LONDON (IT BOLTWISE) – Agora Energiewende fordert bis 2030 den Ausbau, der Deutschland auf 80 Prozent erneuerbaren Energieanteil im Bedarf bringen soll. Dafür nennt der Think Tank einen Ausbauturbo für Erneuerbare und eine Neujustierung der Energieinfrastruktur. Im Fokus stehen Elektrifizierung und Flexibilisierung des Verbrauchs sowie schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren. Zudem beschreibt Agora konkrete Schritte, um ein voll erneuerbares Stromsystem bis 2035 erreichbar zu machen.

Wenn Deutschland bis 2030 einen Anteil von 80 Prozent erneuerbarer Energien am Energiebedarf erreichen will, reicht es in der Logik von Agora Energiewende nicht, nur mehr Wind und Solar zu installieren. Der Engpass verschiebt sich vielmehr entlang der gesamten Wertschöpfungskette: von der Flächenausweisung über Genehmigungen bis hin zur Netzinfrastruktur, die den schwankenden Einspeisungen dann auch wirklich folgen muss. Genau an dieser Stelle setzt die Organisation an und argumentiert, die Dynamik müsse so früh anlaufen, dass daraus bis 2035 ein klimaneutrales Stromsystem entstehen kann.
Ausgangspunkt ist dabei das Zusammenspiel mehrerer bereits politisch diskutierter Weichenstellungen, die Agora unter dem Begriff „Oster- und Sommerpaket“ zusammenfasst. Hintergrund: Im Frühjahr hatte Wirtschafts- und Klimaschutzminister Robert Habeck im Kontext des Kriegs in der Ukraine betont, die Energiewende sei besonders wichtig, um die Abhängigkeit von russischen Energielieferungen zu reduzieren. Agora übersetzt diesen politischen Handlungsdruck in ein technisches und administratives Programm: Elektrifizierung und Flexibilisierung des Verbrauchs sollen nicht erst „später“ ergänzt werden, sondern konsequent von Beginn an mitgedacht und zeitnah umgesetzt werden.
Technisch betrachtet dreht sich die Debatte um drei Zielrichtungen, die sich gegenseitig bedingen. Erstens müssen Erzeugungsanlagen priorisiert werden: Agora nennt den Ausbau von Windkraft- und Photovoltaikanlagen als Kernhebel. Zweitens braucht es einen Paradigmenwechsel beim Ausbau von Strom- und Wasserstoffnetzen, weil sich die Systemlogik mit steigenden Anteilen erneuerbarer Energien verändert. Drittens entscheidet die Geschwindigkeit der Umsetzung über den Effekt: Schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren sowie eine schnellere Ausarbeitung eines integrierten Systementwicklungsplans sollen verhindern, dass neue Kapazitäten an administrativen und planungsseitigen Verzögerungen hängenbleiben.
Damit die 80 Prozent bis 2030 nicht nur als rechnerisches Szenario enden, verknüpft Agora die Ausbaulogik zudem mit Investitionssicherheit. Im Papier wird betont, dass verlässliche Rahmenbedingungen nötig sind, um den Kohleausstieg und die Klimaneutralität bis 2035 zu erreichen, unter anderem mithilfe von grünen Gaskraftwerken. Parallel dazu fordert der Think Tank den Umstieg auf grünen Strom in weiteren Sektoren der Gesellschaft: Elektrolyseure für die Wasserstoffproduktion, Elektrofahrzeuge, Wärmepumpen und Elektrokessel sollen in ein System integriert werden, das die Lasten flexibel dorthin verschiebt, wo Erneuerbaren gerade effizient verfügbar sind.
Für Unternehmen und Netzbetreiber dürfte besonders die Passage zur Reform der Netzentgelte und zum Verteilnetzbetrieb relevant sein, weil sie den Alltag im Betrieb konkret berührt. Agora argumentiert, man müsse systemdienlich vorgehen und schnell die Netzentgelte sowie den Verteilnetzbetrieb reformieren, damit der Markthochlauf von neuen Lasten wie Elektroautos und Wärmepumpen nicht durch starre Kosten- und Steuerungsmechanismen ausgebremst wird. Ergänzend steht die Sicherung des Stromnetzbetriebs im Mittelpunkt: Vollständig erneuerbare Energien verlangen ein breites Technologieportfolio zur Bereitstellung von Systemdienstleistungen sowie einen effizienteren Umgang mit Netzengpässen, also dort, wo physikalisch Grenzen in Spannung, Leistung und Netzstabilität entstehen.
Auch die Skalierung der Übertragungsinfrastruktur wird in konkreten Größenordnungen benannt. Agora fordert, das Übertragungsnetz bis 2035 um 40 Prozent zu erweitern, was mit 15.000 Stromkreiskilometern beziffert wird. Dazu kommen ein Maßnahmenpaket für Systemsicherheit und die organisatorische Abfederung, damit Engpässe und Stabilitätsanforderungen nicht erst dann adressiert werden, wenn der Ausbau bereits voll läuft. In dem Kontext wirkt der Vorschlag nach, nicht nur in neue Leitungen zu investieren, sondern die Betriebs- und Regelungslogik weiterzuentwickeln, damit zusätzliche Einspeisungen und Lastverschiebungen zuverlässig integriert werden können.
Operativ empfiehlt Agora außerdem eine Verkürzung der Fristen für die Flächenausweisung für Windkraftanlagen sowie langfristige Stromlieferverträge und symmetrische Marktprämien, die Anlagenbetreiber besser in die Lage versetzen sollen, Investitionsrisiken über Zeiträume hinweg zu managen. In der Umsetzungsschiene wird zudem die Reform der Netzentgelte zeitlich verdichtet: Simon Müller wird mit der Aussage zitiert, die Reform brauche man „noch diesen Herbst“, damit Flexibilitäten für neue Technologien wie Elektroautos und Wärmepumpen bereitstünden und hohe Anteile erneuerbarer Energien abgesichert würden. Ob die Bundesregierung die beschriebenen Schritte aufgreift und zügig umsetzt, bleibt allerdings offen; in der Vergangenheit seien Klimaziele bereits mehrfach hintenangestellt worden, was für die Planbarkeit in Industrie, Kommunen und bei Netzbetreibern ein spürbares Risiko darstellt.
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