgeAgent“, einen Linux-Backdoor, der als Zabbix-Monitoring-Agent tarnt. Die Persistenz läuft über eine systemd-Einheit „zabbix_agent.service“, die als root läuft, den Prozess im Betrieb als „/usr/bin/gnome-shell“ tarnt und Befehle über TLS auf Port 443 abfragt; damit wird die Kommandologik in eine scheinbar „normale“ Serviceumgebung eingewoben. Zusätzlich ist ein Punkt relevant, der in der Praxis oft unterschätzt wird: Mindestens ein Backdoor soll nach dem Löschen der Datei von Disk noch im Speicher weitergelaufen sein. Damit reichen klassische „Datei existiert nicht mehr“-Indikatoren allein nicht.

Auf den Managementhosts setzt Fire Ant zudem auf weitere Werkzeuge, darunter open-source Rootkits (Medusa und REPTILE), benutzerdefinierte SSH-Backdoors sowie Binärdateien, die umbenannt und mit Zeitstempeln versehen wurden, um als Endpoint-Sicherheitsagenten erkennbar zu wirken. Dabei nennt Sygnia auch, dass mehrere Komponenten bereits 2025 abgelegt und für Hands-on-Aktivitäten in 2026 erneut verwendet wurden. Neben der Sammlung arbeitet der Angreifer konsequent an der Gegenforensik: Router-Logs, SNMP-Traps und Authentifizierungsanfragen sollen unterdrückt worden sein, auf Linux-Hosts wird laut Analyse SELinux deaktiviert, Login-Historien werden umgeschrieben und Systemprotokolle so bereinigt, dass Einträge für privilegierte Kommandos fehlen. Für Verteidiger ergibt sich daraus ein klarer Handlungsimpuls: Die Router selbst, TACACS-Server, Hypervisoren und Jump Hosts sollten als „First-Class Forensic Assets“ behandelt werden.

Aus strategischer Sicht fügt sich das Bild in einen breiteren Trend ein, den die Untersuchung auch indirekt adressiert: Eine gemeinsame CISA-nahe Advisory-Logik, die im August 2025 auf eine Salt-Typhoon-nah attribuierte Router- und TACACS+-Datensammlung abstellte, folgt demselben Grundmuster—Transportdaten und Administratorkredenziale aus Netzwerkrandbereichen. Fire Ant geht dabei in Details weiter, indem es die Router-Logs per programmatischer Filterlogik gezielt beschnitten und die TACACS-Session-Handles für Credentials in den laufenden Authentifizierungsfluss integriert. Interessant ist außerdem die Abgrenzung: Mandiant hat erklärt, technisch keine Überlappung zwischen UNC3886 und separaten chinesischen Operationen zu sehen, die zuvor unter den Namen Salt Typhoon und Volt Typhoon geführt wurden. Für Unternehmen bedeutet das vor allem eins: Beim Incident Response gilt ein Multi-Evidenz-Ansatz. Sygnia empfiehlt, Logs gegen Speicher-, Disk-, Netzwerk-, Authentifizierungs- und Konfigurationsartefakte zu validieren, statt sich auf eine einzelne Telemetriequelle zu verlassen.


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