LONDON (IT BOLTWISE) – Zink wird in der Erkältungssaison häufig als schnelle Abhilfe diskutiert, doch die Datenlage ist differenziert. Eine Auswertung aus dem Jahr 2024 legt nahe, dass Zink die Krankheitsdauer bei bestehenden Symptomen um rund zwei Tage verkürzen kann. Für die Vorbeugung ergibt sich hingegen wenig bis kein zusätzlicher Nutzen. Entscheidend sind damit nicht nur Präparate, sondern auch Hygiene, Schlaf und der Impfschutz gegen Influenza.

Zink bei Erkältung: Evidenz zeigt Nutzen vor allem bei bestehender Erkrankung
Zink bei Erkältung: Evidenz zeigt Nutzen vor allem bei bestehender Erkrankung (Foto: IT BOLTWISE)
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Mit dem Herbst beginnt wieder die typische Mischung aus laufender Heizungsluft, engeren Kontakten und damit auch einer höheren Erkältungs- und Grippesaisonalität. In dieser Phase tauchen in Gesundheitsberichten und in der Apotheke erneut Faktenchecks zu verbreiteten Mythen auf. Ein Kernpunkt: Erkältungen entstehen nicht einfach „durch Kälte“, sondern durch Krankheitserreger. Kühle Bedingungen können jedoch die Übertragung begünstigen und damit die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sich Viren überhaupt durchsetzen.

Dass niedrige Temperaturen als alleinige Ursache nicht reichen, ist in klassischen Experimenten zur „Common Cold Unit“ am Harvard Hospital in Salisbury bereits seit den 1950er Jahren angelegt. Entscheidend sind Erreger, aber das Umfeld beeinflusst ihre Wirksamkeit. So zeigten Untersuchungen an Meerschweinchen, dass Grippeviren bei 5 °C deutlich häufiger übertragen wurden als bei 20 °C; bei 30 °C kam es zu keiner Ansteckung. Auch die Luftfeuchtigkeit spielte mit: Bei 20 °C und 20 bis 35 Prozent relativer Luftfeuchtigkeit infizierten sich mindestens drei von vier Tieren, während bei 80 Prozent Luftfeuchtigkeit keine Ansteckung stattfand.

Der Effekt lässt sich außerdem auf mehreren Ebenen erklären. Zum einen hängt die Stabilität von Viren von der Temperatur ab: Für SARS-CoV-2 in Sputum wurde in einer Studie aus 2020 eine Halbwertszeit infektiöser Viren von etwa 7 Stunden bei 4 °C gemessen; bei 21 °C waren es knapp 2 Stunden und bei 27 °C gut 1 Stunde. Zum anderen reagiert der Körper auf Kälteeinflüsse. Bei Außentemperaturen knapp über dem Gefrierpunkt kühlt die Nasenschleimhaut um rund 5 °C ab und die Ausschüttung weniger antiviraler Vesikel fällt geringer aus. Zusätzlich kann nasses Haar als „Kälte- und Feuchtigkeitsverstärker“ wirken: Berichten zufolge kann die Verdunstung dem Kopfbereich Wärme entziehen, sodass sich Blutgefäße verengen und der Transport von Abwehrstoffen in Nasen- und Rachenschleimhäuten sinkt.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, warum Nahrungsergänzungsmittel in den Fokus rücken. Viele Versprechen laufen jedoch auf eine Übertragung eines generellen „Stärkungs“-Gedankens auf konkrete Präparate hinaus. Bei Vitamin C etwa kommt eine Cochrane-Auswertung zu dem Ergebnis, dass Vitamin C einer Erkältung nicht vorbeugt, aber die Krankheitsdauer verkürzen kann. Für Zink wird das Bild noch klarer, aber ebenfalls nicht als pauschaler Schutz: Das Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) ordnet die vorsorgliche Einnahme hoch dosierter Vitamin-C- oder Zink-Präparate als nicht tragfähig ein, unter anderem weil ein Vitamin-C-Mangel bei normaler Ernährung in Deutschland praktisch nicht vorkommt.

