BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie zu Erstkonsumierenden von Psychedelika an Berliner Universitäten findet nach einem Jahr nur geringe Verschiebungen in den Big-Five-Werten. Es zeigt sich eine kleine Zunahme bei „Openness“ und eine entsprechende Abnahme bei „Conscientiousness“ im Vergleich zu Personen ohne Konsumerfahrung. Nachdem die Forschenden Alter, Geschlecht, Einkommen und weitere Substanzen sowie psychische Vorerkrankungen berücksichtigt haben, wird die Evidenz jedoch deutlich schwächer. Der Befund lässt sich damit nicht klar als kausaler Effekt des ersten Psychedelika-Erlebnisses interpretieren.

Die Diskussion um Psychedelika dreht sich seit Jahren um zwei gegensätzliche Versprechen: kurzfristige Veränderungen in Wahrnehmung, Emotion und Denken einerseits und potenziell längerfristige Effekte auf Persönlichkeit andererseits. Ein aktueller Beitrag aus der universitären Forschung an deutschen Studierenden setzt an einem entscheidenden Punkt an: Nicht nur kontrollierte Kleinststichproben, sondern auch die Situation im „echten Leben“ bei jungen Erwachsenen, die zum ersten Mal zu solchen Substanzen greifen. Laut den Daten eines Berliner Studentensurveys waren die beobachteten Veränderungen nach einem Jahr zwar messbar, aber klein – und vor allem nach der statistischen Einordnung nur begrenzt belastbar.
Im Zentrum der Untersuchung steht das Big-Five-Modell, das Persönlichkeit über fünf Dimensionen beschreibt: Openness (Offenheit), Conscientiousness (Gewissenhaftigkeit), Extraversion, Agreeableness und Neuroticism. Die Teilnehmenden beantworteten zu Beginn und nach etwa einem Jahr online Fragebögen und gaben zusätzlich Auskunft zu Substanznutzung, Alter, Geschlecht, Einkommen sowie psychiatrischen Diagnosen. Die Analyse umfasste 102 Personen, die beim ersten Befragungszeitpunkt berichteten, Psychedelika erstmals genutzt zu haben (Durchschnittsalter 23,52; 59,8% männlich), sowie 1.066 Personen ohne Konsumerfahrung als Vergleichsgruppe (Durchschnittsalter 23,35; 43,9% männlich). Insgesamt starteten 9.351 Studierende, für die Auswertung kamen nach dem Follow-up 1.443 Datensätze infrage.
Technisch betrachtet zeigt sich zunächst ein Muster, das zunächst plausibel wirkt: Gegenüber den nie Nutzenden berichteten Erstkonsumierende im Ausgangsmodell eine leicht höhere Offenheit für neue Erfahrungen und zugleich eine etwas geringere Gewissenhaftigkeit. Interessant ist dabei, dass die Effekte nicht breit über alle Persönlichkeitsdimensionen springen. Bei Extraversion, Agreeableness und Neuroticism – also Bereichen, die etwa Sozialität, Freundlichkeit oder emotionale Instabilität widerspiegeln – fanden die Forschenden keine klaren Hinweise auf Veränderungen. Genau diese Beschränkung ist für die Interpretation wichtig: Wenn ein Effekt über alle Facetten hinweg konsistent wäre, ließe sich ein stabiler Zusammenhang leichter begründen. Stattdessen spricht die fokussierte, schwache Veränderung eher für eine geringe Effektstärke oder dafür, dass andere Faktoren mit hineinspielen.
Als nächster Schritt prüften die Autorinnen und Autoren, wie robust das Muster bleibt, wenn zentrale Einflussgrößen berücksichtigt werden. In die Modelle gingen unter anderem Alter, Geschlecht, Einkommen, die psychische Vorgeschichte und auch die frühere Nutzung anderer Substanzen ein. Die Gesamtform des Befunds blieb zwar grundsätzlich sichtbar, aber die Aussagekraft sank: Die Evidenz reichte nicht mehr aus, um auszuschließen, dass die kleinen Unterschiede auch zufällig zustande kommen könnten. Genau an dieser Stelle kippt die Kausalinterpretation. Denn selbst wenn ein statistischer Zusammenhang vorhanden ist, bedeutet das ohne Randomisierung nicht automatisch, dass das erste Psychedelika-Erlebnis die beobachtete Persönlichkeitsverschiebung „verursacht“.
