DÜSSELDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – Der VDMA korrigiert seine Jahresprognose im Maschinen- und Anlagenbau zum zweiten Mal nach unten. Für 2024 erwartet der Verband nun ein reales Produktionsminus von zwei Prozent. Neben der anhaltenden Unterauslastung zeigt sich die Schwäche direkt am Arbeitsmarkt: In der ersten Jahreshälfte wurden 21.500 Stellen abgebaut. Zwar steigt der Auftragseingang bis Juli um real fünf Prozent, doch bis die Produktion spürbar nachzieht, bleibt laut Verband noch Zeit nötig.

VDMA senkt Maschinenbau-Prognose erneut: Produktion rutscht 2024 tiefer ab
VDMA senkt Maschinenbau-Prognose erneut: Produktion rutscht 2024 tiefer ab (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Maschinen- und Anlagenbau steht in Deutschland erneut unter Druck – und diesmal nicht nur aus dem Blickwinkel von Stimmung oder Einzelbranchen, sondern über den wohl wichtigsten Frühindikator der Branche: die Produktionserwartung. Der VDMA muss seine Prognose bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr nach unten korrigieren. Nach der Delle Ende Juni, als die Vorhersage von einem leichten Plus auf Null zurückgenommen wurde, lautet das neue Bild für das Gesamtjahr: ein reales Produktionsminus von zwei Prozent. Damit läuft die Industriebranche bereits im vierten Jahr hintereinander dem Wachstum hinterher – ein Muster, das inzwischen nicht mehr wie ein temporärer Konjunktureffekt wirkt, sondern wie eine strukturelle Belastungsprobe für Anlagenbauer, Zulieferer und Dienstleister in einer ganzen Lieferkette.

Technisch betrachtet zeigt sich die Krise weniger in dramatischen Bruchspitzen als in einem kontinuierlich niedrigeren Auslastungsniveau. Der VDMA-Chefvolkswirt Johannes Gernandt begründet die Prognosekorrektur mit der anhaltend schwachen Produktion: Die Branche liegt derzeit um gut vier Prozent unter dem Vorjahresniveau. Für die Unternehmen heißt das in der Praxis, dass technische Kapazitäten nicht nur “etwas” zu wenig ausgelastet sind, sondern deutlich unterhalb der wirtschaftlichen Zielkorridore laufen. Unterauslastung trifft dabei gleich mehrere Stellschrauben zugleich: Produktionslinien werden weniger durchgetaktet, Rüst- und Umrüstprozesse verursachen relativ höhere Kosten pro Einheit, und Planungsunsicherheit erschwert die Abstimmung zwischen Entwicklung, Einkauf und Fertigung. Besonders schmerzhaft ist der Umstand, dass sich Investitionsentscheidungen in der Regel erst rentieren müssen, wenn die Auslastung wieder anzieht – genau diese Voraussetzung fehlt aber gerade.

Diese Mechanik schlägt dann auf den Arbeitsmarkt durch, weil Unternehmen Kapazitäten nicht beliebig lange “auf Halde” finanzieren können. Laut VDMA haben die Unternehmen im ersten Halbjahr 21.500 Stellen abgebaut. Das entspricht knapp drei Prozent der Arbeitsplätze im heimischen Maschinen- und Anlagenbau. Zwar wird die langfristige Personalfrage durch die demografische Alterung bereits seit Jahren vorbereitet – der Verband verweist darauf, dass gut ein Viertel der Belegschaften 55 Jahre oder älter ist. Aber nach vier Jahren Durststrecke lässt sich das Festhalten an wichtigen Fachkräften, die zeitweise unterbeschäftigt sind, oft nicht mit dem laufenden Kostenblock vereinbaren. Ebenso schwer fällt die Nachbesetzung: Wenn der Recruiting-Plan nicht zur Produktionsplanung passt, wird aus dem Fachkräfteengpass schnell ein Kosten- und Risikoengpass. Der Arbeitsmarkt-Experte des VDMA, Fabian Seus, bringt es auf den Punkt, indem er Investitionen als Voraussetzung für Neueinstellungen beschreibt und gleichzeitig die zu hohen Kosten am Standort für diese Investitionen als Bremse nennt.

