BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Trotz der anvisierten Energiewende sind weltweit mehr Kohlekraftwerke geplant als bereits zurückgestellt wurden. Laut der Umweltorganisation Urgewald kamen 2025 auf ein gestrichenes Kohleprojekt drei neue Vorhaben. Während Europa durch Wind- und Solarzuwachs zunehmend Kohle verdrängt, bleibt die Türkei weiterhin stark auf Kohle ausgerichtet. Die Analyse hebt zudem China und Indien als Haupttreiber hervor und stellt damit den politischen Rückenwind für die COP31 infrage.

Die Energie-Transformation wirkt gerade dort zäh, wo sie am dringendsten wäre: beim Ausbau neuer Kohleinfrastruktur. Nach Angaben der Umweltorganisation Urgewald erhöhte sich 2025 die Zahl geplanter Kohleprojekte spürbar, obwohl gleichzeitig Klimaziele und die Energiewende als Leitplanken in vielen politischen Programmen fest verankert sind. Urgewald verweist auf eine Gegenüberstellung aus dem gleichen Zeitraum: 76 geplante Kohleprojekte wurden demnach gestrichen oder auf Eis gelegt, während im selben Jahr 257 neue Kohleprojekte angekündigt wurden. Damit entsteht ein klares Muster – Wachstum ersetzt in der Planung weitgehend das, was im operativen Bereich zurückgenommen wird.
Technisch und industriell ist dabei weniger der einzelne Kraftwerksblock das Entscheidende als die Kette aus Bergbau, Aufbereitung, Logistik und Stromerzeugung, die zusammen eine „Kohlekraft“-Wertschöpfungslogik bildet. Genau hier setzt Urgewald mit der „Global Coal Exit List“ (GCEL 2026) an: Die Organisation beschreibt die Datenbank als umfassend, weil sie Aktivitäten entlang der gesamten Wertschöpfungskette für Kraftwerkskohle erfasst. In der diesjährigen GCEL werden demnach mehr als 1.500 Mutterkonzerne und 1.150 Tochtergesellschaften abgebildet. Dass über 717 Finanzinstitute die Datenbank nutzen, unterstreicht die Relevanz über den Klimadiskurs hinaus – für viele Kredit- und Investmententscheidungen wird die Frage „Welche Projekte werden finanziert?“ zunehmend an solchen Verzeichnissen ausgerichtet.
Der Befund wird durch eine weitere Kennzahl zugespitzt: Laut Urgewald seien mehr als 40 Prozent der in der Datenbank gelisteten Unternehmen an der Entwicklung neuer Kraftwerkskohle-Projekte beteiligt. Damit wird nicht nur ein Energiepfad sichtbar, sondern auch ein Investitionspfad mit relativ kurzen Vorlaufzeiten – denn von der Konzepterstellung über Machbarkeitsstudien bis zur Projektvergabe dauert es häufig nur Jahre. Gleichzeitig zeigt diese Dynamik, warum Klimaziele in der Praxis nicht automatisch zu sinkenden Emissionen führen: Solange neue Minen, Kraftwerke und die chemische bzw. industrielle Infrastruktur für Kohle nachjustiert werden, bleibt die Emissionsquelle „in Warteschleife“, auch wenn einzelne Projekte lokal gestoppt werden.
In der Analyse stehen zudem konkrete regionale Muster im Fokus, die für Unternehmen und Finanzakteure besonders relevant sind. Für die Türkei nennt Urgewald eine strukturelle Verzögerung bei der Verdrängung: Während in weiten Teilen Europas Wind- und Solarenergie die Stromerzeugung aus Kohle zunehmend überflügeln, hinke die Türkei hinterher. Demnach machten Solar- und Windenergie 2025 lediglich 22 Prozent der Stromerzeugung aus; Kohle bleibe mit 34 Prozent die dominierende Quelle. Gleichzeitig betont Urgewald, dass ein Großteil der in türkischen Kraftwerken verbrannten Kohle aus Russland stamme. Das ist nicht nur eine Frage der Emissionen, sondern auch der Energieabhängigkeit und damit der Risikokalkulation in Lieferketten – von Kraftstoff-Importen bis zu Preis- und Verfügbarkeitsannahmen.
Auch Australien gerät in den Fokus, weil das Land laut Urgewald die weltweit drittgrößte geplante Expansion von Kohleminenprojekten verfolge. Konkret nennt die Analyse 49 neue Kohleminen oder Erweiterungen bestehender Minen. Wenn eine Schlüsselrolle im Klimaverhandlungsprozess mit einem starken Ausbau der Kohleförderung kollidiert, entsteht politischer Druck – genau diesen Zusammenhang sieht Urgewald durch die „starke Minen-Expansion“ infrage gestellt. Hinzu kommt: Australien ist laut Analyse zudem der zweitgrößte Kohleexporteur der Welt. Für die Wirtschaftswirkung bedeutet das, dass selbst ein politischer Wille zur Klimaneutralität in einzelnen Ländern nicht automatisch in den globalen Rohstoffflüssen ankommt, solange große Förderländer ihre Kapazitäten ausweiten.
Für die technische und marktbezogene Einordnung ist schließlich die Hersteller- und Projektlandschaft entscheidend. Urgewald nennt China Energy Investment Group als weltweit größten Entwickler von Kohlekraftwerken mit Plänen für 44 Gigawatt (GW) neue Kohlekraftwerkskapazität. Insgesamt ordnet Urgewald chinesische Unternehmen als Haupttreiber ein: 70 Prozent der weltweit geplanten Kohlekraftwerke würden auf chinesische Akteure entfallen. Indische Unternehmen kommen demnach auf 18 Prozent. Dass das staatliche Unternehmen Coal India sowohl als größter Kraftwerkskohleproduzent als auch als größter Entwickler von Minen für Kraftwerkskohle genannt wird, zeigt zudem eine besonders geschlossene Logik von Förderung und Umsetzung. Damit verschiebt sich der Hebel für Reduktionen: Nicht allein politische Verbote oder einzelne Projektstopps zählen, sondern die Geschwindigkeit, mit der neue Anlagen überhaupt finanziert, gebaut und ans Netz gebracht werden – und ob Kapitalströme über Daten- und Ausschlussmechanismen gebremst werden.
Gerade im Kontext der COP31 bekommt diese Gemengelage eine zusätzliche Dimension. Die UN-Klimakonferenz (COP31) findet vom 9. bis 20. November in Antalya statt; die Türkei übernimmt als COP31-Präsidentschaft die Ausrichtung der Konferenz, Australien führt als Verhandlungspräsidentschaft die Gespräche. Laut Urgewalds Analyse stehen damit zwei Partner im politischen Mittelpunkt, deren energie- und rohstoffpolitische Signale beim Thema Kohle nicht deckungsgleich wirken. Für Unternehmen heißt das: Nachhaltigkeitsberichte und Roadmaps werden stärker daran gemessen, ob sie auch die Realwirtschaft entlang der Wertschöpfung adressieren – von Kraftwerksbauprojekten bis zu Minenstandorten. Außerdem rückt das Monitoring der Finanzierungsströme in den Vordergrund, weil genau dort die GCEL nach Darstellung von Urgewald bereits eingesetzt wird. In der Summe entsteht eine klare Botschaft: Solange geplante Kohleinfrastruktur global zunimmt, bleibt die Energiewende für viele Regionen ein Projekt im Übergang – und die COP31 wird damit nicht nur ein politisches, sondern auch ein technologisches und marktwirtschaftliches Prüfungsformat.
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