WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Das WIFO erwartet für Österreich 2026 ein BIP-Wachstum von 0,9% und für 2027 von 1,3%. Die Industrie übernimmt dabei zunehmend die Rolle als Wachstumsträger, während der private Konsum wegen sinkender Reallöhne und hoher Unsicherheit schwach bleibt. Ein neuer Angebotsschock durch den Nahost-Konflikt lässt die Energiepreise erneut kräftig steigen und dämpft mittelfristig das Potenzial. Das Budgetdefizit soll bis 2031 im Schnitt bei 4,1% des nominellen BIP liegen – deutlich über der 3%-Marke.

Österreich steckt nach der langen Schwächephase 2023 und 2024 in einer Erholung, die sich laut WIFO im laufenden Jahr spürbar verändert. Bis 2025 wurde das Wachstum wesentlich von der öffentlichen Verwaltung, Bildung und Gesundheit getragen, doch deren Wachstumsbeitrag geht nun deutlich zurück. An seine Stelle tritt die Industrie, also die Herstellung von Waren (ÖNACE 2008 Abschnitt C), und profitiert dabei vor allem von einer spürbaren Belebung der Auslandsnachfrage. Der wichtige Punkt ist: Diese Dynamik kommt nicht aus dem Inland selbst, sondern wird über Exporte und damit über die Konjunktur in den wichtigsten Absatzmärkten importiert.
Für 2026 prognostiziert das WIFO eine Zunahme der Wirtschaftsleistung um 0,9%. Getragen wird das Wachstum durch die Exporte (+2,3%), die mit der Industriekonjunktur auf den wichtigsten Märkten anziehen. Erst allmählich überträgt sich dieser Impuls auf die Inlandsnachfrage: Der private Konsum wächst weiter nur schwach (+0,4%), weil die Reallöhne sinken und die gestiegene Unsicherheit die Ausgabenbereitschaft der Haushalte dämpft. Gleichzeitig verschiebt sich das Preisumfeld gegenüber 2022, als ein ähnlicher Angebotsschock bereits die Energiepreise nach oben trieb: Diesmal trifft er eine Phase ohnehin schwacher Kaufkraft und eine restriktiv ausgerichtete Wirtschaftspolitik.
Technisch betrachtet handelt es sich bei der aktuellen Lage um einen klassischen Mix aus Nachfrageimpuls und externem Kostenschock. Die Kosten steigen nicht nur im Endkundenbereich: Der Nahost-Krieg und die anhaltende Blockade der Straße von Hormus treiben die Preise für Rohöl, Erdgas und Strom kräftig nach oben. Solche Energiepreissprünge schlagen über mehrere Kanäle durch – etwa über höhere Inputkosten in energieintensiven Produktionsstufen oder über die Finanzierungskosten, wenn sich Marktmechanismen und Erwartungshaltungen ändern. Das WIFO geht dabei davon aus, dass im Prognosezeitraum die Entspannung auf den Energiemärkten gegen Ende nachlässt und damit der Preisauftrieb schrittweise abebbt.
Auch die Preis- und Arbeitsmarktzahlen zeigen diesen Übergang von externem Impuls zu internen Anpassungen. Im Inland verteuern sich Güter und Dienstleistungen 2026 um 2,2% und 2027 um 2,4% (2025 +3,0%). Die Verbraucherpreise steigen laut Prognose 2026 um 3,3% und 2027 um 2,6% (2025 +3,6%). Gleichzeitig unterzeichnet der BIP-Deflator den Preisauftrieb, dem die privaten Haushalte gegenüberstehen: Die Verteuerung importierter Energieträger erhöht zwar die Verbraucherpreise, aber sie spiegelt sich weniger direkt in der Preisbewertung der heimischen Wertschöpfung wider. Beim Arbeitsmarkt wirkt die Konjunkturbelebung mit Verzögerung: Die Zahl der unselbständig aktiv Beschäftigten steigt 2026 um 0,5% und 2027 um 0,7%; die Arbeitslosenquote steigt 2026 auf 7,6% und sinkt erst 2027 auf 7,3%, wobei das Arbeitskräfteangebot durch Zuwanderung zunimmt.