Gleichzeitig gibt es Signale, die nicht zur reinen “Weiter so”-Erzählung passen. Von Januar bis Juli seien die Orders um real fünf Prozent gestiegen, heißt es in den Verbandsangaben. Auffällig ist dabei die regionale Zusammensetzung: Impulse kämen vor allem aus dem Ausland, insbesondere aus Nicht-Euro-Ländern. Dazu passt, dass sich die Geschäftserwartungen aufgehellt haben. Entscheidend ist jedoch der zeitliche Übersetzungsfehler zwischen Auftragseingang und Produktion: Auch wenn Bestellungen anziehen, werden Kapazitäten in der Regel nicht über Nacht hochgefahren. Der VDMA erwartet zwar, dass der verbesserte Auftragseingang in der zweiten Jahreshälfte in der Produktion ankommen soll, aber er rechnet zugleich damit, dass der Aufschwung nicht ausreicht, um die schwache erste Jahreshälfte vollständig zu kompensieren. Daneben weist der Verband darauf hin, dass die Impulse nicht in der kompletten Breite des Maschinen- und Anlagenbaus angekommen sind – ein Detail, das besonders für Unternehmen mit stark segmentierter Auftragslage relevant ist, weil sich Erholung dann eher als Flickenteppich zeigt statt als einheitliche Wende.

Für die weitere Perspektive nennt der VDMA das Jahr 2027 als Zeitpunkt, an dem die Produktion wieder ins Plus drehen soll – allerdings mit dem klaren Hinweis auf die niedrige Basis: prognostiziert wird ein reales Produktionsplus von drei Prozent. Das ist weniger ein Versprechen als eine rechnerische Erwartung, die auf Annahmen zur Weltwirtschaft und zu Investitionsimpulsen beruht. Laut VDMA könnten eine robustere Weltwirtschaft, steigende Ausrüstungsinvestitionen sowie fiskalische Impulse in Deutschland die Produktion stützen. Unwägbarkeiten bleiben jedoch ausdrücklich Teil der Planung: Hohe geopolitische Unsicherheit, das erhöhte Zinsniveau und eine anhaltend schwache Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland könnten die Trendwende gefährden. Genau an dieser Stelle wird die technische Branche besonders empfindlich, weil viele Investitionsentscheidungen bei Kunden – etwa in Produktionstechnik, Energie- und Ressourceneffizienz oder Automatisierung – stark auf Finanzierungsbedingungen, Abschreibungslogik und Planbarkeit angewiesen sind. Steigen die Kapitalkosten, verschiebt sich die Amortisationsrechnung, und Projekte werden häufiger in spätere Quartale “gerollt”.

Damit rückt ein zweiter Themenblock in den Vordergrund, der über Konjunktur hinausgeht: Reformfähigkeit und Standortkosten. Der VDMA mahnt schnelle und tiefgreifende Reformen an – konkret beim Steuersystem, bei den Sozialversicherungen und bei bürokratischen Vorgaben. Seine Argumentation zielt nicht auf einzelne Verordnungen, sondern auf die Investitionsbereitschaft privater Akteure. Wenn Genehmigungs- und Umsetzungsprozesse dauern oder wenn die Kostenstruktur für Unternehmen schwer kalkulierbar bleibt, entstehen zusätzliche Risikoaufschläge in Unternehmensentscheidungen. Der Arbeitsmarkt-Experte Seus verweist deshalb auf das fehlende Verständnis vieler Firmen für das Zögern der Bundesregierung, während alle wüssten, was zu tun sei. Bis zum Ende des Jahres müssten zentrale Reformen stehen – auch gegen Widerstände. Hintergrund sind laut Verband auch Diskussionen rund um die Rentenreform, die grundsätzliche Fragen zur Reformfähigkeit des Standorts aufwerfen. Für Investitionen ist diese Reformperspektive insofern relevant, als sie beeinflusst, wie Unternehmen mittelfristige Personal- und Kapazitätsstrategien aufsetzen: Planungssicherheit ist in einem zyklischen Markt oft der Unterschied zwischen “wartet ab” und “geht in den Aufbau”.

Für Unternehmen im Maschinen- und Anlagenbau ergibt sich aus der aktuellen Prognose damit ein klarer Handlungsrahmen, der nicht allein vom Auftragseingang abhängt. Wer die zeitliche Verzögerung zwischen Orders und Produktion berücksichtigt, kann Kapazitätssteuerung, Einsatzplanung und Servicepakete besser synchronisieren. Gleichzeitig zeigt der Verband mit den genannten Zahlen, dass sich die Krise im Personalbestand bereits materialisiert hat – bei 21.500 abgebauten Stellen im ersten Halbjahr ist Unterauslastung keine abstrakte Kennziffer mehr, sondern ein belastbarer Effekt im Betrieb. Die kurzfristig positiven Order-Signale aus dem Ausland bieten zwar eine Chance, aber sie müssen in einer breiteren Nachfragebasis ankommen, um die Trendwende nachhaltig zu machen. Ob der von VDMA erwartete Produktionssprung 2027 gelingt, hängt damit nicht nur an der internationalen Konjunktur, sondern an einer Kombination aus Investitionsbedingungen, Zinspfad und Standortwettbewerb – also an Faktoren, die im Maschinenbau letztlich darüber entscheiden, wie schnell technische Kapazitäten wieder in wirtschaftliche Auslastung überführt werden.


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