BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie von Roland Berger im Auftrag des Zentralverbands der Deutschen Geflügelwirtschaft rechnet bis 2040 mit weiter steigender Nachfrage nach Geflügelfleisch. Für Hähnchen erwartet die Modellierung ein jährliches Wachstum von bis zu 3,4 Prozent und damit ein deutlich größeres Marktvolumen. Ohne zusätzliche Produktionskapazitäten könnte der Selbstversorgungsgrad von 91 Prozent auf 73 bis 77 Prozent sinken. Die Autoren fordern schnellere Genehmigungen, digitale Bürokratie-Entlastung und faire Wettbewerbsbedingungen in Europa.

Geflügelfleisch-Nachfrage bis 2040: Deutschland riskiert Importabhängigkeit
Geflügelfleisch-Nachfrage bis 2040: Deutschland riskiert Importabhängigkeit (Foto: IT BOLTWISE)
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Deutschland steuert laut einer Geflügelstudie 2026 von Roland Berger auf eine doppelte Dynamik zu: Der Hunger auf Geflügelfleisch wächst weiter, gleichzeitig bremst die Produktionsseite. Die Modellierung geht bis 2040 von einem Nachfragewachstum bei Geflügelfleisch in Höhe von 2,1 bis 2,5 Prozent pro Jahr aus, bei Hähnchen sogar von bis zu 3,4 Prozent. Damit wächst das Marktvolumen bis 2040 um gut 50 Prozent gegenüber dem Ausgangspunkt der Studie. Für die betriebliche Planung in der Landwirtschaft und in Schlachtung sowie Verarbeitung ist das entscheidend, weil Kapazitäten in diesen Bereichen nicht „über Nacht“ hochgefahren werden können.

Der Blick auf die Konsumgewohnheiten macht die Richtung klarer. Der gesamte Fleischverbrauch ist zwischen 2010 und 2025 laut Studie um rund 12 Prozent auf 76 Kilogramm pro Kopf gesunken, während Geflügelfleisch im selben Zeitraum um 28 Prozent auf rund 22 Kilogramm pro Kopf zulegte. Bei Hähnchen fällt das Plus mit 62 Prozent besonders hoch aus. Auch demografisch wirkt der Wandel: Nach einer Civey-Umfrage im Auftrag des Zentralverbands essen 80 Prozent der 16- bis 29-Jährigen mindestens einmal pro Woche Geflügelfleisch; „jeder zweite“ nennt Geflügel als am häufigsten verzehrte Fleischsorte. Die Studie verbindet diese Nachfrage nicht nur mit Geschmack und Proteinreichtum, sondern auch mit dem ernährungsphysiologischen Profil: Hähnchen- und Putenbrust liefern laut ausgewerteten Angaben rund 23 beziehungsweise 24 Gramm Protein pro 100 Gramm bei etwa ein bis zwei Gramm Fett.

Damit rückt ein wirtschaftlicher und klimapolitischer Spannungspunkt in den Fokus: Der CO2-Fußabdruck von Geflügel gilt in der Studie als besonders günstig, und der Trend hin zu mehr Geflügelfleisch soll zwischen 2010 und 2040 rund 25 Prozent CO2-Emissionen einsparen. Doch das ist nur dann nachhaltig „spiegelbildlich“ zur Versorgung, wenn heimische Produktion tatsächlich mitwächst. Genau hier setzt der Befund an: Der Verbrauch wächst doppelt so schnell wie die heimische Erzeugung. Ohne Gegenmaßnahmen prognostiziert die Studie, dass der Selbstversorgungsgrad von heute 91 Prozent auf 73 bis 77 Prozent sinken kann. Schon der Ist-Zustand deutet auf die Richtung hin: Der Importüberschuss hat sich zwischen 2014 und 2025 von 55.000 Tonnen auf 462.000 Tonnen mehr als verachtfacht; 82 Prozent der Geflügelfleischimporte entfallen auf Hähnchen.

Welche Risiken daraus folgen, wird in der Studie nicht nur mit Blick auf Preis- und Mengenvolatilität beschrieben, sondern auch mit Blick auf Versorgungsresilienz. Tierseuchen, geopolitische Konflikte, Exportbeschränkungen sowie schwankende Futter-, Energie- und Transportkosten können Lieferketten kurzfristig belasten. Für ein strategisch relevantes Lebensmittel reicht es aus Sicht der Autoren daher nicht, offene Märkte lediglich über Importe zu „glätten“. Die Branche argumentiert vielmehr, eine leistungsfähige heimische Produktion müsse als Sicherheitsnetz wirken, weil sie Lieferfähigkeit auch dann stabilisiert, wenn internationale Routen unter Druck geraten. Im Kern läuft das auf eine industriepolitische Frage hinaus: Wie schnell können Investitionen in Ställe sowie in zusätzliche Schlacht- und Verarbeitungskapazitäten in reale Kapazitäten übersetzt werden?

