WOLFSBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Volkswagen will im laufenden Performance-Programm erneut deutlich nachlegen, wie Markenchef Thomas Schäfer auf einer Betriebsversammlung in Wolfsburg sagte. Der Fokus liegt laut Angaben auf dem Abbau von Überkapazitäten an deutschen Standorten, niedrigeren Arbeitskosten und wettbewerbsfähigerer Entwicklung. Für Deutschland nennt die Kernmarke bis 2030 das Ziel von 35.000 Stellen weniger. Parallel verschiebt der Konzern Produktionspläne: Sonderschichten für Verbrenner sollen wegfallen, während in elektrofokussierten Werken die Auslastung steigen soll.

Volkswagen verschärft sein Sparprogramm in Deutschland und setzt dabei auf eine enge Abstimmung mit der Mitbestimmung. Markenchef Thomas Schäfer sagte bei einer Betriebsversammlung in Wolfsburg, es gebe „absolut keine Zeit zu verlieren“ und man müsse im Performance-Programm „nochmal deutlich nachlegen“. Zugleich zeigte er sich unzufrieden, dass die bereits 2024 vereinbarten Maßnahmen aus seiner Sicht nicht ausreichen würden. Genau diese Kombination aus Zeitdruck und Nachschärfung ist für die kommenden Monate entscheidend, weil sie den Spielraum für schrittweise Anpassungen verkleinert und die Diskussionen über Kapazitäten, Kosten und Personalpolitik beschleunigt.
In der Einigung Ende 2024 wurden demnach drei Prioritäten festgelegt: Überkapazitäten an deutschen Standorten sollen abgebaut werden, Arbeitskosten sollen sinken und Entwicklungskosten sollen auf ein wettbewerbsfähiges Niveau gebracht werden. Beim Personalabbau wurde bereits ein Teilziel erreicht: In Deutschland sollen gut 16.300 Austritte umgesetzt worden sein, insgesamt seien bis 2030 knapp 28.800 Austritte fest vereinbart. Für die Kernmarke in Deutschland nennt Volkswagen als Ziel 35.000 Stellen weniger bis 2030. Das bedeutet praktisch, dass sich die Unternehmensplanung nicht nur auf die laufende Kostenbasis stützt, sondern den Personalbestand als eigenen Hebel betrachtet – mit unmittelbaren Folgen für Betriebsabläufe, Qualifikationsprofile und Übergangsmodelle.
Die Betriebsratsseite rechnet damit, dass das Sparen nicht bei den bisherigen Maßnahmen stehen bleibt. Betriebsratschefin Daniela Cavallo geht davon aus, dass die „Sparwut des Unternehmens“ in den kommenden Wochen „an allen Ecken und Enden“ spürbar wird, und betont zugleich, dass das aktuelle Tempo nicht dauerhaft durchzuhalten sei. Sie spricht davon, dass ein großer Teil der bisherigen Gewinnkraft „futsch“ sei, und verknüpft das mit der Erwartung einer massiven Neuordnung der europäischen Automobilindustrie. Aus ihrer Sicht geht es deshalb nicht nur darum, weitere Einschnitte vorzunehmen, sondern vor allem darum, wie zusätzliche Belastungen fair verteilt werden und wie sich eine Schieflage zulasten der Beschäftigten abwehren lässt.
Der Konfliktpunkt zwischen Kostendruck und sozialer Umsetzbarkeit spitzt sich auch mit Blick auf mögliche weitere Stellenkürzungen zu. Cavallo thematisierte nach vorliegenden Informationen auch Planungen des Vorstands um VW-Chef Oliver Blume, nochmals etwa 50.000 Stellen weltweit abbauen zu wollen, davon ungefähr die Hälfte konzernweit in Deutschland. Fraglich sei, ob sich ein so ausgeweiteter Stellenabbau noch sozialverträglich realisieren lasse – und sie stellt klar, dass Altersteilzeit und Aufhebungsverträge allein das nicht leisten könnten. Die Beschäftigungssicherung bei der Volkswagen AG gelte zudem bis Ende 2030 und sei demnach unkündbar; daraus folgt, dass jede zusätzliche Maßnahme stark an die rechtlichen und tariflichen Rahmenbedingungen gekoppelt werden dürfte. Gleichzeitig stellt sich die konkrete Frage nach dem Instrumentarium: Selbst wenn Personalzahlen Zielkorridore treffen sollen, entscheidet der Weg über betriebsbedingte Instrumente, Verhandlungen und betriebliche Übergänge.
