LÜNEBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Europlant drängt darauf, die Züchtung hitzeresistenter Kartoffelsorten deutlich zu beschleunigen. Ziel ist, Ertragsverluste durch Klimawandel und den Vormarsch der Schilf-Glasflügelzikade innerhalb weniger als zehn Jahren abzufedern. Auf der PotatoEurope 2026 werden zudem praxisnahe Ansätze zur Zikadenabwehr getestet. Dabei rückt die Branche Kombinationsstrategien aus chemischen und mechanischen Maßnahmen sowie robustere Sorten in den Fokus.

Kartoffelbauern erleben den Klimawandel längst nicht mehr nur als saisonales Wetterphänomen, sondern als Druck auf den Ertrag, der sich in Hitze- und Trockenphasen sichtbar im Feld und später in der Vermarktung bemerkbar macht. Europlant bringt dafür einen klaren Zeithorizont ins Spiel: Die Pflanzenzucht müsse Sorten liefern, die extreme Temperaturen und Wasserknappheit besser verkraften – und zwar binnen weniger als zehn Jahren. Der Hintergrund ist wirtschaftlich direkt: Wenn sich Ertragsspitzen nach oben und Ernteunsicherheit nach oben verlagern, steigen die Kosten für Ausgleich, Lagerhaltung und Qualitätsabsicherung gleichzeitig, während die Margen bei vielen Betrieben bereits unter Druck stehen.
Für die Umsetzung nennt Europlants Chef der Pflanzenzucht in Lüneburg, Jörg Renatus, einen Sortenmix als erste Antwort – aber eben nicht als Abschluss. Mit der bereits vermarkteten Sorte Jelly hat das Unternehmen laut eigener Darstellung einen „festkochenden“ Baustein geschaffen, der Hitze besser ertragen soll. Danach folgen weitere Ergänzungen im Portfolio: Glorietta, Belana und Regina werden als Sorten beschrieben, die nicht nur den Hitzestress abpuffern sollen, sondern auch über eine dünnere Schale verfügen sowie eine längere Lagerfähigkeit ermöglichen. Renatus macht daraus eine Forderung nach Tempo und Breite: „Wir brauchen wesentlich mehr Sorten“ – und genau diese Lücke sieht er als entscheidend an, um die Landwirtschaft nicht in immer wieder neue Risiko-Phasen zu treiben.
Während Hitze das „Wetterargument“ liefert, kommt mit der Schilf-Glasflügelzikade der biologische Treiber hinzu. Die aus wärmeren Regionen stammende Insektenart wandert nach Norden und gilt zugleich als Überträger des Stolbur-Phänomens sowie des Syndroms des niedrigen Zuckergehalts. In der Pfalz wurden demnach bereits „Riesenschäden“ beschrieben: Die Knollen werden weich und zeigen eine pflaumige Beschaffenheit; der Schaden endet also nicht bei einer rein optischen Beeinträchtigung. Betroffen sind darüber hinaus auch Zwiebeln und Zuckerrüben. Niedersachsen und Schleswig-Holstein werden in diesem Zusammenhang noch als weitgehend verschont eingeordnet – aber gerade das macht die Handlungslogik so dringend, weil ein späteres „Abwarten“ dann nur zu späteren Ernteausfällen führt.
Damit verlagert sich der Fokus von der reinen Züchtung auf integrierte Praxis: Auf der PotatoEurope 2026 in Springe bei Hannover, die bis Donnerstag läuft, präsentieren Fachleute Versuchsergebnisse zur Zikadenabwehr. Auffällig ist dabei die Verknüpfung von Kulturen und Messmethoden: Erstmals findet die Veranstaltung gemeinsam mit der SugarBeet Expo statt. Inhaltlich geht es im Kern um Kombinationen aus chemischen und mechanischen Herbizidstrategien sowie um robuste Sorten, die den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln senken helfen sollen. Aus technischer Sicht ist das weniger ein „Entweder-oder“ als ein Systemgedanke: Wenn mechanische Maßnahmen Schädigungsdruck reduzieren, kann der verbleibende Restbedarf an chemischen Mitteln sinken – vorausgesetzt, die Sorten zeigen im Feld eine stabile Leistung unter Stress.
Genau hier prallen in der Debatte zwei Zeithorizonte aufeinander: Pflanzenzüchtung benötigt Entwicklungskapazitäten, Selektionszyklen und Validierung, während Regulierung in der Praxis oft zusätzliche Pufferzeiten erzeugt – etwa durch Verzögerungen bei der Zulassung oder durch pauschale Verbote chemischer Mittel. Europlant argumentiert deshalb, dass gerade jene Betriebe am stärksten getroffen werden, die ohnehin mit steigenden Kosten und sinkenden Margen kämpfen. Der Kern der Position: Staatliche Steuerung könne Ertragssicherheit nicht „verordnen“, wenn am Ende keine ausreichend freien Sortenwahlmöglichkeiten und keine schnellen Marktzulassungen bereitstehen. Für Unternehmen und Landwirte bedeutet das, dass die Innovationsgeschwindigkeit entlang der gesamten Kette – von Zuchtprogrammen bis zu verfügbaren Saatgutoptionen – zum Engpass werden kann.
Am Ende dreht sich die Diskussion um Wettbewerbsfähigkeit. Der Branchenansatz lautet: Züchtung und Sortenentwicklung sind nicht nur Reaktion auf Krisen, sondern ein aktiver Hebel, um Klimarisiken und Schädlingsdruck zu managen, statt sie nur zu verwalten. Mit dem vorgestellten Portfolio aus Jelly sowie den Ergänzungen Glorietta, Belana und Regina zeigt Europlant zumindest, wie die Richtung aussehen kann. Entscheidend ist nun, wie schnell aus einer ersten Sortenrunde eine breite, belastbare Auswahl wird – und ob der Rahmen für Zulassung und Sortenfreiheit so gestaltet bleibt, dass Züchtung ihren Vorteil tatsächlich ausspielen kann. Aus Sicht der Praxis wäre damit weniger Bürokratie und weniger pauschale Verbotslogik der produktive Weg, damit die „Menschen, die wirklich anbauen“ schneller auf neue Risiken reagieren können.
In der Folge wird die PotatoEurope 2026 nicht nur eine Messe für Ergebnisse, sondern ein Testlabor für Strategien: Wie gut lassen sich mechanische Eingriffe mit gezielten Pflanzenschutzfenstern verzahnen, ohne die Wirksamkeit zu verlieren? Und wie stark tragen robuste Sorten dazu bei, dass in einer Saison weniger „Notfall“-Einsätze nötig werden? Wenn diese Versuchslogik in den Alltag überführt werden kann, entsteht ein belastbares Modell, das Ertragssicherheit eher über Resilienz als über kurzfristige Gegenmaßnahmen organisiert.
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