Aus Unternehmens- und Politikperspektive ist dabei vor allem der Umsetzungsteil wichtig. Der Zentralverband nennt Investitionen von mindestens einer Milliarde Euro in moderne Ställe sowie zusätzliche Schlacht- und Verarbeitungskapazitäten. „Beste Gegenmaßnahme gegen steigende Importabhängigkeit ist mehr heimische Produktion. Die Branche steht für Investitionen von mindestens einer Milliarde Euro bereit – Studie empfiehlt schnellere Genehmigungen, digitale Bürokratie-Entlastung, sichtbare heimische Qualität und faire EU-Rahmenbedingungen“, heißt es sinngemäß in der Präsentation. Wolfgang Schleicher, Geschäftsführer des ZDG, ordnet das zudem wirtschaftlich ein: „Wir stehen bereit, eine Milliarde Euro und mehr in zusätzliche Kapazitäten und moderne Ställe zu investieren. Das stärkt Arbeitsplätze und Wertschöpfung im ländlichen Raum und verbessert die Versorgung der Menschen mit einem hochwertigen, proteinreichen Lebensmittel.“ Gleichzeitig betont die Studie, dass die Maßnahmen keine Abschottung bedeuten, sondern eine ausgewogene Verbindung aus internationalem Handel und einer bundesweit breit aufgestellten heimischen Produktion.

Technisch betrachtet liegt der Hebel laut Studie weniger in der „Landwirtschaft an sich“ als in der Geschwindigkeit der Prozesse, die neue Anlagen ermöglichen. Die vier Handlungsfelder lassen sich als politisch-administratives Betriebssystem lesen: Erstens sollen Planungs-, Bau-, Umwelt- und Immissionsschutzverfahren einfacher, digitaler und verlässlicher werden, inklusive schnellerer Umnutzung leerstehender Ställe. Zweitens soll eine zentrale One-Stop-Agency das Prinzip „einmal erfassen, mehrfach nutzen“ umsetzen, damit bereits vorhandene Daten aus Qualitätssicherung, Tierwohlprogrammen und behördlichen Meldesystemen sicher verknüpft und Doppelmeldungen vermieden werden. Drittens sollen heimische Standards bei Nachhaltigkeit, Tierwohl, Biosicherheit sowie Umwelt- und Verbraucherschutz sichtbar und vergleichbar werden, etwa über Herkunftskennzeichnung auch in Gastronomie und Gemeinschaftsverpflegung. Viertens geht es um faire europäische Wettbewerbsbedingungen, inklusive vergleichbarer Auslegung und Vollzug von Tierwohl-, Umwelt-, Arbeits- und Kontrollstandards sowie äquivalenter Anforderungen oder Ausgleichsmechanismen bei Importen aus Drittstaaten.

Für Unternehmen und Verwaltung ist besonders die Idee der digitalen Entlastung relevant, weil sie die Grundlage für Planbarkeit schafft. Die Studie nennt keine konkreten KI-Modelle, aber sie zielt auf Datenverknüpfung, Wiederverwendung und Prozessautomatisierung: Genau dort kann Künstliche Intelligenz sinnvoll ansetzen, etwa um Eingaben zu validieren, Aktenlaufwege zu beschleunigen oder Rückfragen aus widersprüchlichen Datensätzen zu reduzieren. Entscheidend bleibt dennoch der Kontext: Bis 2040 könnten bei Hähnchen 130 bis 180 neue Ställe pro Jahr erforderlich sein, deutschlandweit, ergänzt um Kapazitäten in Schlachtung und Verarbeitung. Wenn diese Größenordnungen Realität werden sollen, müssen Genehmigungen, digitale Workflows und EU-Standards so zusammenpassen, dass Investitionsrechnungen nicht an Papierkram und Wartezeiten scheitern. Dr. Nicolas Wüthrich, Partner bei Roland Berger, bringt die Logik auf den Punkt: „Wir beobachten, dass Lieferketten anfälliger werden und geopolitische Verwerfungen schneller auf Agrarmärkte und Lebensmittelpreise durchschlagen. Es ist daher strategisch sinnvoll, die heimische Geflügelproduktion als starke Säule der Ernährungssicherheit und der Versorgung auszubauen. Dafür braucht es schnellere Genehmigungen für neue Anlagen, digital vereinfachte Verwaltungsprozesse, eine stärkere Sichtbarkeit heimischer Standards und vergleichbare Wettbewerbsbedingungen in Europa.“


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