LONDON (IT BOLTWISE) – Ermittler ordnen einen Angriff auf PaperCut NG/MF einer KI-gestützten Agenten-Workflow-Kette zu. Der mutmaßliche Akteur soll mit Hunderten KI-Agenten mindestens 440 Instanzen bei 395 Organisationen in 48 Ländern kompromittiert haben. Aus einer schnellen Entwicklung im Labor heraus startete die Kampagne laut Beobachtern innerhalb von Stunden auch bei realen Zielen. Unklar bleibt, ob es primär um den Zugriffsausbau für Folgeakteure oder um direkte Ziele wie Datendiebstahl und Ransomware geht.

KI-Agenten automatisieren PaperCut-Angriffe auf 440 Systeme
KI-Agenten automatisieren PaperCut-Angriffe auf 440 Systeme (Foto: IT BOLTWISE)
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In den Sicherheitsforschungen sorgt vor allem eine neue Qualität von Automatisierung für Unruhe: Ein mutmaßlicher Angreifer soll nicht nur klassische Exploit-Schritte abarbeiten, sondern den gesamten Angriff von der Schwachstellenanalyse bis zur wiederholten Validierung als „agentische“ Pipeline organisiert haben. Laut Auswertungen mehrerer Threat-Intelligence-Teams begann die Aktivität über eine konkrete IP-Adresse (45.142.193[.]132), die zuvor schon mit Port-Scanning und Brute-Force-Versuchen in Verbindung gebracht wurde. Die Kampagne richtet sich dabei auf zwei kürzlich bekannt gewordene Schwachstellen in PaperCut NG/MF, die in der Kombination sowohl einen Authentication-Bypass als auch eine anschließende Kette bis zum Remote Code Execution ermöglichen. Auffällig ist zudem die geografische Breite: Betroffen sein sollen unter anderem die USA, das Vereinigte Königreich, Frankreich, Spanien, Kanada, Australien, Deutschland sowie die Schweiz.

Technisch betrachtet passt die Vorgehensweise gut in das Muster, das sich bei papierförmigen „Initial Access“-Angriffen über die letzten Jahre herausgebildet hat: Sobald die Hürde der Authentifizierung fällt, wird die Kompromittierung systematisch in einen gleichförmigen Ablauf überführt. In den Beobachtungen wird beschrieben, dass nach erfolgreicher Ausführung Post-Exploitation-Schritte wie das Sammeln von Windows-Registry-Hives gestartet wurden. Dazu kamen Java-Nutzlasten, die im Umfeld von Metasploit/Meterpreter-Funktionalität stehen, sowie Befehle zur Ermittlung von Hosts, Benutzern, laufenden Prozessen und sensiblen Konfigurationen. Für Betreiber ist dabei weniger „die einzelne Payload“ das zentrale Problem, sondern die Tatsache, dass die Angriffslogik anscheinend in der Lage ist, erkannte Unterschiede in Echtzeit zu verwerten und daraus erneute Versuchs- und Debug-Schleifen abzuleiten.

Der entscheidende Hebel liegt laut Berichten jedoch in der KI-unterstützten Agentensteuerung. Es wird behauptet, dass der Akteur nach einem ersten Zugriff in einer selbst gehosteten Laborumgebung hunderte KI-Agenten mit Modell- und Toolmix betrieben habe, darunter OpenAI Codex und ein DeepSeek-Modell, kombiniert mit öffentlich verfügbaren Offense-Tools wie Mimikatz, SharpHound, Certipy, Rubeus und Impacket. Das Labor diente dabei nicht nur zum Proof-of-Concept, sondern als Entwicklungs- und Testumgebung, in der parallel an Workflows gearbeitet wurde. In diesem Kontext wird auch beschrieben, dass Zielkandidaten über eine Internet-Scanning-Quelle aufgebaut wurden, wobei ein identifizierter API-Schlüssel zur Erstellung von Target-Listen genutzt wurde. Nach außen zeigt sich das als Tempo: Einem Zeitfenster von unter vier Stunden zwischen einem leeren Workspace und Remote Code Execution bei einem echten Opferziel wird ebenso Bedeutung beigemessen wie der Aussage, dass nach Kampagnenstart innerhalb von Sekunden erste Dutzend-Komplexe kompromittiert worden seien.

