LONDON (IT BOLTWISE) – Nordkoreanische Hacker stehen laut Angaben eines Blockchain-Intelligence-Anbieters hinter einem mutmaßlichen Angriff auf Bitget. Dabei sollen mehr als 351 Millionen US-Dollar aus den Hot Wallets der Krypto-Börse abgezogen worden sein. Bitget hat daraufhin Krypto-Auszahlungen gestoppt und nennt 464 Millionen US-Dollar im User-Protection-Fonds als Absicherung. Für 2026 gilt der Vorfall als der bislang größte bekannte Diebstahl in der Branche.

Nordkoreanische Hacker sollen Bitget 351 Mio. US-Dollar gestohlen haben
Nordkoreanische Hacker sollen Bitget 351 Mio. US-Dollar gestohlen haben (Foto: IT BOLTWISE)
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Der jüngste Vorfall bei Bitget wirkt weniger wie ein einzelner Ausrutscher, sondern wie ein weiteres Kapitel in einer seit Monaten anhaltenden Angriffswelle gegen Krypto-Plattformen. Laut Berichten aus dem Umfeld des Vorfalls soll ein cyberbezogener Angriff am Donnerstag zu einem Abfluss von mehr als 351 Millionen US-Dollar aus den Systemen des Exchanges geführt haben. Damit liegt der Fall in der Größenordnung deutlich über vielen früheren Einzelereignissen und stellt zugleich die bisher größte bekannte Tatspanne für 2026 in den Schatten. Bitget ordnet den Vorfall in eine Serie hochkarätiger Hacks ein, die vor allem den Krypto-Sektor treffen.

Technisch beschreibt Bitget den Kernmechanismus vergleichsweise klar: Der Angriff habe es ermöglicht, Krypto aus den Hot Wallets unautorisiert zu transferieren. Hot Wallets sind genau die Wallet-Klasse, die man für schnelle Ausführungen und aktives Trading braucht, weil sie online erreichbar sind. Gleichzeitig steigt damit das Risiko, falls ein Angreifer über Schwachstellen in der Umgebung, kompromittierte Konten oder fehlerhafte Zugriffsketten Kontrolle erlangt. Bitget reagierte mit einer unmittelbaren Maßnahme und setzte laut eigenen Angaben Krypto-Auszahlungen über das eigene Netzwerk aus, um weiteren Abfluss zu verhindern. Solche „Withdrawal Stops“ sind im Krypto-Umfeld oft der erste taktische Schritt, bevor die eigentlichen forensischen Untersuchungen beginnen.

Für die Frage, wer die Aktion durchgeführt haben könnte, stützt sich Bitget auf eine Zuordnung, die von Mustern früherer Vorfälle ausgeht. Der CEO Gracy Chen sagte, der Einbruch und der Diebstahl seien „highly consistent with known patterns of North Korean hacker organizations.“ Der Satz ist für viele Marktteilnehmer vor allem deshalb relevant, weil er weniger auf eine einzelne technische Signatur verweist, sondern auf wiederkehrende Vorgehensmuster. Solche Muster können beispielsweise bei der Wahl der Ziele, bei der Art, wie Berechtigungen missbraucht werden, oder bei typischen Werkzeugketten auftauchen. Zusätzlich bringt die Blockchain-Intelligence-Firma TRM Labs eine zahlenbasierte Einordnung ins Spiel: Laut deren Angaben steckt Nordkorea hinter etwa drei Vierteln aller Krypto-Diebstähle im laufenden Jahr.

Damit wird der Vorfall auch marktseitig politisch und strategisch, nicht nur operativ. Wenn sich die Vermutung bestätigt, dass staatlich unterstützte Gruppen auf die Krypto-Infrastruktur als Finanzierungsquelle abzielen, verschiebt das die Prioritäten bei der Absicherung. Open-Source-Komponenten geraten in solchen Szenarien besonders in den Fokus, weil sie gleichzeitig weit verbreitet und damit ein attraktives Ziel sind: Ein massenhafter Angriff entsteht häufig nicht aus einer einzigen „zero-day“-Überraschung, sondern aus wiederverwendbaren Schwachstellen oder falsch konfigurierten Integrationen. In der Praxis bedeutet das für Betreiber von Börsen und Zahlungsrouten, dass sie neben Perimeter-Absicherung auch Lieferkettentransparenz und strikte Runtime-Kontrollen brauchen. Denn selbst eine stabile Frontend- und API-Schicht hilft wenig, wenn die Geldbewegung im Backend über kompromittierte Schlüssel oder Schnittstellen erfolgt.

