LONDON (IT BOLTWISE) – Microsoft hat die KI-gestützte Device-Code-Phishing-Plattform EvilTokens abgeschaltet, die nach Angaben des Unternehmens Tausende Postfächer kompromittiert hat. Im Kern missbraucht der Dienst den OAuth-2.0-Device-Authorization-Flow, damit Angreifer Zugriffstoken unter der Identität der Opfer erhalten. Microsoft nennt eine Verknüpfung mit mehr als 12.000 betroffenen E-Mail-Inboxes in über 10.000 Organisationen weltweit. Gleichzeitig arbeiteten mehrere Partner bei der Störung der Infrastruktur und der Aufbereitung der kompromittierten Daten zusammen.

Beim Abschalten von EvilTokens geht es nicht nur um eine weitere Phishing-Seite, sondern um einen Angriffspfad, der die typische Grenze zwischen „Benutzer sieht etwas Verdächtiges“ und „Login läuft bereits im Hintergrund“ aushebelt. Microsoft beschreibt EvilTokens als kommerziell betriebenes Service-Paket, das KI entlang der gesamten Angriffskette einsetzt: vom Auswerten des Postfachinhalts bis zum Entwurf von Nachrichten, die wie echte Kontakte wirken. Entscheidend ist dabei der Device-Code-Ansatz, der Angreifern einen verlässlichen Weg zu Zugriffstoken unter Benutzersidentitäten eröffnet, ohne dass die Angreifer das Passwort der Opfer direkt kennen müssen.
Technisch wird EvilTokens über den Missbrauch des OAuth-2.0-Device-Authorization-Flow aktiv. Der Ablauf beginnt meist mit einer täuschenden E-Mail, die den Empfänger auf eine gefälschte Interaktionsseite führt und ihm einen Device Code anzeigt. Anschließend fordert die Seite den Nutzer dazu auf, diesen Code auf einer legitimen Verifizierungs-URL im Microsoft-Kontext einzugeben, etwa über microsoft.com/devicelogin. Sobald der Code akzeptiert ist, stellt der Authorization Server Zugriff- und Refresh-Tokens aus, die dann von der Angreifer-Client-Seite dauerhaft genutzt werden können. Genau an dieser Stelle entsteht die gefährliche Kombination aus „authentisch wirkendem Login“ und „dauerhafter Token-Nutzung“: Microsoft betont, dass Zugriff auch nach einem Passwortreset bestehen kann, sofern zugehörige Sessions und Tokens nicht widerrufen werden.
Aus Sicht der Verteidigung verschiebt EvilTokens damit den Schwerpunkt weg von klassischen Credential-Erkennungen hin zu Token-Lifecycle, Session-Revocation und kontinuierlicher Anomalieanalyse. Microsoft verknüpft die Plattform außerdem mit Aktivitäten, die auf persistentes Eindringen zielen: Angreifer setzen beispielsweise bösartige Inbox-Regeln ein, um Mitteilungen zu verdecken, oder sie registrieren zusätzliche Geräte über die erhaltenen Berechtigungen. In der Praxis bedeutet das: Selbst wenn einzelne Nachrichten abgewehrt werden, bleibt das Risiko bestehen, dass das kompromittierte Konto später weiter für Exfiltration und weitere Schritte genutzt wird. Ergänzend beschreibt Microsoft eine mehrstufige Zustellkette, die auch durch Umleitungen und gefälschte Prüfmechanismen Domain-Blocklisten und Teile gängiger Gateway-Schutzmechanismen umgehen soll.
