HAMM / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Oberlandesgericht Hamm hat im Verfahren einer Verbandsklage gegen DAZN Hinweise gegeben, dass die massiven Preiserhöhungen in den Jahren 2021 und 2022 voraussichtlich rechtswidrig waren. Betroffene Kunden sollen sich noch für rund drei Wochen in ein Klageregister eintragen, um Rückzahlungsansprüche anmelden zu können. Das Gericht kündigt eine Urteilsverkündung am 18. November an. Für DAZN ist damit insbesondere die Frage entscheidend, wie die konkrete Anspruchsprüfung ohne Kundennummern praktisch funktionieren soll.

Das Oberlandesgericht (OLG) Hamm rückt mit einem Hinweis aus der mündlichen Verhandlung in den Mittelpunkt, ob DAZN seine Preispolitik gegenüber Bestandskunden rechtmäßig umgesetzt hat. Konkret geht es um Preiserhöhungen in den Jahren 2021 und 2022, die im Rahmen einer Verbandsklage des Bundesverbandes der Verbraucherzentralen (VZBV) angegriffen wurden. Nach den Angaben im Verfahren bewerteten die Richterinnen dabei mehrere Klauselbestandteile vorläufig als problematisch – ein Urteil soll am 18. November folgen. Damit steht nicht nur eine einzelne Preisanpassung zur Debatte, sondern die Grundfrage, ob die Vertragslogik für Verbraucher transparent genug war, um die Berechtigung künftiger Preissprünge nachvollziehen zu können.
Technisch wirkt das Thema zunächst fern von klassischer IT, berührt aber indirekt zentrale Fragen, wie Abo-Plattformen operative Vertragsänderungen verwalten. Denn im Kern geht es um Vertragsbedingungen, die Preiserhöhungen an „veränderte Marktbedingungen“ knüpfen. Im Verfahren wurde laut Gerichtsvortrag moniert, dass die verwendeten Begrifflichkeiten für Verbraucher nicht verständlich genug waren. Die Vorsitzende Richterin Adrienne Siemers stellte darauf ab, dass Kunden nicht nachvollziehen konnten, in welchem Verhältnis die abstrakten Formulierungen zu den späteren, teils deutlich erhöhten Preisen standen. Für Unternehmen mit digitalen Abonnements ist das ein Lehrstück: Transparenz ist nicht nur eine juristische Formalie, sondern muss sich in der konkreten Nutzerkommunikation und in der tatsächlichen Daten- und Vertragsabwicklung wiederfinden.
Die finanzielle Dimension wird besonders greifbar, wenn man die genannten Beispielwerte betrachtet: Im Sommer 2022 soll der monatliche Preis für Bestandskunden von 14,99 auf 29,99 Euro angehoben worden sein. Der Streit dreht sich nach dem VZBV-Ansatz damit auch um Rückzahlungen, falls die Preiserhöhungen als rechtswidrig eingestuft werden. Das OLG Hamm setzte dabei bereits vor dem Urteil eine Richtung, die das Risiko für den Anbieter erhöht: Der Hinweis, dass die Preiserhöhungen voraussichtlich rechtswidrig waren, macht die weitere Prozessphase bis zur Entscheidung am 18. November besonders relevant. Parallel dazu hat das OLG München in einem anderen, vom VZBV geführten Verfahren die Preisanpassungsklausel aus dem Jahr 2022 bereits als unwirksam erklärt – diese Sache ist allerdings laut Darstellung noch nicht rechtskräftig, weil sie derzeit beim Bundesgerichtshof in Karlsruhe liegt.
Für die betroffenen Abonnenten stellt sich die Anspruchslogik in mehreren Stufen. Der VZBV bietet dafür einen Check an, der Schritt für Schritt klären soll, ob Nutzer anspruchsberechtigt sind. Wichtig ist dabei laut Quelle: DAZN musste in den Jahren 2021 und 2022 direkter Vertragspartner gewesen sein. Wer das Abo über Intermediäre wie Apple, Google oder etwa Sky abgeschlossen hat, soll dem Kreis der Berechtigten damit nicht entsprechen. Genau solche Abgrenzungen sind in digitalen Ökosystemen entscheidend, weil Nutzerbeziehungen oft über Plattform-Backends, Zahlungsabwicklungen und verschiedene Vertragsketten laufen. Dass das Verfahren zugleich einen kollektiven Verbraucherrechtsschutz adressiert, erhöht die Anforderungen an die praktische Nachvollziehbarkeit – sowohl für das Gericht als auch für den Anbieter.
Ein weiterer Spannungspunkt betrifft die Verjährung, die von DAZN thematisiert worden sein soll. Der 12. Senat des OLG Hamm positionierte sich dazu laut Quelle klar, dass eine Verjährungsgefahr in diesem Zusammenhang nicht bestehe. Auch bei der internationalen Zuständigkeit zeigte sich Reibung: DAZN machte geltend, dass kein deutsches Gericht zuständig sei, weil der Firmensitz in London liege. Das Gericht widersprach dieser Sicht und verwies darauf, dass die Forderungen sich an deutsche Abonnenten richteten und es um den kollektiven Schutz der Verbraucher gehe. Die Begründung wurde zudem als „Neuland“ für alle Beteiligten beschrieben, was den Charakter des Verfahrens unterstreicht: Es geht nicht nur um die konkrete Klausel, sondern auch darum, wie das Verbandsklagerecht in solchen Konstellationen praktisch greift.
Im weiteren Verlauf dürfte vor allem die Frage zentral werden, wie DAZN die Ansprüche der im Klageregister eingetragenen Nutzer prüfen kann. In der mündlichen Verhandlung wurde nach Darstellung ein „Prüfproblem“ angesprochen: Es gebe keine Kundennummern, registriert werde nur mit der E-Mail-Adresse. Ein DAZN-Anwalt sprach außerdem von Millionenbeträgen, um die es gehe. Offen bleibt aus den Angaben aber, ab welchem Zeitpunkt DAZN womöglich nicht nur die zu hohen Abogebühren (also die Differenz der Preiserhöhungen), sondern auch Zinsen zahlen müsste – ob der Zeitraum an das Datum der Preiserhöhung, die Einreichung der Klage oder den Eintrag ins Klageregister anknüpft. Genau diese Detailentscheidung entscheidet am Ende über den Umfang der Rückerstattung und damit über die tatsächliche Wirkung des geplanten Urteils.
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