Interessant ist dabei die Rolle des Zeitpunkts. In einer Stichprobe von 19 Produkten lag der Großteil über den Höchstmengenvorschlägen des Bundesinstituts für Risikobewertung von 250 mg Vitamin C und 6,5 mg Zink pro Tag. Für Zink nennt eine Cochrane-Auswertung aus dem Jahr 2024 eine potenzielle Verkürzung der Krankheitsdauer um circa zwei Tage bei bereits bestehenden Symptomen; zur Vorbeugung sei dagegen wenig bis kein Nutzen zu erwarten. Das passt zu der praktischen Frage, die sich im Alltag stellt: Wer zu einem Zeitpunkt beginnt, an dem die Infektion schon läuft, misst unter Umständen Effekte häufiger als Menschen, die ausschließlich präventiv handeln. Gleichzeitig bleibt ein Sicherheitsaspekt: Fachleute weisen darauf hin, dass eine dauerhafte Überdosierung von Zink einen Eisenmangel begünstigen kann.

Auch bei Vitamin D zeigt sich, dass „Zusammenhang“ nicht automatisch „Schutzwirkung“ bedeutet. Ein Umbrella Review der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) über 73 Studien verbindet niedrigen Versorgungsstatus mit einem höheren Risiko für akute Atemwegsinfektionen. Ein sicherer Schutz durch Gaben lässt sich daraus aber nicht ableiten. In eine ähnliche Richtung geht eine australische Studie aus dem Jahr 2021 mit über 21.000 Personen im Alter von 60 bis 84 Jahren: Bei monatlicher Gabe ergab sich im Vergleich zu Placebo kein signifikanter Unterschied bei Atemwegsinfekten. Wer daraus Konsequenzen ziehen will, landet erneut bei einem pragmatischen Ansatz: Ernährung und Mikronährstoffe können Teil der allgemeinen Gesundheit sein, aber sie ersetzen keine wirksamen Basismaßnahmen.

Die verlässlichsten Stellschrauben bleiben daher vergleichsweise handfest. Die DGE nennt als Orientierungen täglich mindestens fünf Portionen Obst und Gemüse sowie etwa 1,5 Liter Flüssigkeit. Die Krankenkasse KKH nennt 7 bis 8 Stunden Schlaf und tägliche Spaziergänge von rund 20 Minuten als Richtwerte. Daneben gewinnt Basishygiene an Relevanz: Eine Untersuchung der Universität Greifswald aus dem Jahr 2010 mit 129 Verwaltungsmitarbeitern zeigte, dass regelmäßige Händedesinfektion am Arbeitsplatz mit selteneren Erkältungsbeschwerden verbunden war. Und bei Influenza geht es um etwas anderes als „Erkältung“: Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt die jährliche Grippeschutzimpfung insbesondere für Menschen ab 60 Jahren, chronisch Kranke und Schwangere. Für den Aufbau des Immunschutzes vergehen typischerweise 10 bis 14 Tage, daher sind Oktober und November als Zeitfenster besonders relevant. Mit einer Impfquote von rund 34 Prozent bei über 60-Jährigen in der vergangenen Saison liegt die Beteiligung weiterhin deutlich unter dem Zielwert von 75 Prozent, der vom Robert-Koch-Institut genannt wird.

Für die Praxis lässt sich die Botschaft so zusammenfassen: Zink kann bei laufender Erkältung die Krankheitsdauer offenbar reduzieren, aber es ist kein Allheilmittel gegen Ansteckung. Der größte Hebel liegt in einem Bündel aus Verhalten und Prävention, das die Übertragung verhindert und die Widerstandskraft unterstützt. Gleichzeitig lohnt es sich, bei Dosierungen skeptisch zu bleiben, weil viele Produkte in der genannten Stichprobe über den Höchstmengenvorschlägen lagen und eine langdauernde Überversorgung auch Nebenwirkungen wie Eisenmangel begünstigen kann. Wer in der Erkältungssaison gezielt handelt, profitiert damit eher von Timing, moderaten Strategien und Hygiene als von pauschalen „Sofortwirken“-Versprechen.


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