LONDON (IT BOLTWISE) – Deutsche Ingenieure schätzen ihre Arbeitsmarktchancen deutlich schlechter ein: Nur noch 35 Prozent bewerten sie als gut oder sehr gut, nach 73 Prozent im Jahr 2021. Gleichzeitig sinken Jobs in der Autoindustrie schneller als in anderen Branchen, während die Wechselbereitschaft der Ingenieure auf hohem Niveau bleibt. Künstliche Intelligenz gilt zwar als nützlich, doch bei der täglichen Nutzung klaffen Wunsch und Realität auseinander. Besonders stark wirkt für viele Ingenieure die Arbeitsform: Hybridmodelle entscheiden bei der Arbeitgeberwahl.

Dass viele Ingenieurinnen und Ingenieure ihre eigene Krisenfestigkeit verlieren, lässt sich nicht nur als subjektives Stimmungstief abtun. Laut einer gemeinsamen Auswertung der Online-Stellenbörsen Jobware und Get in Engineering fällt der Anteil der Befragten, die ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt als gut oder sehr gut einschätzen, von 73 Prozent (2021) auf 35 Prozent. Im selben Zeitraum wächst der Anteil der Ingenieure, die ihre berufliche Lage als sehr schlecht einstufen, von 3 auf 23 Prozent – ein Stimmungsumschwung, der eher nach einer Strukturveränderung als nach einer kurzen Konjunkturwelle klingt. Für Unternehmen in der Technik ist das Signal klar: Selbst bei weiter bestehendem Fachkräftebedarf wirkt sich das wirtschaftliche Umfeld direkt auf die Attraktivität des eigenen Arbeitgeberangebots aus.
Aus Sicht der Studie treibt vor allem die konjunkturelle Unsicherheit diese Wahrnehmung. Sparprogramme, Umstrukturierungen und Insolvenzen treffen Branchen, die lange als vergleichsweise stabil galten – darunter Autoindustrie und Maschinenbau. Entscheidend ist dabei nicht nur die Zahl offener Stellen, sondern die Art der Veränderung: Viele Ingenieurinnen und Ingenieure erleben, wie sich ihre Kernbranchen durch technologische und wirtschaftliche Transformationen umstellen. Genau diese Mischung aus „Wandel“ und „Planungsunsicherheit“ überträgt sich laut Jobware-Chef Wolfgang Achilles spürbar auf das persönliche Sicherheitsgefühl, selbst wenn der Bedarf an Fachkräften in der Breite grundsätzlich hoch bleibt. Thomas B. (45) steht als Einzelfall stellvertretend für diese Dynamik: Er arbeitet zwar noch bei der Deutschen Bahn, will sich aber neu orientieren, weil seine bisherige Erfahrung aus der Autoindustrie heute weniger verlässlich wirkt.
Besonders deutlich wird der Druck auf den Arbeitsmarkt in der Autoindustrie. Zum Ende des ersten Halbjahres 2026 waren dort in Deutschland noch 691.500 Menschen beschäftigt – so wenig wie nie seit Beginn der vergleichbaren Statistikreihe im Jahr 2005. Das entspricht einem Rückgang um 42.300 Beschäftigte bzw. 5,8 Prozent innerhalb eines Jahres; betroffen sind dabei auch hochqualifizierte Profile, darunter Ingenieure. Damit verschiebt sich die Logik, nach der viele Ingenieure ihre beruflichen Wechsel planen: In der Autoindustrie gab es früher häufig viele offene Stellen, heute ist das laut Thomas B. nicht mehr der Normalfall. Noch zugespitzter ist die Perspektive aus der Branche: Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer prognostiziert, dass die deutsche Automobilindustrie bis 2030 auf 500.000 Arbeitsplätze oder weniger schrumpfen könnte. Wenn sich dieser Pfad verfestigt, kämpfen Ingenieure auf Jobsuche zunehmend um weniger Vakanzen – auch wenn ihre Qualifikation weiterhin gefragt ist.
