LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie zeigt: Nicht die Aufteilung sichtbarer Hausarbeit entscheidet am stärksten über die Zufriedenheit von Frauen, sondern die Verteilung der mentalen und emotionalen Planungsarbeit. Wenn Männer mehr dieser „mental load“ rund um Beziehung und Haushalt übernehmen, steigt die Beziehung- und sogar die sexuelle Zufriedenheit von Frauen. Umgekehrt berichten Männer häufiger zufriedene Beziehungen, wenn Partnerinnen mehr von dieser unsichtbaren Koordinationsarbeit tragen. Die Ergebnisse machen deutlich, dass Fairness im Alltag mehr als nur Putzen und Kochen meint.

Unsichtbare mentale Arbeit: Wie sie die Beziehungszufriedenheit von Frauen prägt
Unsichtbare mentale Arbeit: Wie sie die Beziehungszufriedenheit von Frauen prägt (Foto: IT BOLTWISE)
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Bei der Aufteilung von Haushalt und Familie wird oft zuerst an die sichtbaren Aufgaben gedacht: Geschirr abwaschen, den Müll rausbringen oder das Essen planen. Die aktuelle Forschung verschiebt den Fokus jedoch auf etwas, das man nicht so leicht auf eine Aufgabenliste schreiben kann: die mentale und emotionale Koordination, die eine Partnerschaft am Laufen hält. In heterosexuellen Beziehungen berichten Frauen demnach besonders dann von höherer Beziehungs- und Sexualzufriedenheit, wenn ihre männlichen Partner einen größeren Anteil an der nichtkörperlichen „Arbeitslast“ übernehmen. Umgekehrt wird auch eine Gegenrichtung sichtbar: Männer berichten mehr Zufriedenheit, wenn ihre Partnerinnen mehr von dieser unsichtbaren Koordinationsarbeit tragen. Damit entsteht ein Bild, in dem „Hausarbeit“ nicht nur Tätigkeiten umfasst, sondern auch das dauerhafte Monitoring von Bedürfnissen, Terminen und Stimmungen.

Der zentrale Begriff dafür ist die „mental load“. Gemeint ist die nichtphysische Managementarbeit rund um das Familienleben. Dazu zählen kognitive Aufgaben wie das Antizipieren von Haushaltsbedarf, das Planen von Terminen oder das Organisieren von Routinen. Ebenso gehören emotionale Elemente dazu, etwa wenn jemand beruhigt, familiäre Spannungen dämpft oder die Gefühlslage des Partners fortlaufend einschätzt. Die Forschung knüpft damit an Überlegungen aus früherer theoretischer Arbeit an, nach der diese Last oft unsichtbar bleibt, keine klaren Grenzen hat und sich praktisch nie als „erledigt“ abschließen lässt. Genau hier liegt der Unterschied zu körperlichen Routinen: Eine Reinigungsaufgabe hat ein Ende, das Erinnern an Nachschub, das Verwalten von Schulplänen oder das Spüren, wann ein Partner belastet ist, kann dagegen jederzeit anfallen.

Um den Zusammenhang mit Zufriedenheit systematisch zu prüfen, hat ein Team um Verena Klein von der University of Southampton zwei Studien entworfen. In Studie 1 wurden 452 heterosexuelle Frauen aus dem Vereinigten Königreich befragt, die mit einem männlichen Partner zusammenlebten. Das Durchschnittsalter lag bei etwa 42 Jahren; die Beziehungsdauer reichte von 1 bis 44 Jahren, und rund 55% hatten mindestens ein Kind. Die Teilnehmenden beantworteten Fragen dazu, wer den mentalen Anteil an Beziehung und Haushalt trägt, wer Routinearbeiten im Haushalt erledigt und wie stark sie traditionelle Geschlechterrollen unterstützen. Beziehung und Sexualzufriedenheit wurden jeweils mit einzelnen Items auf numerischen Skalen erfasst. Für die Messung der mentalen Last wurde zudem eine 17-teilige Skala entwickelt, weil zum Zeitpunkt der Datenerhebung noch kein validiertes Messinstrument für genau dieses Konstrukt vorlag: Sie deckt fünf Bereiche ab, darunter Familienmanagement, Haushaltsmanagement, emotionalen Aufwand im Zusammenhang mit Kindern, emotionalen Aufwand rund um den Partner sowie beziehungsbezogene Fürsorge.

Die Resultate aus Studie 1 deuten darauf hin, dass sich die Zufriedenheit der Frauen besonders dann erhöht, wenn ihre Partner mehr von der mentalen Last im Bereich Beziehung übernehmen. Die Effekte waren moderat: Die Korrelation lag bei 0,24 für Beziehungssatisfaction und bei 0,15 für sexuelle Zufriedenheit. Detaillierter betrachtet zeigte sich außerdem eine wichtige Nuance: Emotionale Aufgaben, bei denen man etwa merkt, wann der Partner verärgert oder traurig ist, und zugleich romantische Anlässe plant, standen eher im Zusammenhang mit höherer Sexualzufriedenheit. Reine administrative kognitive Tätigkeiten taten das nicht in gleicher Weise. Auch die Einbettung in Regressionsanalysen fällt bemerkenswert aus: Berücksichtigt man gleichzeitig körperliche Hausarbeit, Gender-Ideologie und den mentalen Anteil der Beziehung, bleibt für die Vorhersage der Zufriedenheit von Frauen nur die mentale Last als relevanter Faktor sichtbar. Gleichzeitig verschwindet der direkte Zusammenhang zur Sexualzufriedenheit, sobald die allgemeine Beziehungszufriedenheit mit in die Modelle aufgenommen wird; elterliche mentale Last sagt die Sexualzufriedenheit zudem nicht signifikant vorher.