Besonders wertvoll ist in solchen Fällen die Rekonstruktion des „Workflow-Lebenszyklus“: Blackpoint ordnet den Angriff einem freigelegten Operator-Setup zu, das den KI-gestützten Ablauf vom Research über die Exploit-Entwicklung bis zur Ausführung zeigt. Entscheidend ist dabei die Rückkopplungsschleife. Statt einmalig einen Treffer zu landen, sollen wiederholte Retry-Wellen gefahren werden, Fehler werden klassifiziert, Codeänderungen werden übernommen, und das Projektstatements werden über mehrere Stufen hinweg konsistent gehalten. Aus der beschriebenen Vorgehensweise wird außerdem klar, dass der Targeting-Teil nicht nur aus einer simplen IP-Liste besteht: Kandidaten werden geolokalisiert, nach Land gefiltert und es wird eine definierte Exklusionspolitik eingesetzt. Gleichzeitig soll die Kampagne nicht immer vollständig „landen“, was eigentlich ausgeschlossen werden sollte; in den Berichten wird genannt, dass es trotz expliziter Länder-Ausschlüsse zu Opfern in einigen der ausgeschlossenen Regionen gekommen sei. Für die IT-Sicherheit bedeutet das: Wenn die Filterlogik nicht sauber durchgesetzt werden kann, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass auch Neben-Szenarien betroffen sind, und damit die notwendige Alarmierungs- und Detektionsabdeckung.

Auf der Ebene der Umsetzung wird außerdem deutlich, wie eng KI-gestützte Agentensteuerung mit klassischem Attack-Engineering verzahnt ist. In den Auswertungen wird erwähnt, dass die Ziele im letzten Stadium nach Betriebssystem und Umgebung kategorisiert werden, inklusive separater Listen für aktive Ziele, nicht erreichbare Systeme, Systeme mit fehlenden Stufen sowie solche, die für Post-Exploitation- oder Retry-Aktionen „eligible“ sind. Damit wird das klassische Problem der „gleichbleibenden Behandlung“ von Fehlschlägen aufgebrochen: Ein erfolgloser Versuch in einer früheren Phase muss nicht bedeuten, dass das Ziel endgültig „unbrauchbar“ ist. Ergänzend sollen Python-Skripte den Fortschritt späterer Stufen wie Administratorzugriff, Konto-Verifikation, Active-Directory-Sammlung, Domain- und Netzwerk-Discovery sowie das Setup von Proxys nachhalten; Fehlschläge werden protokolliert, damit das Framework sich anpassen und den nächsten Schritt priorisieren kann. Unterm Strich verschiebt sich der Aufwand: weniger manuelles Debugging, mehr systematisches Iterieren über viele reale Systeme.

Interessant ist dabei die Wirtschaftlichkeit: Blackpoint formuliert sinngemäß, dass der stärkste KI-Effekt nicht in einer völlig neuen Exploit-Technik lag, sondern in der Reduktion menschlicher Arbeit für Research, Entwicklung, Debugging, Klassifikation, Tracking, Retry und kontinuierliche Verbesserung. Diese Verschiebung senkt die „Kosten pro erfolgreicher Kampagnenschleife“, weil weniger spezialisierte Handarbeit nötig ist, um aus Fehlern schnell wieder einsatzfähigen Code zu machen. Als unterstützende Bausteine werden zwei Open-Source-Komponenten genannt: Hindsight als persistenter Memory-Dienst für KI-Agenten und AionUi als einheitlicher grafischer Arbeitsbereich, um mehrere KI-Agenten parallel zu starten und Ergebnisse sichtbar zu machen. Für Unternehmen, die PaperCut NG/MF betreiben, heißt das: Patch-Management bleibt Pflicht, aber zusätzlich gewinnen Detektionssignaturen gegen den beschriebenen Agenten-Workflow an Gewicht – etwa Indikatoren für atypische Registry-Hive-Abfragen, wiederholte Remote-Probing-Muster und eine ungewöhnliche Sequenz aus AD-Discovery und Credential-Harvesting-Tools nach dem ersten Zugriff.


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