Ein weiterer Aspekt ist die Skalierbarkeit durch Automatisierung und „vibe coding“, also die Nutzung von KI-Unterstützung, um Teile der Werkzeugentwicklung zu beschleunigen. Microsoft ordnet EvilTokens als Service ein, der neben Account Takeover auch die Analyse der Mailbox und das „Fraud-Tooling“ in einem Paket bündelt. Das reduziert die Expertise, die früher nötig war, um Business-Email-Compromise- und Invoice-Fraud-Workflows im großen Stil umzusetzen. Konkrete Hinweise auf die Marktform finden sich auch in den Angaben zu kommerziellen Produkten und Preislogik: In den Berichten wird von mehreren Modulen gesprochen, etwa einer Office-365-Capture-Komponente (mit einer einmaligen Zahlung plus wiederkehrender Lizenz für Zugriff und Admin-Panel) sowie weiteren Versand- und Infrastruktur-Bestandteilen. Dass Microsoft zudem die Infrastruktur „gleichzeitig“ mit mehreren Beteiligten neutralisieren konnte, unterstreicht, wie stark solche Plattformen auf ein funktionierendes Zusammenspiel von Hosting, Austauschpunkten, Modellzugriff und Datenlieferung angewiesen sind.
Auch die Marktdimension wird sichtbar, wenn man die gemeldeten Reichweiten betrachtet. Microsoft nennt eine Kopplung an mehr als 12.000 kompromittierte E-Mail-Inboxes über mehr als 10.000 Organisationen, mit auffälligen Konzentrationen unter anderem in den USA, Kanada, dem Vereinigten Königreich, Australien, Indien und Frankreich. Zielbranchen reichen von Großhandel über Bauwesen bis zu Finanzdienstleistern, Immobilien, Hochschulen und Gesundheitswesen. Ergänzend berichtet ein Partner aus dem Finanz-Ökosystem von Erlösen in einer Größenordnung von etwa 1,1 Millionen US-Dollar, die offenbar über Kryptowährungsadressen im Zeitraum Oktober 2025 bis Juni 2026 zugeordnet wurden, inklusive von mehr als 1.000 Einzahlungen von über 700 Adressen. Diese Zahlen sind weniger „Beweis“ für die Qualität der Angriffe als vielmehr ein Hinweis darauf, dass sich das Geschäftsmodell wirtschaftlich trägt.
Zur Unterbrechung der Aktivität arbeitet Microsoft mit weiteren Partnern zusammen und nennt konkrete Schritte gegen die Service-Betriebsumgebung: 50 Websites sollen beschlagnahmt und über 150 weitere Domänen abgeschaltet worden sein. Parallel dazu wurden nach Angaben der Metropolitan Police Service zwei Männer im Zusammenhang mit der Tat festgenommen; die Ermittlungen laufen, und eine abschließende Bewertung liegt damit noch nicht vor. Der rechtliche und technische Kontext ist dabei eng verzahnt: Wo Infrastruktur wegfällt, werden Token- und Datenabflüsse nicht automatisch rückgängig, daher kommt dem Incident-Response-Prozess eine zentrale Rolle zu. Unternehmen, die Office 365-Umgebungen nutzen, müssen besonders darauf achten, Token und Sessions konsequent zu widerrufen, Anmeldepfade zu überwachen und Device-Code-ähnliche Muster als Indikator in die Erkennungslogik aufzunehmen.
Für die KI-Entwicklung und den Security-Engineering-Alltag folgt daraus eine klare Lehre: KI ist hier nicht der „Magie-Katalysator“, sondern ein Verstärker der ohnehin modularen Phishing-as-a-Service-Logik. Wenn Chatbot-ähnliche Funktionen Mailboxen in mehreren Sprachen auslesen, relevante Threads identifizieren und daraus personalisierte Impersonation-Vorlagen ableiten, sinkt die Schwelle für zielgerichtete Angriffe. Gleichzeitig zeigt der Fall, dass Schutzmaßnahmen nicht nur auf Inhaltssignaturen zielen dürfen, sondern auf die Interaktion zwischen Identitätsprovider, Token-Ausgabe und Session-Management. In Summe ist EvilTokens ein Beispiel dafür, wie Künstliche Intelligenz die Automatisierung in der Identitätssicherheit verschiebt – und warum konsequente Token-Revocation sowie harte Anomalieerkennung zu den wichtigsten Verteidigungslinien gehören.
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