LONDON (IT BOLTWISE) – Der SharpLink-CEO Joseph Chalom sieht Bitcoin als „Exit Asset“ und setzt stattdessen auf Ethereum als Fundament für die nächsten Finanz-„Rails“. In seinem Szenario treffen stablecoins als programmierbares digitales Bargeld, tokenisierte Real-World-Assets, DeFi als Ausführungsschicht und KI-Agents zusammen. Daraus leitet er für die kommenden zehn Jahre ein erhebliches Risiko für Gebührenströme in der Finanzbranche ab. Besonders zentral ist für ihn die Frage, wer die Schienen kontrolliert, auf denen diese Automatisierung künftig läuft.

Der Ausgangspunkt der Diskussion ist weniger eine konkrete Preiserwartung, sondern die Architektur einer zukünftigen Finanzwelt: Joseph Chalom, CEO von SharpLink, ordnet Bitcoin und Ethereum bewusst unterschiedlichen Rollen zu. Bitcoin beschreibt er dabei als „Exit Asset“ – also als Asset, das sich vor allem zum Positionieren und Absichern eignet, nicht aber als primäre Ausführungsplattform. Ethereum hingegen betrachtet er als Basis für neue „Rails“, über die Zahlungen, Tokenisierung und Automatisierung in einer engeren Taktung miteinander verbunden werden. Damit verschiebt sich der Fokus in der Analyse weg von „welcher Coin gewinnt“ hin zu „welche Infrastruktur kann die nächsten Prozessschritte tragen“.
Technisch lässt sich Chalom Argumentation als Kombination mehrerer Schichten verstehen, die sich gegenseitig verstärken. Stablecoins funktionieren in diesem Modell als programmierbares digitales Bargeld: Sie bilden die stabile Zahlungsgrundlage, die sich per Smart Contracts in Workflows einbetten lässt. Tokenisierte Real-World-Assets erweitern das Spektrum, indem Vermögenswerte aus der physischen Welt in handelbare bzw. abrechenbare Token übersetzt werden. DeFi wird dabei zur Execution Layer, also zu der Schicht, in der Tausch, Kredit, Verwahrung oder Handel als Protokollmechanik umgesetzt werden. Über allem skizziert Chalom den nächsten Schritt: KI-Agents sollen diese Abläufe beobachten, entscheiden und ausführen, statt dass Menschen jede einzelne Geste im Prozess anstoßen müssen.
Die Folge wäre eine drastische Umverteilung von Gebühren. Chalom rechnet in Summe mit rund 4 Billionen US-Dollar an Financial-Services-Gebühren, die über das nächste Jahrzehnt „im Risiko“ seien – vor allem weil die Automatisierung einen Teil der bisherigen Kostenblöcke verdrängt. In seinem Modell bleibt ein relevanter Anteil zunächst bei etablierten Playern: etwa 35% sollen bei klassischen Marktteilnehmern wie Banken und Versicherungen „verbleiben“. Zugleich erwartet er, dass 15% bis 20% in Richtung crypto-nativer Disruptoren wandern, die sogenannte Super-Apps aufbauen. Der größte Brocken – Chalom nennt etwa 50% – würde hingegen auf nahezu null gedrückt, weil KI-Agents Gebühren reduzieren, die in der Vergangenheit an menschliche Unaufmerksamkeit, manuelle Schrittabfolgen oder Reibungsverluste gekoppelt waren.
Warum dieser Mechanismus aus Chalom Sicht schneller greifen soll als frühere Gebührenerosionen, belegt er historisch mit einem Vergleich zur Broker-Kommission im Jahr 1975. Damals habe die SEC feste Gebühren bei Wertpapiertransaktionen abgeschafft, wodurch die Branche über Jahre schrittweise in Richtung nahezu null Kommissionen gedrückt wurde – und zwar nicht sofort, sondern als langes Ausquetschen. Chalom erwartet nun eine Art „Fast-Forward“ statt „Slow Motion“: Seine Begründung lautet, dass maschinelle Intelligenz, Blockchain-Rails und stablecoins gleichzeitig oder zumindest in kurzer zeitlicher Nähe funktionsfähig verfügbar sind. Das ist entscheidend, weil Gebührendruck in der Praxis erst dann nachhaltig wird, wenn sowohl die technische Ausführbarkeit als auch die Zahlungs- und Konnektivitätsbasis vorhanden sind und nicht nacheinander nachgereicht werden.