In Studie 2 wechselten die Forschenden auf ein dyadisches Design, das beide Partner gleichzeitig betrachtet, um die Perspektive „im selben Haushalt“ besser abzubilden. Befragt wurden 156 heterosexuelle Paare, die zusammenleben, über eine Online-Plattform aus dem Vereinigten Königreich und den USA. Wieder beantworteten beide Partner die Items zu eigener und angenommener Teilung der mentalen Last sowie Zufriedenheitsfragen; statistisch wurde das Actor-Partner Interdependence Model genutzt, das prüft, wie die Angaben einer Person und die Angaben der Partnerin bzw. des Partners gemeinsam mit den Zufriedenheitsmaßen zusammenhängen. Die Paare waren sich dabei überraschend klar einig, zumindest in der Wahrnehmung der Verteilung: Sowohl Frauen als auch Männer berichteten, Frauen würden mehr Hausarbeit erledigen und deutlich mehr mentalen Aufwand tragen. Konkret lagen die durchschnittlichen Werte für die Beziehung-mentale Last bei 2,31 aus Frauensicht (mehr bei den Frauen) und bei 3,36 aus Männersicht (mehr bei den Frauen aus Männersicht). Bei der parentalen mentalen Last war die Lücke noch größer: 1,71 versus 3,53. Gleichzeitig war der Unterschied bei körperlichen Aufgaben kleiner (2,57 versus 3,18).

Aus den dyadischen Daten kommt dann die bereits erwähnte geschlechtsspezifische Asymmetrie in der Beziehung zur Zufriedenheit. Für Frauen waren Beziehung und Sexualzufriedenheit am höchsten, wenn die mentale Last der Beziehung gleichmäßig zwischen beiden geteilt wurde. Männer berichten dagegen höhere Beziehungszufriedenheit, wenn ihre Partnerinnen einen größeren Anteil der mentalen Last übernehmen; bei der Sexualzufriedenheit gilt für Männer ebenfalls: Am zufriedensten sind sie, wenn die mentale Last gleich verteilt wird. Klein bringt das so auf den Punkt: „I don’t think that means men are consciously thinking ‘I want my partner to do everything, ’ I’d be careful about reading it as a conscious preference.“ Für das Team ist daran vor allem zweierlei relevant: Erstens sind gleiche Arrangements nicht für beide Seiten gleich wirksam, zweitens kann es sein, dass traditionelle Muster sich für Männer „komfortabel“ anfühlen, auch wenn sich gesellschaftliche Normen rund um Gleichberechtigung ändern. Gleichzeitig zeigte sich bei der parentalen mentalen Last ein anderes Muster: Sowohl Mütter als auch Väter berichten höhere Beziehungszufriedenheit, wenn der Partner mehr der kinderbezogenen mentalen Koordination übernimmt. Ein Zusammenhang zur Sexualzufriedenheit ließ sich hier jedoch nicht beobachten.

Wichtig ist außerdem, wie die Ergebnisse einzuordnen sind. Die Studien basieren auf Querschnittsdaten; das heißt, sie zeigen Zusammenhänge zwischen der Teilung von Arbeit und Zufriedenheit, beweisen aber keine Kausalität. Denkbar bleibt etwa, dass bereits zufriedene Paare besser kommunizieren und dadurch fairere Alltagsarrangements entwickeln. Außerdem war die Varianz in den Extrembereichen begrenzt: In Studie 2 berichtete niemand, die Partnerin bzw. der Partner übernehme „gar nicht“ die mentale Last, und auch umgekehrt niemand, die eigene Seite trage „alles“. MacDonald, der nicht am Projekt beteiligt war, hebt deshalb weniger den Einzelfund als die gemeinsame Wahrnehmung hervor: „For me, it’s that both men and women agree that women take on more of the mental load around household tasks, and this can have consequences for women’s well-being in a relationship.“ Er sieht außerdem offene Fragen zur Messlogik: Die mentale Last könnte auch Teil eines breiteren Konstrukts sein, etwa wenn „Zuwendung und Responsivität“ eines Partners in die Wahrnehmung hineinspielen. Klein betont derweil den praktischen Hebel, der aus den Daten folgen könnte: „The first step is simply making mental load visible.“ Wer nur nachfragt, „wer wäscht“, verfehlt demnach einen Teil der Verantwortungskette – nämlich das Erinnern, Planen und fortlaufende Aufpassen, dass Dinge rechtzeitig erledigt werden.


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