Trotz dieser Verunsicherung bleibt die Wechselbereitschaft überraschend hoch. Die Studie nennt einen Wert von 83 Prozent: So viele Befragte können sich den Wechsel ihres Arbeitsplatzes grundsätzlich vorstellen – exakt wie 2021, als die Nachfrage nach Ingenieuren noch deutlich größer war. Auch Achilles liefert dafür eine plausible Erklärung: Der Markt ist derzeit besonders aktiv, weil mehr Ingenieurinnen und Ingenieure als sonst ohne Anstellung sind und aktiv nach einem Job suchen. Für Arbeitgeber entsteht dadurch zwar „mehr Angebot“, aber keine echte Entspannung. Wenn Talentwechsel aufrechterhalten werden und gleichzeitig Stellen schneller abgebaut werden, steigen die Anforderungen an Recruiting und Unternehmenskultur. Technisch versierte Profile sind dann weniger ein Mangelthema als ein Passungsproblem: Unternehmen müssen überzeugen, dass ihre Projekte auch unter Transformationsdruck verlässlich planbar bleiben.
In genau dieses Spannungsfeld rückt Künstliche Intelligenz als neuer Zankapfel zwischen Arbeitgeber und Beschäftigten. Thomas B. sucht auch deshalb eine neue Herausforderung, weil er in seinem aktuellen Job KI stärker einsetzen möchte, der Arbeitgeber den Einsatz aus Kostengründen jedoch nicht zulässt. Die Studie zeigt gleichzeitig, dass der Blick nach vorn vorsichtig optimistisch bleibt: 80 Prozent der Ingenieure blicken auf die Arbeit mit Künstlicher Intelligenz, die überwiegende Mehrheit sieht sie als nützliches Werkzeug, das die eigene Expertise unterstützt, statt sie zu ersetzen. Gleichzeitig gibt es eine sensible Abstufung in der Wirkung: Nur 58 Prozent berichten, KI biete im Arbeitsalltag einen massiven Gewinn oder eine spürbare Erleichterung, ein Drittel sieht dagegen keinen Effekt oder sogar Mehraufwand. Die Schlussfolgerung für die Praxis liegt nahe: Die Verfügbarkeit von KI-Fähigkeiten entscheidet weniger über die generelle Akzeptanz als über den realen Nutzen im Engineering-Prozess – also darüber, ob KI etwa bei Dokumentation, Planung, Qualitätsprüfung oder Testautomatisierung Zeit spart oder zusätzliche Schleifen erzeugt. Entsprechend wünschen sich viele vor allem KI-Fortbildungen und die Möglichkeit, zu experimentieren.
Noch stärker als die KI-Frage wirkt die Arbeitsform. Beim Thema flexible Arbeitszeiten und Homeoffice gibt es in der Studie eine bemerkenswerte Einigkeit: Für 87 Prozent haben die Vorgaben des Arbeitgebers direkten Einfluss auf die Job-Wahl. Thomas B. nutzt eine Kombination aus Büropräsenz und Remote-Tagen: zwei bis drei Tage im Büro für gezielten Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, die übrigen Tage im Homeoffice. Unter den Befragten bevorzugen 85 Prozent feste Homeoffice-Tage oder die Möglichkeit, sie frei zu wählen. Achilles betont dabei, dass am Hybridmodell für Engineering-Talente kaum vorbeizukommen sei, weil es bei der Arbeitgeberentscheidung „absolut entscheidend“ ist – und weil ausländische Unternehmen aktiv um deutsche Fachkräfte werben und dabei gezielt hybrides Arbeiten anbieten. Für Personal- und Standortstrategien heißt das: Hybride Modelle sind nicht nur Komfortfaktor, sondern Teil des Wettbewerbskampfes um die besten Profile.
Im Hintergrund verändert sich auch die soziale Dimension der Arbeitszeit. Teilzeit spielt bei den befragten Ingenieuren vergleichsweise wenig eine Rolle: Nur 13 Prozent können sich eine Reduzierung der Arbeitszeit vorstellen, verglichen mit 14 Prozent vor fünf Jahren. Auffällig ist allerdings der Geschlechterunterschied: Während der Teilzeitwunsch bei Männern leicht rückläufig ist, steigt er bei Frauen. Mit 27 Prozent gab fast ein Drittel der befragten Frauen an, in Teilzeit arbeiten zu wollen, gegenüber 10 Prozent bei den Männern. Das ist weniger eine Detailzahl als ein Hinweis darauf, wie ungleich Beruf und andere Lebensbereiche in der Ingenieurbranche nach wie vor zwischen den Geschlechtern verteilt sind. Für Unternehmen bedeutet das: Wer KI-Kompetenz und Hybridarbeit ernsthaft als Attraktivitätshebel einsetzen will, sollte zugleich prüfen, ob die konkreten Arbeitszeitmodelle tatsächlich Vielfalt ermöglichen – und ob sie als verlässliche Praxis umgesetzt werden, nicht nur als Angebot in der Stellenbeschreibung.
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