LONDON (IT BOLTWISE) – Laut einer Sonderanalyse zum DAK-Kinder- und Jugendreport 2024 weichen die ADHS-Neudiagnosen in Thüringen deutlich vom bundesweiten Trend ab. Während in Deutschland die Neudiagnosen um 16 Prozent steigen, sinkt die Zahl im Freistaat im Vergleich zum Vorjahr um 9 Prozent. Hochgerechnet betrifft das in Thüringen rund 3.800 Kinder und Jugendliche. Der Report ordnet die Entwicklung ein, während Fachärzte Engpässe bei Diagnostikplätzen und lange Wartezeiten als mögliche Erklärung nennen.

Die Zahlen zu ADHS-Neudiagnosen sind für viele Familien mehr als nur Statistik: Sie entscheiden darüber, wie schnell aus Verdacht ein behandelbarer, klar strukturierter Plan wird. Für 2024 zeigt eine Sonderanalyse zum DAK-Kinder- und Jugendreport ein Muster, das sich geografisch auseinanderzieht. Bundesweit wurden demnach 16 Prozent mehr Neudiagnosen der Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) gemeldet, während in Thüringen gegenüber dem Vorjahr ein Rückgang von 9 Prozent zu sehen ist. Hochgerechnet entspricht das im Freistaat rund 3.800 betroffenen Kindern und Jugendlichen.
Technisch und methodisch lohnt sich ein Blick auf die Datenbasis, weil ADHS-Diagnosen stark vom Versorgungspfad abhängen. Die Auswertung stützt sich auf Abrechnungsdaten von rund 19.100 versicherten Minderjährigen und wird laut Bericht durch Vandage sowie die Universität Bielefeld aufbereitet. Auf dieser Grundlage macht der Report auch Unterschiede nach Geschlecht sichtbar: In Thüringen erhielten etwa 2.500 Jungen eine Neudiagnose, das entspricht einem Rückgang von 11 Prozent. Bei den Mädchen sank die Zahl um 6 Prozent auf rund 1.300 Betroffene.
Während Thüringen also gegenläufig läuft, verschiebt sich bundesweit das Bild insbesondere bei Mädchen deutlich nach oben. Hochgerechnet meldet der Report bundesweit rund 202.000 junge Menschen mit einer ADHS-Neudiagnose, davon 136.500 Jungen und 65.000 Mädchen. Auffällig ist dabei der Anstieg bei den Mädchen: +21 Prozent gegenüber dem Vorjahr, und im Vergleich zu 2020 liegt die Steigerungsrate sogar bei 46 Prozent. Als bundesweite Prävalenz über alle Altersgruppen von 3 bis 17 Jahren nennt der Report 5 Prozent. Gerade die Altersgruppe der 10- bis 14-Jährigen wird in diesem Kontext herausgehoben: Dort lag die Quote 2024 bei rund 18 von 1.000 Kindern, gegenüber 15 von 1.000 im Vorjahr.
Genau an dieser Stelle setzen jedoch die Warnungen aus der Versorgung an. Fachvertreter des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) in Thüringen machen laut Bericht darauf aufmerksam, dass ein Rückgang der gemeldeten Zahlen nicht automatisch bedeutet, die Erkrankungshäufigkeit gehe zurück. Als mögliche Ursachen nennen sie gravierende Engpässe bei Diagnostikplätzen sowie lange Wartezeiten für betroffene Familien. Dieses Argument passt zu einem typischen Mechanismus in der ambulanten Diagnostik: Wenn Kapazitäten fehlen, werden Fälle zwar nicht „verschwinden“, aber sie tauchen später oder gar nicht in den Abrechnungsdaten auf.
Neben ADHS rückt der Bericht weitere Belastungsfaktoren in den Fokus, die viele Kommunen, Schulen und Gesundheitsämter aktuell beschäftigen. Der DAK-Präventionsradar für das Schuljahr 2025/2026 befragt rund 30.000 Kinder und Jugendliche und zeichnet dabei ein belastetes Bild: 49 Prozent der Schülerinnen und Schüler in den Klassenstufen 5 bis 10 klagen über Schlafstörungen, nach 36 Prozent im Zeitraum 2019/20. Ebenso berichten 69 Prozent, mindestens einmal pro Woche erschöpft zu sein, gegenüber 52 Prozent vor drei Jahren. Der DAK-Chef Storm sieht in den Belastungstrends zudem einen möglichen Zusammenhang zu den schwachen Ergebnissen der Pisa-Studie 2025; gleichzeitig meldet die Kassenärztliche Vereinigung Thüringen (KVT) für 2025 über 10.000 Diagnosen im Bereich Essstörungen bei gesetzlich Versicherten im Freistaat.
Auch wenn sich ADHS, Schlafprobleme und Essstörungen unterscheiden, sind die organisatorischen Herausforderungen ähnlich: Versorgungslücken, lange Wege und zu wenig Kapazität für die richtige Diagnostik im richtigen Zeitfenster. In der Forschung läuft parallel der Versuch, Rückfälle nach Krisen besser zu verhindern. Unter Federführung des Uniklinikums Jena und mit Beteiligung der Universitätsmedizin Halle wird das Programm RISE (Relapse Prevention Intervention after Suicidal Event) im Rahmen einer klinischen Studie mit rund 350 Patienten erprobt. Der Gemeinsame Bundesausschuss fördert das Projekt mit 1,3 Millionen Euro; geplant sind fünf therapeutische Sitzungen innerhalb von vier Wochen. Vor dem Hintergrund digitaler Informationsflüsse warnen Fachleute außerdem vor ungeprüften Inhalten im Internet und davor, KI als Therapie-Ersatz zu betrachten. Der KI-Experte Michael Puntschuh wird im Bericht mit der Kernaussage zitiert, dass kein Sprachmodell eine professionelle Therapie ersetzen könne.
Für die Praxis ergibt sich daraus ein klares, wenn auch unbequemes Bild: Daten zeigen Unterschiede, aber die Ursache kann auch in der Zugänglichkeit der Versorgung liegen. In Thüringen sprechen Fachärzte explizit von Diagnostik-Engpässen und Wartezeiten, bundesweit dagegen von einem spürbaren Anstieg, besonders bei Mädchen und in der Altersgruppe der 10- bis 14-Jährigen. Entscheider in Schulen, Jugendhilfe und ambulanten Praxen müssen deshalb nicht nur auf Diagnosequoten schauen, sondern auch auf Prozesse: Wie schnell kommt ein Kind von der ersten Beobachtung zur fachärztlichen Abklärung, und welche Alternativen gibt es, wenn Termine blockieren? Genau dort wird KI künftig eher als Assistenzsystem relevant sein können – etwa zur Strukturierung von Informationen oder zur Vorbereitung von Terminen – aber nicht als Ersatz für Therapie, solange die evidenzbasierte Rolle nicht eindeutig belegt ist.
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