Bitgets finanzielle Gegenmaßnahmen adressieren in erster Linie die unmittelbare Schadenshöhe und die Erwartung von Nutzern. Die Firma nennt einen User-Protection-Fonds in Höhe von 464 Millionen US-Dollar, der die Kosten des Diebstahls abdecken soll. Solche Fondsmodelle sind im Krypto-Ökosystem inzwischen verbreitet, weil sie in der Kommunikation gegenüber Kunden die Zeit bis zum Abschluss der Forensik überbrücken. Entscheidend ist dabei weniger die Existenz des Fonds allein, sondern wie konkret er im Ereignisfall „greift“: Werden Mittel vorrangig zur Rückerstattung genutzt, und welche Bedingungen gelten für die Auszahlung? Bitget macht keine Details zur Aktivierung genannt, aber der angekündigte Stopp der Auszahlungen zeigt, dass man zunächst die Abflussseite neutralisieren und dann die Wiederaufnahme über ein kontrolliertes Szenario steuern will.

Auch die zeitliche Einordnung zeigt, wie schnell sich Vorfälle kumulieren können. Bitget verweist darauf, dass es bereits einen Hack im September gegeben habe, bei dem ein Abfluss von 340 Millionen US-Dollar bekannt wurde, wobei der Angreifer den Großteil später zurückgab – lediglich rund 47 Millionen US-Dollar seien offenbar nicht zurückgeführt worden. Der aktuelle Vorfall ist damit nicht nur wegen der Höhe bemerkenswert, sondern auch wegen des fehlenden Hinweises auf eine freiwillige Kompensation. Für Unternehmen im Markt heißt das: Selbst wenn die Wiederaufnahme des Handels operativ schnell möglich wäre, bleibt das zentrale Risiko die Latenz zwischen „Verdacht“, „technischer Isolation“, „Bestätigung“ und „Entscheidung über Nutzeransprüche“.

Für die Branche ergibt sich daraus ein sehr konkreter technischer Auftrag. Hot Wallets lassen sich nicht einfach aus dem Produkt verbannen, aber sie können durch Sicherheitsarchitekturen stark „härten“: mehrschichtige Zugriffskontrollen, Segmentierung von Schlüsselverwahrung, restriktive Signatur-Workflows und kontinuierliches Monitoring auf ungewöhnliche Abflussmuster gehören in vielen Threat-Model-Setups inzwischen zur Grundausstattung. Ebenso wichtig ist die Betriebsseite: Ein solides Incident-Response-Design muss festlegen, wann genau Auszahlungen gestoppt werden, wie schnell Rollen- und Berechtigungsketten überprüft werden, und welche Datenquellen die forensische Analyse wirklich tragen. In diesem Zusammenhang wird auch nachvollziehbar, warum Angreifer häufig genau dort ansetzen, wo Trading- und Wallet-Logik eng gekoppelt sind.

Aus Sicht von IT- und Security-Verantwortlichen ist außerdem die Frage nach der Wiedereröffnungsplanung entscheidend. Bitget hat nach den veröffentlichten Informationen keinen Zeitpunkt genannt, wann Auszahlungen wieder möglich sind. Diese Unklarheit ist in der Regel kein reines Kommunikationsproblem, sondern signalisiert, dass die tatsächliche Zustandsklärung der Wallet- und Schlüsselumgebung noch läuft. Wer Krypto-Produkte betreibt, sollte sich darauf einstellen, dass die Wiederaufnahme nach einem solchen Ereignis häufig an mehreren Kontrollpunkten hängt: Wiederherstellung vertrauenswürdiger Schlüsselzustände, Verifikation der Integrität relevanter Systeme, und die Prüfung, ob der Angreifer dauerhaften Zugriff erhalten hat. Für Nutzer und Aufsicht bedeutet das vor allem eines: Prozessstabilität schlägt Tempo, solange das Risiko einer zweiten Abflusswelle nicht sicher ausgeschlossen ist.


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