Parallel zu den Personal- und Kostenfragen verändert Volkswagen auch die Fertigungslogik zwischen Verbrennern und Elektromobilität. Hintergrund ist, dass der Konzern seine Gewinnprognose kassiert hat und dies unter anderem mit Milliarden-Abschreibungen auf Porsche, Problemen in China und der höheren E-Auto-Nachfrage begründete. In der aktuellen Argumentation wird außerdem betont, dass mit E-Autos im Vergleich zu vergleichbaren Verbrenner-Modellen weniger verdient werde – ein für viele Unternehmen zentraler Punkt, weil Preisdruck und Margendynamik häufig zeitversetzt auf der Kosten- und Preisfindungsseite ankommen. Marken- und Vertriebsverantwortliche verwiesen darauf, dass E-Autos besonders in Deutschland und Europa gefragt seien, unter anderem wegen hoher Spritpreise, verbesserter Ladeinfrastruktur und preisgünstiger Einstiegsmodelle. Daneben gehe die Nachfrage nach Verbrenner-Autos zurück – und genau darin liegt der Wendepunkt, auf den Produktionsentscheidungen reagieren sollen.
Nach vorliegenden Angaben sollen Sonderschichten für Verbrenner gestrichen werden, unter anderem im Stammwerk Wolfsburg, wo etwa Tiguan und Golf gefertigt werden. Gleichzeitig soll in Werken, die auf Elektromobilität ausgerichtet sind – als Beispiel wird Emden genannt – die Produktion hochgefahren werden. Diese Mischung aus Kapazitätsabbau und Verlagerung ist technisch und operativ anspruchsvoll: Sie betrifft nicht nur Schichtpläne, sondern auch Lieferketten, Anlagenbelegung, Materialflüsse und Qualifikationsplanung. Für Unternehmen in der Zulieferkette ist das häufig ein früher Indikator, welche Teile der Wertschöpfungskette besonders beschleunigt oder gebremst werden. Auch die Börsenreaktion spiegelt die Unsicherheit wider: Im XETRA-Handel lagen die VW-Papiere zeitweise bei 74,66 Euro, was einem Minus von zeitweise 0,43 % entspricht.
Für die nächsten Quartale wird deshalb weniger eine einzelne Zahl im Vordergrund stehen, sondern die Umsetzungsgeschwindigkeit über Standorte, Funktionen und Verhandlungsebenen hinweg. Wenn das Sparen bereits 2024 begonnene Maßnahmen überlagert, erhöht sich der Druck auf die Fähigkeit, Überkapazitäten nicht nur zu bilanzieren, sondern in der Produktion real zu reduzieren. Gleichzeitig bleibt offen, wie das Unternehmen die Balance zwischen Kostenziel und Beschäftigungssicherung konkret operationalisiert – etwa über Qualifizierung, interne Versetzungen oder die Ausgestaltung freiwilliger Übergänge. Für die strategische Einordnung ist entscheidend: Der Schritt zeigt, dass Volkswagen seine Produktions- und Kostenarchitektur an die veränderte Nachfragekurve anpasst, aber die damit verbundenen sozialen und organisatorischen Reibungen kurzfristig mitdenken muss. Unterm Strich dürfte genau diese Kopplung aus Mitbestimmung, Kostendisziplin und Fertigungsumbau darüber entscheiden, wie stabil die Planung in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts bleibt.
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