LONDON (IT BOLTWISE) – Eine groß angelegte Auswertung verbindet Ergebnisse zur sozialen Macht mit Befunden zu sex- und geschlechtsspezifischem Verhalten. Die Studie zeigt, dass ein hoher Machtstatus Verhaltensmuster begünstigt, die stark zu Eigenschaften passen, die oft mit Männern assoziiert werden. Umgekehrt spiegeln niedrige Machtrollen eher Muster wider, die häufig mit Frauen verknüpft sind. Gleichzeitig liefert der Vergleich mit dem Persönlichkeitsmerkmal Extraversion Hinweise darauf, dass nicht jede „Ähnlichkeit“ allein durch allgemeine Einflussfähigkeit erklärt wird.

Wenn Machtunterschiede Geschlechterunterschiede erklären: Große Analyse
Wenn Machtunterschiede Geschlechterunterschiede erklären: Große Analyse (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um Geschlechterunterschiede bekommt durch eine neue, systematisch aufgebaute Metaanalyse eine zusätzliche Perspektive: Nicht ausschließlich Biologie oder Sozialisation sollen das Bild prägen, sondern vor allem die Frage, wer in einer Situation tatsächlich (oder zumindest wahrgenommen) über Ressourcen, Einfluss und Handlungsspielräume verfügt. Die Arbeit erscheint in PNAS Nexus und stellt damit keine einzelne Laborstudie in den Mittelpunkt, sondern die Muster, die sich aus vielen Experimenten und Überblicksarbeiten ableiten lassen. Praktisch bedeutet das: Wenn Machtzustände in vielen Kontexten ähnliche psychologische Profile erzeugen wie sie in der Geschlechterforschung beschrieben werden, verschiebt sich die Interpretationsbasis. Dann wären so manche „Geschlechtsunterschiede“ eher Ausdruck von Machtlagen als von Geschlecht an sich.

Hintergrund ist, dass die Ursachenforschung seit Jahren an zwei großen Erklärungssträngen hängt. Evolutionäre Theorien verweisen häufig auf natürliche Selektion und biologische Anpassungen, die im Laufe der frühen Menschheitsgeschichte zu unterschiedlichen psychologischen Dispositionen geführt hätten. Soziokulturelle Ansätze betonen dagegen hierarchische Strukturen, unterschiedliche Machtpositionen und ungleiche Ressourcenzuteilung, die geschlechtertypische Verhaltensweisen verstärken können. Eine 2019 veröffentlichte Übersichtsarbeit, verlinkt über den DOI 10.1037/amp0000307, argumentiert zudem gegen eine starre Zweiteilung biologischer Unterschiede zwischen zwei Gruppen und unterstützt die Idee, dass viele Unterschiede stärker durch Kultur als durch fest verdrahtete Biologie geformt werden.

Genau hier setzt das Studiendesign an. Die Autorinnen und Autoren, darunter Adam D. Galinsky von der Columbia University und Kolleginnen und Kollegen, testen die zentrale Hypothese: Wenn soziale Macht tatsächlich Verhaltensmuster in eine Richtung verschiebt, dann sollten diese Macht-Effekte mit den Richtungsmustern vieler berichteter sex- und geschlechtsspezifischer Unterschiede zusammenfallen. Um das belastbar zu prüfen, sammeln sie zuerst Studien, in denen Teilnehmende zufällig in Rollen mit hoher oder niedriger Macht eingeteilt wurden. Der statistische Abgleich umfasst einen Prüfschritt auf der Ebene von 270 Experimenten, um die Zuverlässigkeit der bestehenden Evidenzbasis zu bewerten. Anschließend identifizieren sie 59 Outcome-Variablen, also einzelne psychologische und Verhaltensmaße, die tatsächlich von Machtzuständen betroffen sind. Danach kommt die zweite Datenwelt: Für Geschlechtseffekte aggregieren sie 102 Outcomes aus Meta-Analysen zu sex- und genderbezogenen Unterschieden.

Entscheidend ist dann, wie die Ergebnisse vergleichbar gemacht werden. Die Forscherinnen und Forscher gruppieren sowohl die Macht- als auch die Geschlechts-Outcomes in vier breite Kategorien: agency, communion, self-evaluation und kognitive Prozesse. „Agency“ umfasst Zielgerichtetheit in Richtung Unabhängigkeit, Assertivität sowie Kontrolle über die Umwelt. „Communion“ bezieht sich auf soziale Verbundenheit, Empathie und Kooperation. „Self-evaluation“ beschreibt, wie Menschen ihre eigenen Fähigkeiten einschätzen. Kognitive Prozesse umfassen dabei unter anderem Aufmerksamkeit, Problemlösen und räumliche Schlussfolgerungen. Der Abgleich ergibt einen bemerkenswerten Überlappungsgrad: Etwa 71 Prozent der dokumentierten Geschlechterunterschiede passen in ihren Richtungseffekten vollständig zu dem, was die Machtmanipulationen nahelegen. Nur ungefähr 8 Prozent zeigen das gegenteilige Muster. Diese Differenz in den „Richtungen“ ist für die Interpretation wichtiger als eine Millimeter-genaue Größenordnung, weil es im Kern um die Richtung geht, in die Verhalten „gezogen“ wird, wenn Macht hoch oder niedrig ist.

