LONDON (IT BOLTWISE) – Eine aktive TeamFiltration-Kampagne hat in Microsoft-365-Mandanten über 5.700 Konten angegriffen und dabei sieben Konten kompromittiert. Im Kern ging es um verwaiste, nicht überwachte Service- oder Funktionskonten ohne MFA, die noch mit Default- oder nie rotierten Passwörtern eingerichtet waren. Die Angriffe laufen in mehreren Wellen über EC2-Quelladressen, bevor der Zugriff innerhalb weniger Minuten auf OneDrive, SharePoint und Azure-Umgebungen übergreift. Für Unternehmen ist vor allem die Identitäts-Hygiene bei nicht-menschlichen Konten zur Sicherheitslücke geworden.

In vielen Sicherheitsvorfällen dreht sich die Aufmerksamkeit automatisch um Phishing, Schadsoftware und Zero-Days. Der aktuelle Fall zur Kampagne UNK_CondorFiltration zeigt aber, wie schnell eine Microsoft-365-Umgebung allein durch Identitäts-„Altlasten“ ins Wanken geraten kann. Laut Sicherheitsanalysen wurden über 5.700 Konten in 28 Microsoft-365-Mandanten ins Visier genommen; kompromittiert wurden dabei sieben Accounts. Auffällig ist die Zielauswahl: Es handelte sich nicht um klassische Mitarbeiter-Logins, sondern um unmanaged Funktions- oder Servicekonten, die typischerweise für Prozesse im Hintergrund eingerichtet werden und danach aus dem operativen Blick geraten.
Technisch lässt sich der Kernmechanismus als eine Form von Passwortsuche mit „Passwortspray“-Charakter einordnen, also weniger als aggressives Credential Stuffing für ein einzelnes Opfer, sondern als systematisches Ausprobieren gängiger oder wiederverwendeter Kennwörter über viele Zielkonten. Der Angriff startete laut den vorliegenden Details aus 1.487 eindeutigen AWS-EC2-Quell-IP-Adressen und spielte sich zwischen Ende Juli und August 2026 in mehreren Wellen ab. Besonders deutlich wird die ungleichmäßige Verteilung der beobachteten Authentifizierungsereignisse: Eine chilenische Einzelhandelsgruppe war dabei für 78,3 % der erfassten Events verantwortlich. In den Phasen schwankte die Zahl der angegriffenen Konten pro Tag von grob 100 bis 120 bis hin zu einem Peak von rund 1.520 Konten am 27. Juli, bevor es jeweils wieder abflaute.
Der Sicherheitsbefund beschreibt außerdem ein Muster, das für dieselben oder nur leicht variierende Anmeldeinformationen spricht: Sechs der sieben kompromittierten Konten wurden innerhalb von nur sieben Minuten „aufgebrochen“. Das passt zu der Annahme, dass ein gemeinsamer Default- oder nicht rotiertes Passwort-Set verwendet wurde, anstatt dass jede Zielidentität individuell mit passenden Credentials ausspioniert worden wäre. Besonders relevant ist dabei das Exposure-Gap um „vergessene“ nicht-menschliche Identitäten: Servicekonten werden oft für Automatisierung, Integrationen oder Geschäftsprozesse bereitgestellt, dann aber nicht fortlaufend überwacht. Wenn solche Konten ohne regelmäßige Passwortrotation arbeiten und zudem keine Multi-Faktor-Authentifizierung erzwingen, reduziert sich die Hürde für einen erfolgreichen Login erheblich.
Als Werkzeug kommt TeamFiltration zum Einsatz. Dabei handelt es sich um ein legitimes, plattformübergreifendes offensives Framework, das für Aktionen wie das Aufzählen (Enumeration), das Versprühen von Passwörtern, das Extrahieren von Daten und das Hinterlassen von Hintertüren in Entra-ID-Umgebungen genutzt wird. Für die Betreiber ist der Mehrwert nicht nur die Validierung von E-Mail-Konten und das Testen von Passwörtern, sondern auch die Möglichkeit, nach erfolgreicher Authentifizierung interaktiv auf Ressourcen wie OneDrive zuzugreifen und möglicherweise sensible Daten zu sammeln. Wichtig für die Interpretation: Allein aus Sign-in-Events lässt sich nicht sicher ableiten, ob es bereits zur vollständigen Datenexfiltration gekommen ist. Trotzdem berichten die vorliegenden Details von Aktivitäten unmittelbar nach dem Kompromittieren, die stark auf weitere Erkundung hindeuten.
Innerhalb von weniger als zwei Minuten nach einem erfolgreichen Kontozugriff soll der Angreifer auf einen deutschen VPN-Knoten gewechselt sein, um die Unternehmens-VPN-Verbindung zu prüfen und anschließend weitere Verwaltungs- und Datenzugriffsflächen anzusteuern. Dazu zählen der Zugriff auf das Azure-Portal, das Browsen in SharePoint Online sowie das Anstoßen von Microsoft-Graph-API-Tokenanforderungen. Diese Kette ist besonders deshalb brisant, weil sie eine typische „vom Authentifizieren zur Nutzdatennavigation“-Logik widerspiegelt: Sobald ein Token oder eine Session erlangt ist, lassen sich viele Microsoft-365-Ressourcen über API- und Admin-Pfade konsistent durchdringen. Damit wird die Identitätsverwaltung selbst zum zentralen Kontrollpunkt – nicht nur das Endgerät, nicht nur die Netzwerkperimeter.
Die Vorgeschichte macht klar, dass TeamFiltration nicht als einmaliger Ausreißer taugt. Wie aus Sicherheitsanalysen hervorgeht, wurde das gleiche Framework bereits im Juni 2025 im Kontext eines anderen Bedrohungsclusters (UNK_SneakyStrike) mit Angriffen auf mehr als 80.000 Nutzerkonten in zahlreichen Cloud-Tenants eingesetzt. Solche Wiederverwendung verdeutlicht, dass Verteidiger weniger einzelne Kampagnen im Blick behalten müssen, sondern die grundlegenden Schwachstellen: fehlendes Passwortmanagement für Servicekonten, ausbleibende MFA-Abdeckung und mangelnde Überwachung nicht-menschlicher Identitäten. Gerade im Kontext von KI-gestützter Automatisierung in Unternehmen wächst der Bedarf an Software-Accounts (für Workflows, Webhooks, Agents), wodurch die Zahl der potenziellen „vergessenen“ Identitäten eher zunimmt als abnimmt.
Für die Praxis bedeutet das: Unternehmen sollten nicht nur prüfen, ob Mitarbeiterkonten MFA verwenden, sondern auch konsequent den Lebenszyklus aller Service- und Funktionskonten durchleuchten. Entscheidend ist dabei, Konten zu identifizieren, die seit Monaten oder Jahren nicht mehr für produktive Nutzung revalidiert wurden, Passwörter zu rotieren und bevorzugt auf robuste Authentifizierungsmuster umzusteigen (z. B. Mechanismen, die sich mit Rotation und strikteren Berechtigungen besser steuern lassen). Ebenso wichtig ist eine detections-orientierte Sicht, bei der ungewöhnliche Anmelde- und Tokenmuster korreliert werden – nicht als isoliertes Alerting, sondern als Kette, die von der Kontoübernahme zur Ressourcenbewegung führt. Je früher solche Signale erkannt werden, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass aus einem reinen Passwortversuch eine nutzdatennah ausgeweitete Kompromittierung wird.
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