MELBOURNE, AUSTRALIA / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie zeigt: Wenn die Schrittzahl niedrig bleibt, kann ein schnelleres Gehtempo das Risiko für frühzeitigen Tod ähnlich senken wie mehr Schritte in gemächlichem Tempo. Besonders relevant ist das für Menschen, die pro Tag weniger als 5.000 Schritte schaffen. Die Auswertung basiert auf Daten von 103.684 Teilnehmenden aus der UK Biobank, die mit einem Aktivitätstracker über mehrere Tage beobachtet wurden. Veröffentlicht wurde die Arbeit im British Journal of Sports Medicine.

Viele Gesundheitskampagnen haben sich auf eine einfache Formel gestützt: Mehr Schritte bedeuten in der Tendenz weniger Risiko für vorzeitigen Tod. Doch im Alltag trifft das nicht auf alle Menschen gleich gut zu. Wer aus Zeitgründen, Mobilitätseinschränkungen oder schlicht aus Routinen heraus nur begrenzt gehen kann, fragt sich, ob dann „weniger“ zwangsläufig auch „schlechter“ ist. Die aktuelle Auswertung aus dem British Journal of Sports Medicine verschiebt den Fokus: Nicht nur die Anzahl der Schritte, sondern auch die Intensität des Gehens spielt offenbar eine zentrale Rolle, sobald die Tagesziele deutlich unterschritten werden.
Technisch betrachtet knüpft die Studie an einem Problem an, das in vielen Schritt-basierten Analysen steckt: Schrittzahl ist ein grober Proxy für Aktivität, sagt aber wenig über das Tempo und damit über die Belastungswirkung aus. Die Forschenden haben deshalb nicht nur „wie viele“ Schritte betrachtet, sondern eine Geschwindigkeitskennzahl über „peak 30“ bestimmt: Dabei fließt die durchschnittliche Schrittzahl pro Minute aus den 30 höchsten, aber nicht zwingend aufeinanderfolgenden Schritten eines Tages in die Bewertung ein. Die Teilnehmenden trugen zwischen 2013 und 2015 für sieben aufeinanderfolgende Tage einen Aktivitätstracker, um sowohl Anzahl als auch Intensität der täglichen Schritte zu erfassen. Anschließend wurden die Personen bis November 2022 nachverfolgt, um die Sterblichkeit an allen Ursachen und kardiovaskuläre Todesfälle zu registrieren.
Die Größenordnung der Beobachtungsdaten ist mit 103.684 Teilnehmenden aus der UK Biobank deutlich genug, um Muster statistisch stabiler zu machen: Eingeschlossen waren Personen im Alter von 40 bis 69 bei Studienstart (2006 bis 2010), während man Datensätze mit fehlenden Werten, mit vorbestehender kardiovaskulärer Erkrankung oder Krebs sowie Todesfälle bei Unfällen während der Nachbeobachtung ausschied. Für die Auswertung der Sterblichkeit an allen Ursachen standen am Ende 64.743 Teilnehmende zur Verfügung, darunter 1.697 Todesfälle; für die kardiovaskuläre Sterblichkeit waren es 70.075 Teilnehmende mit 502 Todesfällen. Am unteren Ende der Schrittverteilung zeigte sich dabei ein besonders interessanter Effekt: Wer weniger als 5.000 Schritte pro Tag in zügigem Tempo schaffte, wies ein Sterblichkeitsrisiko auf, das in der Nähe der Gruppe lag, die etwa 10.000 Schritte, aber langsamer, erreichte.
