LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie beschreibt, wie „malevolente Kreativität“ in konkreten Rache-Intentionen sichtbar wird. Befragte mit ausgeprägten narzisstischen Zügen und einer Vorgeschichte schädigender Verhaltensweisen generieren mehr schädliche und zugleich originelle Ideen. Überraschend ist: Das Ausmaß akuter Provokation sagt die Ergebnisqualität in den Analysen nicht allein so stark voraus. Die Arbeit setzt damit stärker bei der Vorgeschichte und Persönlichkeitsstruktur an als bei dem einzelnen Konfliktmoment.

Im Alltag wirkt Kreativität meist wie ein Motor für Kunst, Wissenschaft und Problemlösung. Die Forschung zeichnet jedoch ein anderes Bild: Kreativität kann auch gezielt dafür genutzt werden, anderen zu schaden, sie zu täuschen oder zu manipulieren. In der Studie, die im The Journal of Intelligence veröffentlicht wurde, wird dieses Phänomen unter dem Begriff malevolent creativity genauer untersucht – also kreative Problemlösung mit böswilliger Absicht. Der Fokus liegt dabei nicht nur auf der Frage, ob Menschen in Konflikten „schlaue“ Ideen entwickeln, sondern ob sich darunter besonders schädliche und besonders originelle Rachepläne finden.
Als theoretischer Rahmen dient das sogenannte AMORAL-Modell. Es verbindet persönliche Voraussetzungen – etwa eine Neigung zu kreativen Denkprozessen oder bestimmte Persönlichkeitsmuster – mit situativen Auslösern. Bei den relevanten Persönlichkeitsdimensionen spielt die „Dark Triad“ eine zentrale Rolle: Psychopathie (unter anderem mangelnde Empathie und hohe Impulsivität), Machiavellismus (strategisches, manipulierendes Vorgehen) und Narzissmus (Selbstbezogenheit, Grandiositätsgefühl und ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung). Besonders interessant ist in diesem Kontext die Annahme, dass Menschen mit hohen narzisstischen Ausprägungen empfindlicher auf Kränkungen oder ego-bedrohende Situationen reagieren. Dass Narzissmus in der Literatur zudem konsistenter mit selbstberichteter allgemeiner Kreativität zusammenhängt, stützt die Erwartung, dass sich dieses kreative Potenzial im Konflikt in bestimmte Bahnen lenken kann – anders als bei Traits, die eher impulsiv oder strategisch wirken.
Die konkrete Forschungsfrage lautet: Welche Faktoren bestimmen, wie gut Menschen in einer hypothetischen Konfliktsituation Racheideen ausarbeiten – und zwar über das hinaus, was man aus Alltags-Problem-Lösungsfähigkeiten und Persönlichkeitsmerkmalen ohnehin erwarten würde? Das Team um Natalie A. Ceballos, Carmen E. Westerberg und Ruby N. Sweet untersuchte dazu 248 Studierende in einer Online-Befragung. Zuerst erfassten die Teilnehmenden soziodemografische Angaben und bewerteten ihre Fähigkeit zu alltäglichem kreativem Problemlösen auf einer fünfstufigen Skala. Anschließend folgte ein Fragebogen zu bisheriger böswilliger Kreativität: Die Probanden gaben an, wie häufig sie etwa Lügen erfunden haben, um ein Problem zu vereinfachen, Racheideen entwickelt oder anderen Streiche gespielt haben. Zusätzlich wurde mit einem standardisierten Test erhoben, wie stark Narzissmus, Psychopathie und Machiavellismus ausgeprägt sind.
Um „malevolent ideation“ in einem realitätsnahen Denkprozess zu messen, nutzte die Studie eine Aufgabe mit einer erfundenen Konfliktsituation. Die Teilnehmenden lasen ein Szenario, in dem ein Nachbar Hilfe bei Renovierungsarbeiten in der Wohnung anfragt und anschließend eine Zahlung verspricht. In der Geschichte arbeitet die teilnehmende Person die Renovierung ab; der Nachbar leugnet später jedoch jede Vereinbarung und verweigert die Bezahlung. Auf dieser Basis sollten die Probanden möglichst viele originelle Ideen entwickeln, um sich für den Betrug zu rächen. Zwei unabhängige Rater bewerteten anschließend die Antworten und erzeugten daraus mehrere Kennwerte: eine Fluency-Komponente (wie viele Ideen insgesamt genannt wurden), einen Malevolence-Index (wie viele der Ideen als zumindest leicht schädlich bewertet wurden) sowie einen zusammengesetzten Score, der nur dann Punkte vergibt, wenn Ideen als schädlich und zugleich als hoch originell eingestuft wurden.