Die Unterscheidung zwischen Bitcoin und Ethereum wird bei Chalom ausdrücklich nicht als Wettbewerb verstanden, sondern als Rollenverteilung im Portfolio. Er sagt, er halte beide Assets in gleicher Größenordnung, wobei Bitcoin für ihn vor allem als Hedge gegen monetäre Verwässerung und geopolitisches Risiko dient. In dieser Lesart ist Bitcoin ein Asset mit hoher „Neutralität“ gegenüber einzelnen Gegenparteien: Es gebe keinen CEO und keine unmittelbare zentrale Gegenpartei, die Entscheidungen trifft oder Regeln ändert. Ethereum dagegen gewinnt aus seiner Sicht vor allem durch Programmierbarkeit. Viele der Elemente, die er als Treiber nennt – stablecoin-Ökosysteme, Tokenisierung und DeFi-Logik – entstünden heute über Ethereum oder Ethereum-kompatible Ketten. Damit wird die Programmierung zur Schnittstelle, die die Automatisierung überhaupt erst operationalisiert.
Genau an diesem Punkt kommt ein weiterer technischer und industriepolitischer Aspekt hinzu: Für Chalom ist nicht die grundlegende Frage, ob KI-Agents Finanzprozesse umformen, sondern wer die Kontrolle über die „Rails“ übernimmt. In der Vergangenheit haben sich Technologie-Wellen häufig so entwickelt, dass einige wenige Organisationen die Intermediationspunkte dominieren. Chalom sieht Ethereum mit seiner dezentraleren, stärker zensurresistenten Ausgestaltung als bestmögliche Abwehr gegen eine solche Konsolidierung. Aus Marktsicht bedeutet das: Wenn Agents Entscheidungen treffen und Transaktionen auslösen, dann verschiebt sich die Macht in Richtung derjenigen, die Zugriff, Regeln und Verfügbarkeit der zugrunde liegenden Protokolle kontrollieren.
Auch das eigene Produktdesign von SharpLink wird in diesem Kontext lesbar. Das Unternehmen setzt laut Darstellung auf eine aktiv verwaltete Treasury-Strategie: Es sollen 900.000 ETH gestakt werden, sodass Equity-Inhaber sowohl an Staking-Erträgen als auch an möglicher Wertsteigerung partizipieren. Gleichzeitig interpretiert Chalom den aktuellen Einstieg als Übergang in einen neuen Bullenmarkt für große Krypto-Assets. Für Technologieführungen und Investor-Teams ist dabei vor allem relevant, dass sich hier ein Governance- und Infrastrukturthema mit einem Finanzierungsmechanismus verbindet: Staking wird zum Brückenbau zwischen operativem Betrieb im Netzwerk und dem Ausschüttungs- bzw. Wertprofil eines Vehikels. Unabhängig davon, wie man Chalom Szenario bewertet, macht der Ansatz deutlich, dass in der KI-optimierten Finanzautomatisierung nicht nur Modelle zählen, sondern auch die technische „Basis“, auf der Agents handeln dürfen.
Nimmt man das Gesamtbild zusammen, geht es um eine neue Kette aus Verfügbarkeit, Ausführbarkeit und Automatisierung: Stablecoins liefern die Zahlungsebene, Tokenisierung erweitert die Objektklasse, DeFi übernimmt die Execution und KI-Agents schließen die Lücke zwischen „Regeln“ und „Handlung“. Gerade weil Chalom den größten Druck auf Gebühren dort erwartet, wo menschliche Aufmerksamkeit bisher Bestandteil des Prozesses war, rückt die Frage nach Monitoring, Risiko- und Zustandsverwaltung in den Vordergrund: Wer Agents betreibt, muss ihnen Zugriff auf Konten, Vermögensbewegungen und Kontraktlogik zuverlässig und nachvollziehbar geben. Für Unternehmen heißt das zugleich: Jede KI-Integration in Finanz-Workflows wird stärker zu einer Integrationsaufgabe für Infrastruktur und Datenflüsse, nicht nur zu einem Modell-Experiment.
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