LONDON (IT BOLTWISE) – Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hebt seine Wachstumsprognose für 2026 deutlich an. Statt 0,4 Prozent erwartet es nun 1,2 Prozent Wachstum, vor allem wegen eines starken ersten Halbjahrs und staatlicher Modernisierungsimpulse. Gleichzeitig dämpfen die Baukrise und hohe Energiepreise den privaten Konsum. Das IW verortet auch Risiken durch die Kriege in Ukraine und Nahost.

Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) liest die Konjunktur für 2026 plötzlich optimistischer – und zwar nicht nur um eine Kleinigkeit. In der Herbstprognose wird aus einem erwarteten Plus von 0,4 Prozent ein Wachstum von 1,2 Prozent. Der zentrale Hebel liegt laut IW in einem überraschend starken ersten Halbjahr: Die Dynamik zu Jahresbeginn fällt demnach besser aus als noch in der vorherigen Einschätzung. Damit verschiebt sich das Konjunkturbild spürbar, obwohl mehrere Bremser unverändert bleiben.
Technisch betrachtet ist die Prognoseverschiebung vor allem eine Frage der Zusammensetzung des Wachstums über das Jahr hinweg. Das IW nennt als konkretes Element einen schuldenfinanzierten Sondertopf zur Modernisierung der Infrastruktur, der „erstmals für das ganze Jahr“ zur Verfügung stehe. Gleichzeitig rechnet das Institut mit Nachlass der Dynamik im zweiten Halbjahr, sodass die zweite Jahreshälfte im IW-Szenario nicht ähnlich kräftig nachzieht. Exporteffekte werden dabei als Sondereffekte eingeordnet, die bereits weitgehend ausgelaufen sind, während der private Konsum unter hohen Energiepreisen leidet.
Gerade der Energiekomplex wirkt dabei wie ein doppelter Taktgeber: Er beeinflusst Verbraucher direkt über höhere Lebenshaltungskosten und Unternehmen indirekt über Produktions- und Logistikkosten. Das IW verweist auf ein Verhalten, das man in Krisenzeiten häufig sieht: Aus Sorge vor Lieferengpässen infolge des Iran-Krieges hätten Unternehmen in den ersten sechs Monaten ihre Lager gefüllt. Hinzu kommt, dass viele Chemie- und Elektroprodukte aus Deutschland bestellt worden seien. Solche Lager- und Vorzieheffekte können kurzfristig die wirtschaftliche Aktivität stützen – sie sind aber strukturell schwerer zu verstetigen, sobald sich die Versorgungslage normalisiert.
Parallel bleibt die Baukrise ein Bestandteil des Negativszenarios, der in der IW-Logik nicht einfach verschwindet. Das Institut bezeichnet die Krise am Bau als anhaltend und nennt staatliche Investitionen als Haupttreiber, die den Gesamteffekt tragen sollen. Genau hier zeigt sich der Zielkonflikt zwischen kurzfristiger Stabilisierung und mittel- bis langfristiger Leistungsfähigkeit: Wenn staatliche Mittel private Nachfrage nicht ausreichend ergänzen, bleibt die Nachfrage im Bau zwar gestützt, aber die durch Verschlechterungen bei Kosten, Finanzierung und Projektentwicklungen getriebene Flaute kann länger wirken als ein Konjunkturzyklus.
Auch der Blick auf den Staatshaushalt macht die Prognosebedingungen klar. Für 2026 erwartet das IW ein Staatsdefizit von rund vier Prozent der Wirtschaftsleistung, weil die hohen Schulden auch in die Aufrüstung der Bundeswehr fließen. Die Staatsschuldenquote dürfte Ende 2026 bei rund 66 Prozent liegen. Das ist nicht nur eine finanzpolitische Kennzahl, sondern wirkt in die Realwirtschaft hinein, etwa über Erwartungen an zukünftige Steuern, Zinsen und Investitionsspielräume. Deshalb spricht das IW gleichzeitig von klaren Risiken: Kriege in der Ukraine und in Nahost, Handelskonflikte sowie Niedrigwasser in europäischen Flüssen könnten die Konjunktur belasten.
Interessant ist dabei, wie das IW die positive Gegenkraft beschreibt: Neue Technologien und der Aufbau grüner Infrastruktur sollen die Weltwirtschaft antreiben. Konkret nennt das Institut den Bereich Künstliche Intelligenz und grüne Infrastruktur als Treiber, wodurch die Nachfrage nach Technologiegütern stark steigen soll – vor allem in Asien mit entsprechend höheren Exportvolumina. Für die globale Perspektive werden dieses Jahr 2,3 Prozent Wachstum der Wirtschaftsleistung und fünf Prozent Wachstum im Welthandel genannt. In Deutschland bedeutet das: Selbst wenn der private Konsum zäh bleibt, kann eine technologisch getriebene Exportnachfrage Teile der Schwäche im Inland kompensieren.
Für Unternehmen und Investoren folgt daraus vor allem eine planbare Logik, aber mit heterogenen Nachfragefeldern. Das IW rechnet für Deutschland 2026 mit einer Inflation von gut 2,5 Prozent, während der Konsum lediglich um 0,3 Prozent zulegen dürfte. Auf dem Arbeitsmarkt erwartet das Institut eine leichte Verschlechterung: knapp drei Millionen registrierte Arbeitslose entsprächen einer Quote von 6,3 Prozent. Wer Produktions- und Beschaffungsstrategien aus dem ersten Halbjahr ableitet, sollte daher nicht nur auf die Gesamtsumme schauen, sondern auf die Treiber dahinter – Infrastrukturprogramme und Technologien auf der einen Seite, Energiepreislast und Bau-Restriktionen auf der anderen.
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