Die Ergebnisse zeigen eine arbeitsteilige Zuordnung: Unterschiedliche persönliche Faktoren sagten unterschiedliche Qualitäten des kreativen Outputs voraus. Die Selbsteinschätzung der Alltags-Problem-Lösungsfähigkeit prognostizierte vor allem die Menge der Racheideen – also die Fluency. Wer sich als gut darin sah, alltägliche Probleme zu lösen, lieferte tendenziell mehr Einfälle, unabhängig davon, ob diese besonders originell oder besonders schädlich waren. Dagegen spielten bei der Qualität – also bei der Bewertung „schädlich“ und besonders „originell“ – vor allem Persönlichkeit und Vorgeschichte eine größere Rolle: Hohe narzisstische Werte und eine dokumentierte Vergangenheit böswilliger Kreativität sagten sowohl den Malevolence-Index als auch den Gesamt-Score voraus. In der Studie bedeutet das praktisch: Wer in der Vergangenheit wiederholt Täuschungen, Streiche oder Rachehandlungen einordnen konnte, erzeugt in der Aufgabe nicht nur mehr „dunkle“ Ideen, sondern auch Ideen, die stärker durch einen „langen Atem“ und Originalität geprägt sind.
Ein besonders bemerkenswerter Befund betrifft die Rolle akuter Provokation. In der Aufgabe bewerteten die Teilnehmenden, wie stark sie sich im echten Leben provokiert fühlen würden, wenn das Szenario real wäre. Zwar korrelierte das Gefühl der Provokation mit dunkleren Ideen, aber in den statistischen Modellen blieb das Ausmaß der Provokation nicht als eigenständiger Prädiktor bestehen, sobald Vorgeschichte und Persönlichkeit berücksichtigt waren. Auch Psychopathie und Machiavellismus tauchten in den endgültigen Analysen nicht als einzigartige Treiber auf. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt weg von „Der Moment macht’s allein“ hin zu „Bestimmte Muster aus der Biografie und dem Selbstbild formen, wie kreatives Denken in Konflikten eingesetzt wird“.
Die Autoren ordnen das Ergebnis zudem klar ein: Das Studiendesign ist querschnittsbasiert, die Daten stammen aus einem Zeitpunkt. Entsprechend lässt sich nicht beweisen, dass frühere böswillige Handlungen kausal dafür verantwortlich sind, dass heute besonders originelle Racheideen entstehen. Hinzu kommt, dass die Stichprobe überwiegend junge Studierende in den USA umfasst und eher weiblich dominiert war; die Übertragbarkeit auf ältere Menschen, Männer oder andere kulturelle Kontexte ist daher offen. Außerdem beruhen zentrale Maße zur Vorgeschichte auf Selbstauskünften, die verzerrt sein können, wenn Teilnehmende sich möglichst positiv darstellen möchten. Schließlich basiert die Messung der Alltagskreativität auf einer einzelnen Frage, was die Erfassung komplexer Kreativitätsprofile möglicherweise verkürzt.
Für die weitere Forschung lassen sich daraus mehrere konkrete Wege ableiten: Eine Längsschnittstudie könnte sichtbar machen, ob „malevolent creativity“ mit der Zeit durch positive Verstärkung stabiler wird und sich zu einer automatisierten Denkstrategie in Konflikten entwickelt. Das Team nennt außerdem eine Anschlussrichtung aus der Neurowissenschaft: Mögliche neurophysiologische Korrelate böswilliger Kreativität zu identifizieren – etwa im Zusammenspiel mit akuter und chronischer Stressbelastung sowie Faktoren wie Schlafqualität. Für Unternehmen, die mit psychologischen Risiken in Teams oder mit Konfliktkommunikation zu tun haben, ist die praktische Botschaft dennoch schon jetzt ableitbar: Prävention sollte nicht nur auf die unmittelbare Auslösesituation schauen, sondern auch auf Muster aus der Vorgeschichte und auf Persönlichkeitsprofile, die wiederholt in Richtung manipulativer oder schädigender Problemlösungen driften.
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