Konkreter wird die Kernaussage über Schwellenwerte: Die Studie berichtet, dass für Personen mit weniger als 5.000 Schritten pro Tag ein Zulegen auf mehr als 80 Schritte pro Minute beim Gehen einen ähnlichen Nutzen bringen kann wie mehr als 5.000 Schritte pro Tag bei rund 60 Schritte pro Minute. Gleichzeitig blieb die klassische „Sweet Spot“-Logik für viele gültig: In der Stichprobe hatten Menschen, die zwischen 7.500 und 10.000 Schritte pro Tag erreichten, das niedrigste Risiko, frühzeitig zu sterben. Besonders wichtig ist aber die Flexibilitätsbotschaft, die sich aus der Gegenüberstellung zweier unterschiedlicher Gehmuster ergibt: Sobald jemand nicht auf hohe Schrittzahlen kommt, kann das Erhöhen der Gehgeschwindigkeit bei den „vorhandenen“ Wegen einen vergleichbaren Beitrag leisten. Dabei betonen die Autorinnen und Autoren explizit, dass es sich um Beobachtungsdaten handelt; die Ergebnisse zeigen daher eine Assoziation und keine strikte Kausalität dafür, dass genau das „peak-30“-Tempo eine bestimmte Mortalitätsreduktion direkt auslöst.
Auch die medizinische Plausibilität wird im Text adressiert. Kevin Shah, Kardiologe und Program Director für Heart Failure Outreach am MemorialCare Heart & Vascular Institute am Long Beach Medical Center, verknüpft höhere Bewegungs- beziehungsweise Intensitätsgrade mit mehreren Mechanismen, die für kardiometabolische Risiken relevant sind: Dazu zählen Verbesserungen des Blutdrucks, eine Unterstützung für das gesunde Körpergewicht sowie eine bessere Insulinempfindlichkeit. Seine Einschätzung passt zu dem Gesamtbild, das viele aus früheren Analysen kennen: Intensität kann eine eigene Dimension von Nutzen darstellen, selbst wenn die Aktivitätsmenge im Umfang begrenzt bleibt. Gleichzeitig mahnt er zu einem realistischen Einstieg: Größte Gesundheitsgewinne entstehen oft, wenn man von keiner oder sehr wenig Aktivität zu „einiger“ Aktivität wechselt; selbst Minuten pro Tag können den langfristigen Trend verbessern.
Für Unternehmen, Produktteams und Gesundheitssysteme ist der praktischste Teil der Studie vielleicht nicht die Schwellenzahl an sich, sondern die Implikation fürs Monitoring. Aktivitätstracker werden häufig primär als „Schrittzähler“ eingesetzt; das Ergebnis legt nahe, dass die Auswertung von Gehtempo oder intensitätsnahen Metriken für personalisierte Zielsysteme an Relevanz gewinnt. Wer Mitarbeitende oder Nutzergruppen in Mobilitäts- und Präventionsprogrammen unterstützt, kann dadurch sinnvoller staffeln: Statt überall dieselbe Schrittobergrenze zu kommunizieren, könnte man „erreichbare Basen“ definieren und dann Tempo-Progression als zweite Stellschraube nutzen. Für Risikopersonen bleibt allerdings der Hinweis aus der Studie bestehen: Wer kardiovaskuläre Risikofaktoren hat, sollte die Erhöhung der Intensität vorab ärztlich abklären. Das Zielbild lautet damit weniger „perfekte Trainingsroutine“, sondern eine nachhaltige, near-tägliche Aktivität, die sich im Alltag umsetzen lässt.
Schließlich liefert die Studie eine nützliche Denkweise für alle, die in ihrem Tagesablauf nicht konstant große Bewegungsvolumina unterbringen können. Es geht nicht darum, jede Wegstrecke in eine sportliche Einheit zu verwandeln, sondern die bereits vorhandenen Gelegenheiten so zu verändern, dass sie intensitätsseitig mehr Wirkung entfalten. Wenn etwa der kurze Weg zur Arbeit, der Gang zur Kantine oder die Treppenpassage ohnehin passiert, kann eine spürbar zügigere Ausführung ein „Verstärker“ sein. Auf dieser Grundlage wird die Longevity-Frage greifbarer: Schrittzahl bleibt wichtig, aber für viele Lebensrealitäten zählt auch das Tempo als gleichwertige Stellgröße.
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