ST. LOUIS / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine große Analyse von Urin-Drogentests zeigt: In Einrichtungen der Suchthilfe steigt die dokumentierte Verordnung von Gabapentin seit 2016 deutlich an. Gleichzeitig nutzen viele Patientinnen und Patienten das Mittel ohne verordnete Grundlage, wobei dieser Anteil im Zeitverlauf langsam zurückgeht. Die Studie stützt sich auf 206.161 Tests aus 2.053 Kliniken und verknüpft Medikamentennachweise mit Diagnosen sowie weiteren Substanzen. Besonders auffällig ist, dass die Erkennung von Fentanyl bei nicht verordnetem Gabapentin im Verlauf zulegt.

Gabapentin rückt in der Suchthilfe zunehmend in den Fokus, obwohl die wissenschaftliche Datenlage für diese Praxis eher schwach ist. Das Nerven-Schmerzmittel, das ursprünglich von der US-amerikanischen Zulassungsbehörde gegen partielle Anfälle und bestimmte Formen von Neuropathieschmerz genehmigt wurde, wird im Alltag häufig „off-label“ eingesetzt. In Zentren, die Substanzkonsumstörungen behandeln, taucht es laut einer nationalen Auswertung immer öfter als dokumentiertes Mittel auf – offenbar mit der klinischen Erwartung, Entzugssymptome, Angst, Schlafprobleme oder chronische Schmerzen abzufedern.
Die Studie knüpft dabei an zwei Beobachtungen an, die in der Versorgung oft nebeneinander existieren: auf der einen Seite mehr Verschreibungen an Patientinnen und Patienten in Behandlung, auf der anderen Seite ein ebenfalls zunehmender nicht-medizinischer Konsum in der Gesamtbevölkerung. Bei Menschen, die Gabapentin ohne Rezept verwenden, berichten Betroffene in der Praxis typischerweise von Selbstmedikation bei Schmerz oder Schlafstörungen oder von dem Versuch, Entzugssymptome zu dämpfen. Andere nehmen es offenbar auch mit dem Ziel, eine gewünschte Wirkung zu verstärken oder eine eigene „High“-Erfahrung zu erreichen – ein Motiv, das die Risiko-Perspektive zusätzlich schärft, weil es den Kontext von Polysubstanzgebrauch begünstigt.
Technisch betrachtet arbeitet die Untersuchung mit einem sehr konkreten Messansatz. Grundlage sind 206.161 Urin-Drogentests aus dem Zeitraum Januar 2016 bis Oktober 2023, erhoben bei Patientinnen und Patienten ab 18 Jahren in 2.053 Einrichtungen, verteilt auf alle 50 Bundesstaaten. Die Laborauswertung erfolgte mit Liquid-Chromatography-Tandem-Mass-Spectrometry (LC-MS/MS), einem Verfahren, das chemische Bestandteile in einem Gemisch trennt und über ihre Masse spezifische Wirkstoffe identifiziert. Die Forschenden prüften dabei das Auftreten von Gabapentin zusammen mit einer ganzen Reihe weiterer Substanzen, darunter auch relevante Opioide wie Fentanyl und Heroin sowie Stimulanzien wie Kokain und Methamphetamine, und ordneten die Befunde anschließend den Medikamentenlisten der Kliniken zu, um zwischen dokumentierter Verordnung und nicht verordneter Nutzung zu unterscheiden.
Die Ergebnisse zeigen eine klare Divergenz im Trendbild. Insgesamt hatten 5,9 % der untersuchten Stichprobe eine dokumentierte Gabapentin-Verordnung. Über die Zeit kletterte dieser Wert nahezu auf das Doppelte: von 3,9 % im Jahr 2016 auf 7,6 % im Jahr 2023. Die Verschreibungen stiegen dabei in allen Kategorien von Substanzkonsumstörungen, mit den höchsten Raten gegen Studienende bei Personen mit Störung im Bereich sedierender Substanzen. Bei den Patientengruppen zeichnete sich zudem ein demografisches Muster ab: Ältere Erwachsene (55+) waren am häufigsten betroffen, Frauen häufiger als Männer, und Diagnosen wie Angststörungen, Stimmungserkrankungen, Schlafstörungen sowie Schmerzen waren besonders eng mit einer dokumentierten Verordnung verknüpft.