Bis 2027 soll sich das Wachstum weiter beschleunigen: Das WIFO nennt 1,3% für 2027, weil dann der außenwirtschaftliche Impuls deutlich stärker auf die Binnennachfrage durchschlagen dürfte. Besonders relevant sind dafür die Investitionen: Die Bauinvestitionen werden 2027 erstmals seit fünf Jahren wieder zulegen, die Ausrüstungsinvestitionen sollen weiter expandieren. Ergänzend wird ein leichter Anstieg der Bruttoreallöhne pro Kopf erwartet. Trotzdem bleibt die Dynamik über den gesamten Prognosezeitraum gedämpft – durch die Straffung der Geldpolitik und die fortgesetzte fiskalische Konsolidierung. Genau an dieser Stelle trennt sich auch die Erwartungslage in Unternehmen: Exportorientierte Industriebetriebe können von der Belebung profitieren, während die Binnenkonjunktur wegen der Kombination aus höherer Unsicherheit und erst später wieder anziehenden Reallöhnen langsamer reagiert.
Mittelfristig rückt damit weniger die Wachstumsrate in den Fokus als die Frage nach dem Potenzial. Das WIFO beschreibt mehrere Herausforderungen: Energiepreise und Lohnstückkosten liegen trotz der Annäherung an den europäischen Durchschnitt weiterhin erhöht. Das bedeutet insbesondere für die energieintensive Exportwirtschaft anhaltenden Wettbewerbsdruck. Daneben spielen strukturelle Themen hinein, etwa die Integration von Migrant: innen ins Bildungssystem und in den Arbeitsmarkt. Die Erwerbsbeteiligung älterer Menschen steigt zwar mit der schrittweisen Anhebung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters der Frauen und mit späteren Möglichkeiten in der Korridorpension, liegt aber weiterhin unter jener vergleichbarer Industrieländer. Das Ergebnis ist eine Wachstumsprojektion, die bis 2031 etwas langsamer ausfällt als im Euro-Raum: Für Österreich erwartet das WIFO ein reales BIP-Wachstum von 1,2% pro Jahr (2026/2031; im Vergleich 2010/2019 +1,6% p. a.).
Auch die Finanz- und Staatsfinanzierungsseite bleibt ein Bremsfaktor, der in der Unternehmensplanung oft unterschätzt wird. Das Budgetdefizit soll 2026/2031 im Schnitt 4,1% des nominellen BIP betragen und damit deutlich über dem Schwellenwert von 3% liegen. Folglich steigt die Staatsschuld bis 2031 auf 89% der nominellen Wirtschaftsleistung. Der Anstieg der langfristigen Zinssätze führt zu einem merklich höheren Zinsendienst für die Staatsschuld und konterkariert damit frühere Konsolidierungsbemühungen; für eine Unterschreitung des 3%-Maastricht-Ziels sind ab 2029 zusätzliche Konsolidierungsanstrengungen von zumindest 1% des nominellen BIP erforderlich. Aus Industriesicht heißt das: Unternehmen müssen nicht nur auf Nachfrage- und Energiepfade achten, sondern auch auf die mittelfristige Fiskalarchitektur, weil daraus Prioritäten bei Infrastruktur, Förderlogik und öffentlichen Investitionen folgen können. Für den weiteren Verlauf nennt das WIFO außerdem eine mögliche Entspannung bei der Arbeitslosigkeit: Wenn Potenziale besser gehoben werden, könnte die Arbeitslosenquote bis 2031 auf 5,8% sinken.
Für die nächsten Entscheidungen in Betrieben bedeutet die WIFO-Prognose damit vor allem eine klare Aufteilung der Risiken: Ein Teil des Wachstums kommt über Exporte und damit über externe Nachfrage, ein anderer Teil hängt an der Inlandsübertragung über Löhne, Investitionen und Preisentwicklung. Die Energiepreise bleiben dabei der neuralgische Punkt, weil sie sowohl die Preisentwicklung als auch die Wettbewerbsfähigkeit energieintensiver Branchen beeinflussen. Gleichzeitig liefert die Prognose eine quantitative Leitplanke für das Timing: Während der Konsum 2026 und 2027 nur begrenzt anzieht, sind bei Bau- und Ausrüstungsinvestitionen die Weichen auf 2027 gestellt. Wer Produktions- und Investitionszyklen plant, kann daraus ableiten, wo sich Nachfrage im Inland wahrscheinlich zuerst stabilisiert – und wo externe Schocks bis dahin noch spürbar bleiben dürften.
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