ESSEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die RAG-Stiftung hat sich in einer Online-Sitzung mit den Übernahmeplänen der BASF für Evonik befasst. Das Kuratorium informierte sich über das Interesse des Chemiekonzerns und machte Details zu Inhalten und Ergebnissen ausdrücklich vertraulich. Im Raum stand dabei ein Angebotspreis von 22,15 Euro je Aktie, der laut Bericht abgelehnt wurde. Gleichzeitig unterstreicht die Stiftung ihre zentrale Rolle bei der Finanzierung der Ewigkeitslasten des Ruhrkohlebergbaus.

Die RAG-Stiftung, größter Anteilseigner von Evonik, hat sich mit den Übernahmeplänen der BASF befasst – allerdings ohne die Ergebnisse aus dem Kuratoriumsvotum nach außen zu geben. Laut Mitteilung aus Essen hat das Gremium im Rahmen einer Online-Sitzung den Stiftungsvorstand über das Interesse der BASF informiert, das sich auf den Chemiekonzern richtet. Die Stiftung wählte dabei eine klare Linie: Konkrete Inhalte und Ergebnisse der Sitzung bleiben vertraulich. Damit steht zunächst nicht fest, ob die Beratungen eher formale Fragen zum Verfahren adressierten oder ob sie bereits inhaltliche Positionen zu Preis, Struktur oder zeitlichem Ablauf vorbereiteten.
Für die Kapitalmarktwirkung war der Preisanker dennoch zentral: Genannt wurde ein Angebot von 22,15 Euro je Aktie. Bei einem solchen Ansatz hätte sich laut der Berichterstattung ein Gesamtvolumen von mehr als 10,3 Milliarden Euro für alle Evonik-Papiere ergeben. Entscheidend ist dabei auch die Handlungsfähigkeit des Mehrheitsaktionärs: Die RAG-Stiftung hält aktuell rund 43 Prozent der Evonik-Aktien und kann damit maßgeblich beeinflussen, ob ein Angebot überhaupt realistische Abschlusschancen hat. Dass das Angebot abgelehnt wurde, signalisiert zugleich, dass der angebotene Wert – zumindest aus Sicht der Stiftung – nicht ausreichte, um die nächste Verhandlungsstufe zu öffnen.
Der Kontext zeigt zudem, dass es sich nicht um ein bereits durchgeplanter Vollzug handelt, sondern zunächst um ein Sondierungs- und Angebotsumfeld. Evonik hatte die Initiative zuvor als unverbindliche „Ansprache“ beschrieben: Sie sei auf ein freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot für sämtliche Aktien gerichtet. Gleichzeitig hieß es, Gespräche fänden derzeit nicht statt. Auch die BASF blieb in ihrer Kommunikation bei einer offenen Formulierung zum weiteren Verlauf der Sondierungen. Für Unternehmen und Investoren ist genau diese Spannung zwischen „interessiert“ und „konkret“ relevant: In solchen Phasen ändern sich Wahrnehmung und Bewertung oft schneller als die formalen Schritte, weil der Markt jederzeit neue Details zu Preislogik, Finanzierung und Timing einpreist.
Spannend ist aber nicht nur die reine Übernahmedynamik, sondern die organisatorische Rolle der RAG-Stiftung. Ihre Aufgabe ist die dauerhafte Finanzierung der Folgekosten des 2018 eingestellten deutschen Steinkohlebergbaus. Dazu zählt im Ruhrgebiet unter anderem, dauerhaft Grubenwasser aus stillgelegten Bergwerken abzupumpen, damit es das Grundwasser nicht verschmutzt. Diese Ewigkeitskosten werden aus Kapitalanlagen erwirtschaftet; die Stiftung ist dafür an sehr vielen Unternehmen beteiligt. Damit entsteht ein Zielkonflikt, der bei klassischem Private-Equity- oder Streubesitz-Szenarien so nicht auftritt: Die Stiftung muss einerseits Renditepfade sichern, andererseits aber ihr Risikoprofil und ihre langfristige Verpflichtungslage stabil halten.
Im Hintergrund wirkt außerdem die Governance-Struktur. Der Sitz der Stiftung liegt in Essen, und das Kuratorium besteht aus 13 Mitgliedern, vor allem aus politischen Akteuren. Fünf Mitglieder sind dem Gremium automatisch durch ihr Amt zugeordnet: die Ministerpräsidenten von NRW und Saarland, die Bundesminister für Wirtschaft und Finanzen sowie der Vorsitzende der IGBCE. Das Kuratorium bestellt den Vorstand; gleichzeitig heißt es auf der Website der Stiftung, dass es über Entscheidungen von grundlegender Bedeutung regelmäßig informiert wird. Gerade bei einer Transaktion wie dem Evonik-Übernahmevorhaben wird daraus ein hoher Abstimmungsbedarf: Die Frage ist dann nicht nur, was ein Angebot wert ist, sondern auch, wie die Stiftung ihre Verantwortung gegenüber den Ewigkeitslasten mit Kapitalallokation, Liquiditätsplanung und potenziellen Klumpenrisiken in Einklang bringt.
Finanziell liefert die Mitteilung zusätzliche Einordnung. Der Buchwert des gesamten Vermögens zum Jahresende 2025 lag demnach bei 15,9 Milliarden Euro. Mitte Juni hatte die Stiftung knapp 30 Beschäftigte – das unterstreicht, dass es sich um eine schlanke Organisation handelt, die komplexe Anlage- und Politikaufgaben über Expertise in der Umsetzung steuern muss. In dieser Logik kann ein Evonik-Vorgang sowohl Chancen als auch Risiken bedeuten: Ein Verkauf oder eine Neuordnung der Beteiligung kann kurzfristig Liquidität schaffen, verändert aber langfristig die Ertragsbasis und die Zusammensetzung des Portfolios. Für BASF wiederum ist die Ablehnung ein Signal, dass ein reines Erhöhen des Angebots möglicherweise nicht genügt, sondern überzeugende Argumente zur Strategie- und Bewertungslogik braucht.
Für die weitere Marktbeobachtung dürfte deshalb weniger der Wortlaut der bisherigen Kommunikation im Vordergrund stehen, sondern die Frage, wie flexibel die Beteiligten in der Preis- und Strukturdebatte bleiben. Wenn Gespräche vorerst nicht stattfinden und das Kuratorium zugleich Details nicht teilt, kann sich die Informationslage für den Markt zäh anfühlen, während die Bewertungsschraube weiterarbeitet. Aus Unternehmenssicht ist der Fall ein Lehrstück dafür, wie stark langfristige Verpflichtungen institutioneller Aktionäre – hier die Finanzierung von Bergbau-Folgekosten – die Entscheidungsarchitektur bei M&A-Vorhaben beeinflussen können. Gleichzeitig zeigt er, dass bei großen Industriekonsolidierungen die „Finanzierungsstory“ und die „Governance-Story“ zusammengehören: Ein Angebot ist nicht nur ein Preis, sondern auch eine Prüfung der Tragfähigkeit für den Eigentümer auf Jahre hinaus.
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