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MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Siemens warnt davor, KI künftig als Grund zu nutzen, Einstiegsjobs einzufrieren. Personalvorständin Judith Wiese sagt, dass Unternehmen jungen Mitarbeitenden Lern- und Erfahrungskurven ermöglichen müssen, damit später benötigte Fähigkeiten nicht verloren gehen. Am Beispiel Softwareentwicklung beschreibt sie, wie KI Code schneller erzeugen kann – entscheidend sei aber das kritische Hinterfragen und Validieren der Ergebnisse. Siemens will junge Talente weiter einstellen und mit KI-gestütztem Lernen unterstützen.

Siemens: KI soll Einstiegsjobs nicht verdrängen – aber Umdenken erfordern
Siemens: KI soll Einstiegsjobs nicht verdrängen – aber Umdenken erfordern (Foto: IT BOLTWISE)
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Siemens stellt im KI-Zeitalter eine provokante Personalfrage: Nicht der Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) selbst, sondern die Art, wie Unternehmen Arbeit neu zuschneiden, entscheidet darüber, ob Einstiegsrollen erhalten bleiben. In München betont Siemens-Personalvorständin Judith Wiese, dass KI zwar zunehmend Aufgaben übernimmt, die früher den Einstieg prägten. Wenn Mitarbeitende nicht mehr die Gelegenheit bekämen, Erfahrungskurven zu durchlaufen, gingen Fähigkeiten verloren, die später im Betrieb und in der Weiterentwicklung wieder dringend gebraucht würden. Damit verschiebt sich der Fokus von reiner Ausführung hin zu Beurteilung, Prüfung und Verantwortung.

Technisch betrachtet verändert KI bei Softwareprojekten vor allem die Art, wie Code entsteht: Entwicklungsteams können mit KI und sogenannten Agenten leichter Entwürfe erzeugen, Stilvorgaben übernehmen oder Routinebausteine beschleunigen. Wiese nennt explizit Softwareentwickler als Beispiel und verweist darauf, dass Entwickler „simplen und zunehmend auch komplexeren Code immer häufiger von der KI und von Agenten schreiben lassen, anstatt ihn eigenhändig zu programmieren“. Genau an dieser Stelle bleibt jedoch die Kompetenzfrage offen, denn automatisiert erzeugter Code ist nicht automatisch korrekt, sicher oder wartbar. Aus Sicht der Personalentwicklung wird deshalb der Übergang wichtig: weg vom alleinigen Produzieren, hin zum Prüfen, Verständnis aufbauen und technische Risiken systematisch bewerten.

Die von Wiese beschriebenen „kritischen“ Aufgaben lassen sich als neuer Kernbestand praktischer Qualifikation lesen. Sie formuliert das als Leitfrage: „Die entscheidende Frage ist dann immer: Was muss ich gemacht, geprüft und gesehen haben, damit ich der KI nicht ‚aufsitze‘?“ Das bedeutet: Neueinsteiger brauchen weiterhin die Möglichkeit, Fehlerbilder selbst zu durchlaufen, Tests zu verstehen, Ergebnisse gegenzuchecken und den Ablauf der Validierung zu internalisieren. Unternehmen können dabei nicht davon ausgehen, dass Erfahrung automatisch entsteht, nur weil KI die Schreibarbeit übernimmt. Stattdessen müssen sie Lernpfade so gestalten, dass gerade die Kontrollschleifen – vom Review bis zur Interpretation von Testergebnissen – zur täglichen Praxis werden.

Auch organisatorisch ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Siemens stellt in Aussicht, weiterhin gezielt junge Leute einzustellen und in sie zu investieren. Wiese beschreibt dabei, dass Firmen den Mitarbeitenden die Chance geben müssen, Aufgaben zunächst selbst zu übernehmen und Schritte zu durchlaufen, um die Fähigkeiten zu lernen, die später für die KI-Überprüfung und Ergebnisvalidierung nötig sind. „Letztlich muss sich jede Firma diese Frage stellen: Was muss ich tun, damit junge Talente diese Erfahrungs- und Lernkurve machen können?“ In der Praxis heißt das, dass Einstiegsjobs nicht zu bloßen „KI-Bedienrollen“ werden dürfen, bei denen nur noch Prompts weitergereicht werden. Vielmehr sollten Einstiegsrollen weiterhin den Weg in echte Problemstellung, technische Diskussion und nachvollziehbare Entscheidungen ermöglichen.

Interessant ist zugleich, dass Wiese KI nicht nur als Gefahr für klassische Rollen skizziert, sondern als mögliches Werkzeug für das Lernen selbst. Wenn Unternehmen Trainings schneller personalisieren oder Feedbackschleifen automatisieren können, lassen sich Kompetenzen womöglich früher aufbauen – vor allem dort, wo der Lernprozess aus vielen Iterationen besteht. Gleichzeitig verweist sie auf einen Zeithorizont, der für Personalstrategien entscheidend ist: „Sehr bald werden Menschen aus dem Bildungssystem kommen, die schon ganz anders mit KI gearbeitet haben. Davon können dann auch die erfahreneren Kollegen viel lernen.“ Damit entsteht ein zweischichtiger Effekt, in dem neue Einstiegsjahrgänge nicht nur Aufgaben übernehmen, sondern auch Methodenwissen und Arbeitsroutinen mitbringen, die bisherige Teams erst in ihre etablierten Prozesse integrieren müssen.

Für den Konzern nennt Siemens außerdem eine konkrete betriebliche Perspektive auf KI-Produktivität: Rund 30.000 Softwareingenieure arbeiten demnach in vielen Bereichen am Systemkern – und KI kann zusätzliche Produktivität liefern. Wiese beschreibt sinngemäß zwei mögliche Hebel: Entweder lassen sich gleiche Ergebnisse mit weniger Menschen erreichen, oder bei gleicher Belegschaft kann mehr entstehen. In diesem Zusammenhang sagt sie, man sei „an vielen Stellen deutlich schneller“, könne „mehr Dinge ausprobieren“ und „zusätzliche Projekte starten“, die ohne KI-gestützte Beschleunigung nicht möglich gewesen wären. Das widerspricht der pauschalen These, KI mache Einstiegsjobs automatisch überflüssig; stattdessen wirkt KI wie ein Verstärker, der Qualität, Tempo und Experimentierfähigkeit verändert – sofern der Qualifikationsaufbau mitgedacht wird.

Offen bleibt laut Wiese allerdings, wie stark sich KI tatsächlich auf Beschäftigung im Detail auswirkt. Diese Zurückhaltung ist plausibel, denn die Auswirkungen hängen nicht nur von der Modellleistung ab, sondern von Architekturentscheidungen, Testkultur, Domain-Komplexität und davon, wie Rollen neu definiert werden. Für Unternehmen bedeutet das: KI-Einführung ist zugleich ein HR- und Qualitätsprojekt. Wer Einstiegsjobs erhalten will, muss sicherstellen, dass Lernkurven auch unter KI-Beschleunigung entstehen – etwa durch gesteuerte Aufgaben, Peer-Reviews, reproduzierbare Validierung und klare Verantwortlichkeiten. Dann kann KI die frühe Praxis sogar unterstützen, statt sie zu ersetzen.


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