Zusätzlich vergleichen die Forschenden Erstkonsumierende von Psychedelika mit einer zweiten Gruppe: 24 Studierende, die beim erstmaligen Substanzkontakt statt Psychedelika eine andere illegale Droge ausprobiert hatten. In diesem Vergleich wurden die Unterschiede bei Openness und Conscientiousness nochmals deutlich schwächer. Das ist forschungspraktisch relevant, weil es Hinweise darauf liefert, dass nicht zwingend die spezifische Substanzklasse den Ausschlag gibt, sondern möglicherweise „Neuigkeitskonsum“ oder bestimmte soziale und situative Kontexte rund um das Experimentieren. In einer explorativen Teilanalyse zeigten Erstkonsumierende mit psychiatrischer Diagnose außerdem eine stärkere Abnahme beim Neuroticism; zugleich wurde in dieser Auswertung kein eindeutiger Unterschied nach Geschlecht beobachtet. Die Forschenden ordnen den psychiatrischen Teilbefund selbst als replizierungsbedürftig ein und betonen, dass daraus keine Aussage über einen therapeutischen Nutzen ableitbar ist.
Der Beitrag macht außerdem klar, wo die Grenzen der Methodik liegen. So basiert die Nutzungserfassung auf Selbstangaben und ist nicht randomisiert; damit fehlt ein zentraler Schutz gegen systematische Verzerrungen. Darüber hinaus erfasst die Studie nicht präzise, wann genau konsumiert wurde, welche Dosis eingenommen wurde, in welchem Setting und mit welcher Motivation. Auch die subjektive Intensität des Erlebnisses bleibt ohne Detailmessung. Schließlich kann ein Abstand von einem Jahr zwar Veränderungen zwischen Messzeitpunkten sichtbar machen, aber er beantwortet nicht automatisch die Frage, ob solche Verschiebungen dauerhaft stabil sind oder nur vorübergehend im Verlauf schwanken.
Für die Einordnung in die Technologie- und Datenlandschaft der psychologischen Forschung lässt sich der Befund als Beispiel für „begrenzte Kausalinterpretierbarkeit“ lesen: Große Datensätze und solide Messinstrumente helfen, Muster zu erkennen, aber die Kombination aus Selbstselektion, unvollständiger Expositionsbeschreibung und fehlender Randomisierung bestimmt, wie weit man von statistischen Effekten zu Ursache-Wirkung-Schlüssen gelangen darf. Wer in Forschung, Kliniken oder Beratungsumfeldern mit solchen Ergebnissen arbeitet, sollte deshalb besonders auf die Stärke der Effekte, die Robustheit nach Adjustierung und die Vergleichbarkeit zu anderen Substanzklassen achten. Der Beitrag erscheint in der Fachpublikation „Personality changes following first-time psychedelic use in college students in Germany“; als Autorinnen und Autoren werden Constantin Volkmann, Michael Seitz, Ricarda Evens, Moritz Bruno Petzold, Michael Koslowski und Felix Betzler genannt.
Unterm Strich lautet die zentrale Botschaft: Nach dem ersten Psychedelika-Versuch zeigen sich im Big-Five-Profil nur kleine Verschiebungen – und je stärker die Modelle an realistische Alternativerklärungen angepasst werden, desto weniger bleibt von einem klaren, substanzspezifischen Effekt übrig. Für weiterführende Arbeiten wäre deshalb entscheidend, Exposition und Kontext deutlich genauer zu erfassen, Effekte über längere Zeiträume zu verfolgen und stärker vergleichende Designs zu wählen. Erst dann lässt sich besser entscheiden, ob es sich um spezifische Folgen des Erlebnisses handelt oder eher um die Persönlichkeitsdynamik, die beim ersten „Experimentieren mit neuen Erfahrungen“ ohnehin angestoßen wird.
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