LONDON (IT BOLTWISE) – Das Startup Besxar will die Fertigung fortschrittlicher Halbleiter teilweise ins All verlagern. Als Begründung nennt das Unternehmen das Vakuum im Orbit, das auf der Erde aufwendige Reinraumtechnik ersetzen soll. Besxar nutzt dafür vereinbarte Starlink-Starts mit SpaceX und berichtet von ersten erfolgreichen Tests. Entscheidend bleibt aber, ob sich die Transportkosten durch häufigere und günstigere Raketenstarts senken lassen.

Die Idee klingt auf den ersten Blick wie ein Symbol für „alles geht“, technisch betrachtet ist sie jedoch eine sehr konkrete Antwort auf ein altes Skalierungsproblem der Chipindustrie: Reinräume sind teuer, energieintensiv und in ihrer Partikel- und Prozesskontrolle extrem aufwendig. Genau hier setzt das Startup Besxar an und plant, die Fertigung von Halbleitermaterialien ins All zu verlagern. Statt die notwendigen Bedingungen auf der Erde durch Abschottung, Druckregelung und Partikelminimierung zu erzeugen, will Besxar die natürliche Umgebung des Weltraums nutzen und damit einen Teil der Infrastruktur entbehrlich machen.
Im Zentrum steht ein Ansatz, der mit dem Orbit als „Prozesskammer“ arbeitet. Auf der Erde müssen Chipfabriken kontrollierte Atmosphären und sehr niedrige Partikelraten sicherstellen, weil bereits kleine Verunreinigungen die Herstellung von Wafern beeinträchtigen können. Besxar argumentiert, dass das Vakuum im All diese Begrenzung entschärft: Dort ist die Partikelbelastung bereits deutlich geringer, ohne dass ein Reinraum mit extremem Aufwand nachgebildet werden muss. Für die KI-gestützte Produktentwicklung und spätere Prozessoptimierung ist das auch deshalb interessant, weil sich Prozessdaten aus einer neuen Umgebung mit den bestehenden Modellen für Ausbeute und Defektentstehung verknüpfen lassen würden – zumindest sofern die Messkette über die Rückgewinnung der Proben stabil bleibt.
Als konkreten Einstieg wählt Besxar nicht direkt eine „All-Fabrik“, sondern testet in kleinen Container-Einheiten. Nach Unternehmensangaben besteht die Zusammenarbeit mit SpaceX aus einer Vereinbarung über insgesamt zwölf Missionen für die Prototypenpflege. Die ersten Versuche fanden bereits im Juli im Rahmen eines Starlink-Starts statt: Dabei brachte Besxar zwei sogenannte „Fabships“ ins All. Die kleinen Behälter sollen dabei nachweisen, dass die Technik den Start übersteht, die Wafer-Proben währenddessen vor Verunreinigungen schützt und sie anschließend dem Vakuum aussetzt. In dem Test zeigte sich nach Angaben des Unternehmens trotz eines Problems mit dem Flugdatensystem eines Behälters ein insgesamt erfolgreiches Ergebnis.
Besonders spannend ist dabei die Aussage zur Rückführung und zum Zustand der Proben. Laut Besxar verlief der Test trotz der Funktionsstörung des Flugdatensystems eines Behälters erfolgreich; die zurückgeführten Proben hätten sogar weniger Partikel aufgewiesen als vergleichbare, nicht ins All gebrachte Wafer. Damit adressiert das Projekt einen Kernzweig der technischen Skepsis: Es genügt nicht, dass der Orbit „leer“ ist – entscheidend ist, ob der gesamte Prozessweg vom Start bis zum Einsetzen der Proben die Verunreinigungsbilanz verbessert. Die Ursache der Fehlfunktion untersucht Besxar noch, was in der Praxis zugleich zeigt, wie stark die Systemtechnik neben der eigentlichen Halbleiterumgebung über den Erfolg entscheidet.
Aufbauend auf den ersten Tests beschreibt Besxar eine mehrstufige Roadmap über ungefähr zwei Jahre. Zunächst soll im Orbit das Erhitzen von Wafern sowie das Abscheiden einzelner Materialien erprobt werden. Danach plant das Startup, mehrere Materialien zu kombinieren – also eine schrittweise Annäherung an komplexere Prozessfolgen, wie sie bei modernen Materialien und Schichtsystemen typisch sind. Langfristig nennt Besxar die Idee größerer Produktionsanlagen im All, ausdrücklich inklusive potenzieller Hardware mit Blick auf die noch in Entwicklung befindliche Starship-Rakete von SpaceX. Für die Industrie ist diese Staffelung methodisch plausibel: Man beginnt mit kontrollierbaren Teilprozessen und erweitert erst dann die Prozesskette, wenn Messdaten und Handhabungskonzepte robust sind.
Die Herausforderung ist damit weniger die Physik des Vakuums, sondern die Logistik und Wirtschaftlichkeit. Halbleiterproduktion ist im Regelfall auf Skaleneffekte angewiesen: Wenn Teile im Orbit gefertigt werden, müssen sie anschließend zur Erde zurück, weiterverarbeitet und in größere Fertigungslinien integriert werden. Genau hier kommt das zweite große Problem ins Spiel: Für eine wirtschaftliche Produktion wären deutlich größere Mengen nötig, während die Test- und Prototypenphase naturgemäß klein startet. Besxar verknüpft die Realisierbarkeit daher mit der Frage, wie günstig und häufig Starts künftig verfügbar sein werden. Das Unternehmen rechnet perspektivisch mit Hunderten bis Tausenden Wafern pro Produktionsanlage – eine Größenordnung, die nur dann betriebswirtschaftlich Sinn ergibt, wenn Transport je Start und pro Nutzlast spürbar besser skaliert.
Dass der Gedanke nicht völlig neu ist, zeigt die Bewegung in der Branche hin zu „raumgestützter“ Fertigung. Auch andere Initiativen arbeiten an Halbleiterproduktion unter Weltraumbedingungen; zugleich bleibt der Transport der Engpass, weil der Orbit ohne Rückkanal keine geschlossene Wertschöpfung darstellt. In diesem Kontext dürfte Besxars Nutzenversprechen besonders genau daran gemessen werden, wie gut sich die Prozessqualität gegenüber Referenzwafern nachweisen lässt und wie konsistent die Messung über Missionen hinweg gelingt. Für Unternehmen aus dem Halbleiter-Ökosystem bedeutet das: Wenn das Konzept tatsächlich Reinraumkosten oder Prozessschritte reduziert, entstehen neue Ansatzpunkte für Partnerschaften – etwa bei der Materialcharakterisierung, bei der Ausbeuteanalyse oder beim Transfer von Prozessfenstern aus dem Orbit in irdische Fertigung. Ob sich daraus ein tragfähiges Geschäftsmodell entwickelt, hängt jedoch letztlich an der gleichen Stelle wie bei allen Raumfahrt-Industrialisierungen: an der Verfügbarkeit günstiger, häufiger Starts und an der Fähigkeit, aus einmaligen Demonstratoren wiederholbare Produktionsabläufe zu machen.
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