Bei der Nutzung ohne Rezept verlief die Entwicklung anders. Gabapentin wurde ohne dokumentierte Verordnung bei 11,3 % der Gesamtstichprobe nachgewiesen – damit deutlich häufiger als die 5,9 % mit Rezept. Doch anders als bei den Verordnungen sank dieser Anteil über die Jahre stetig: von 15,2 % im Jahr 2016 auf 9,9 % im Jahr 2023. Auch hier zeigten sich Überschneidungen mit demografischen und klinischen Faktoren: Unverordneter Konsum trat häufiger bei älteren Personen auf und war besonders verbreitet bei Patientinnen und Patienten mit Medicare oder privater Krankenversicherung. Diagnosen im Zusammenhang mit Opioid- oder sedierenden Substanzen gingen ebenfalls überdurchschnittlich oft mit dem nicht verordneten Gebrauch einher; psychische Komorbiditäten wie Angst- und Stimmungserkrankungen korrelierten ebenfalls.
Besonders aufschlussreich ist die Verknüpfung mit dem übrigen Substanzspektrum. Die Studie berichtet eine starke Assoziation zwischen nicht verordnetem Gabapentin und dem Nachweis anderer Drogen: Für die untersuchten Substanzklassen lagen die Detektionsraten bei Personen ohne Rezept jeweils höher. Cannabis wurde in beiden Gruppen am häufigsten gefunden, aber ein Detail sticht hervor: Bei Personen ohne dokumentierte Gabapentin-Verordnung stieg die Fentanyl-Detektion während des Studienzeitraums von 12 % auf 29 %. Das unterstreicht, dass Gabapentin in solchen Situationen möglicherweise nicht isoliert betrachtet werden darf, sondern im Versorgungskontext von Polysubstanzkonsum und möglichen Versorgungs- oder Dokumentationslücken.
Gleichzeitig nennt die Studie Grenzen, die für die Einordnung entscheidend sind. Die Daten stammen aus Urin-Drogentests, die bei einer zentralen Laborstelle ausgewertet wurden; dadurch kann die Population nicht zwangsläufig exakt die Gesamtheit aller Menschen in Behandlung abbilden. Außerdem hängt die Kategorisierung „verordnet“ versus „nicht verordnet“ vollständig von den Medikamentenlisten ab, die die Kliniken für den Testauftrag angeben. Wenn ein Arzt Gabapentin nicht in das Formular einträgt, würde eine korrekt verordnete Einnahme fälschlich als unverordnet gelten. Und auch der direkte Schluss auf „nicht-medizinischen Gebrauch“ ist nur indirekt: Urinanalysen unterscheiden nicht sicher zwischen Einnahme nach Anweisung und Missbrauch in Dosierung oder Häufigkeit; zudem ist denkbar, dass Gabapentin als Beimischung im illegalen Substanzangebot auftaucht.
Für die Praxis ergibt sich daraus ein zweigeteiltes Bild: Einerseits steigen die dokumentierten Verordnungen über Jahre hinweg, obwohl die Literatur zur Wirksamkeit von Gabapentin gegen substanzbezogene Störungen insgesamt nur begrenzt belastbar ist. Andererseits sinkt der Anteil nachgewiesener Nutzung ohne Rezept langsam – was entweder auf bessere Steuerung, strengere Dokumentation oder veränderte Konsummuster hindeuten kann. Künftige Forschung soll genau dort ansetzen: Sie soll die Quellen der Verordnungen klären, also ob Suchtmediziner Gabapentin gezielt veranlassen oder ob es aus anderen Behandlungswegen in die Substanzkonsumtherapie „hineinwirkt“. Bis dahin bleibt die zentrale Management-Frage: Wenn ein Mittel ohne robuste Evidenzbasis in größerem Umfang eingesetzt wird, braucht es umso mehr Transparenz darüber, für welche Symptome es tatsächlich verordnet wird – und wie sich daraus langfristig Sicherheits- und Wirksamkeitsprofile für eine komplexe, multimorbide Patientengruppe ableiten lassen.
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