Konkreter wird es bei den inhaltlichen Korrespondenzen. Personen in Hochmacht-Rollen zeigen – gemeinsam mit Männern – tendenziell höhere agency: Merkmale wie Dominanz und eine stärkere Risikobereitschaft. Gleichzeitig berichten Hochmacht-Gruppen und Männer eher positive Selbstbewertungen und weisen ähnliche Verarbeitungsstile in kognitiven Aufgaben auf. Auf der anderen Seite gilt: Niedrigmacht-Rollen gehen – zusammen mit Frauen – eher mit höherer communion einher, also mit mehr interpersoneller Sensibilität und stärker ausgeprägter Sozialkooperation. Damit ist die Brücke gebaut, die viele Leserinnen und Leser aus der Geschlechterdebatte kennen, aber hier wird sie über Machtzustände kausal gedacht, ohne die Datenlage über eine neue, direkte Intervention zu behaupten. Sonya Xinyue Xiao, Entwicklungspsychologin und Leiterin des IBAY Lab, die nicht am Projekt beteiligt war, fasst die methodische Basis so zusammen: „The method they used is very rigorous in testing their hypotheses that focus on whether power effects are aligned with sex/gender differences when there is a significant power effect, “ sagte sie. Und weiter: „pretty high.“

Die Autoren lassen sich jedoch nicht auf den einfachen Schluss ein: „Macht erklärt alles“. Stattdessen führen sie einen Kontrollvergleich durch, indem sie dieselbe Art von Überlappungsanalyse mit Extraversion als Persönlichkeitsmerkmal testen. Extraversion korreliert zwar mit Einfluss und Macht – genau deshalb ist sie als Vergleich gut geeignet. Das Ergebnis fällt trotzdem klar aus: Extravertierte Personen teilen zwar mit Hochmacht-Rollen einige Eigenschaften, sie divergieren aber im Bereich communion. Extraversion geht typischerweise mit hoher sozialer Ausrichtung einher, während Hochmacht-Rollen und Männer in den beschriebenen Maßstäben eher niedriger auf communion liegen. Gerade diese Abweichung dient als Hinweis darauf, dass der beobachtete Zusammenhang nicht schlicht „Eindruck von Einfluss“ ist, sondern eine spezifische Verknüpfung von Macht mit bestimmten psychologischen Dimensionen. Für die Einordnung bedeutet das: Selbst wenn Macht und Extraversion sich teilweise überlappen, erklärt Extraversion nicht automatisch die gesamte Musterlandschaft, die in Geschlechtervergleichen auftaucht.

Für die Bewertung bleibt allerdings methodisch Wichtiges offen. Da die Studie zwei unabhängige Evidenzstränge vergleicht – Macht-Experimente auf der einen und Geschlechts-Meta-Analysen auf der anderen Seite – handelt es sich in diesem Schritt um eine Beobachtungslogik über bestehende Daten, nicht um einen unmittelbaren Kausaltest im gleichen Experiment. Die Forschenden führen auch keine neue Intervention durch, in der Frauen systematisch in Hochmacht-Rollen versetzt werden, um zu prüfen, ob sich die beobachteten Unterschiede in den spezifischen Konstrukten kurzfristig „umdrehen“ lassen. Xiao bringt diesen Punkt auf den Punkt: „The gender differences in many constructs are very small, but power differences may be large; it is important to keep in mind that the findings are pointing at similarity in directions rather than magnitudes, “ sagte sie. Zudem: „As the authors mentioned in their discussions, their findings do not actually prove causal relations between social power and sex/gender differences.“ Auch das Clustering in vier Kategorien bleibt ein notwendiger, aber potenziell subjektiver Schritt; selbst wenn unabhängige Expertinnen und Experten klassifizieren, können kulturelle Perspektiven oder Interpretationsrahmen die Einteilung beeinflussen. Gleichzeitig wird deutlich, was die Arbeit leisten will: Sie argumentiert nicht, dass Macht alle Unterschiede zwischen Männern und Frauen allein erklärt, sondern dass Macht ein „major contributing factor“ sein könnte.

Aus Industry-Sicht ist das vor allem dann relevant, wenn Organisationen versuchen, Verhalten, Kommunikation und Teamdynamik zu verstehen oder zu gestalten. Macht ist im Arbeitsalltag nicht nur formale Hierarchie; sie zeigt sich auch in Zugängen zu Informationen, in Entscheidungsspielräumen und in der Wahrnehmung, wer in Meetings „das Wort besitzt“. Wenn die Studie recht behält, lassen sich geschlechterbezogene Muster zumindest teilweise über veränderte Machtlagen interpretieren – etwa über Rollen, die realen Einfluss auf Ressourcen und Entscheidungen geben. Für künftige Forschung liegt der nächste logische Schritt darin, Männer und Frauen in derselben Experimentumgebung gezielt in Hoch- und Niedrigmacht-Rollen zu setzen, um die „Richtung“ aus der Metaanalyse direkt in kausale Effekte zu übersetzen. Xiao wünscht sich genau diese Zeitperspektive: „As a developmental psychologist, I am curious to see research examining how the potential causal relation between social power and gender difference changes over time – perhaps the role of social power increases as we age, “ sagte sie. „Because gender is highly salient during childhood, whereas one’s gendered experiences of social power may come later.“ Für Leserinnen und Leser aus der Tech- und Produktentwicklung heißt das: Wenn Modelle für Nutzerverhalten oder Team-Interaktion Kategorien wie „Geschlecht“ als Proxy verwenden, könnte ein sauberer Austausch gegen „Macht-/Einfluss-Lagen“ die Robustheit der Schlussfolgerungen verbessern.


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