HANNOVER/WOLFSBURG / LONDON (IT BOLTWISE) – Volkswagen will in der anstehenden Tarifrunde auch über die Eröffnung von Transfergesellschaften verhandeln. Damit sollen Beschäftigte bei wegfallenden Stellen neue Perspektiven auf dem Arbeitsmarkt erhalten, freiwillig und mit ergänzenden sozialverträglichen Instrumenten. Zugleich hält das Unternehmen am Zukunftstarifvertrag sowie an der Beschäftigungssicherung bis Ende 2030 fest. Die IG Metall kritisiert den Vorschlag als tarifpolitischen Wortbruch und betont die Verantwortung der Aktionäre.

Volkswagen verlagert die nächste Tarifrunde in einen hochsensiblen Bereich: nicht nur über Personalabbau, sondern auch über die Frage, wie Übergänge sozial abgefedert werden. In Hannover sprach das Unternehmen nach eigenen Angaben mit Arbeitnehmern und signalisierte dabei, dass es zusätzlich zu bestehenden Instrumenten auch die Eröffnung von Transfergesellschaften als Option in die Verhandlungen einbringen will. Kernidee ist, dass Beschäftigte bei einem Wegfall ihrer Stelle in eine solche „Übergangsstation“ wechseln können, um in der Zwischenzeit Unterstützung bei der Suche nach einer neuen Arbeit – etwa durch Weiterbildungen – zu bekommen.
Technisch und organisatorisch sind Transfergesellschaften dabei weniger „Umschichtung“ als vielmehr ein eigener arbeitsrechtlicher Rahmen, der meist auf einem Sozialplan oder einer Betriebsvereinbarung basiert. Wer daran teilnimmt, bleibt nicht einfach nur arbeitslos, sondern erhält strukturierte Begleitung, oft inklusive Qualifizierung und Vermittlungsleistungen. Damit wird aus einer klassischen betriebsbedingten Kündigungslogik eine zeitlich begrenzte Übergangsphase, die sich in der Praxis häufig über das Transferkurzarbeitergeld teilweise finanziell abfedern lässt. Für Volkswagen bedeutet das: Der Konzern muss sehr konkret klären, nach welchen Kriterien wer wechseln kann, wie lange die Unterstützung laufen soll und wie die Programme mit dem jeweiligen Standort- und Rollenmix zusammenpassen.
Genau diese Ausgestaltung ist im aktuellen Kontext politisch und tarifrechtlich der Knackpunkt. Volkswagen stellt laut Mitteilung klar, dass der Zukunftstarifvertrag und die darin enthaltene Beschäftigungssicherung bis Ende 2030 fortgelten sollen – trotz schwieriger Lage. Gleichwohl werden Transfergesellschaften nach Unternehmensvorstellungen nicht nur für Produktionsmitarbeiter, sondern auch für Beschäftigte in Verwaltung und Entwicklung in den Blick genommen. Offen bleibt zunächst, wie viele Personen tatsächlich betroffen wären; der Schritt soll zudem freiwillig erfolgen. Auch Laufzeit, konkrete Konditionen und mögliche Abfindungen sollen mit den Arbeitnehmern verhandelt und festgehalten werden, was die Verhandlungstiefe der Tarifrunde deutlich erhöht.
Für die Gewerkschaft ist das kein reines Sozialthema, sondern berührt die Systematik des Tarifpakets. Die IG Metall lehnt den Vorschlag entschieden ab und bezeichnet ihn als tarifpolitischen Wortbruch ohne tragfähige Rechtsgrundlage. Thorsten Gröger, Bezirksleiter der IG Metall, sagte wörtlich: „Bevor die Beitragszahler einspringen, sind die Aktionäre in der Pflicht“. Aus Sicht der Gewerkschaft dürfen nicht die Allgemeinheit und öffentliche Umlagen die Zeche zahlen, während Anteilseigner weiter profitieren. Daniela Cavallo, Betriebsratschefin bei Volkswagen, sieht in dem Ansatz zudem einen Versuch, die Beschäftigungssicherung bis Ende 2030 „durch die Hintertür“ auszuhöhlen – also durch einen Mechanismus, der formal Übergang statt Wegfall verspricht, praktisch aber die Schutzwirkung ausdehnen könnte.
Markt- und Unternehmenspolitisch steht der Hintergrund schon fest: Volkswagen will bis 2030 weltweit rund 50.000 Stellen streichen – zusätzlich zu bisherigen Abbauplanungen. Für die Volkswagen AG, die neben der Kernmarke auch Komponentensparte sowie Konzernstellen umfasst, war bereits vor zwei Jahren ein Abbau von mehr als 35.000 Stellen bis 2030 verhandelt worden. Laut neuen Angaben ergibt sich daraus ein zusätzlicher Abbau von 12.000 Stellen. Dass Volkswagen „sozialverträglich“ vorgehen will, zeigt sich dabei im Mix aus Instrumenten: Neben Transfergesellschaften sollen auch freiwillige Austrittsinstrumente stärker ausgeschöpft werden; bisher setzt der Autobauer vor allem auf Altersteilzeit und Abfindungen. In der kommenden Tarifrunde ab dem 24. November treffen damit zwei Logiken aufeinander: Kostenanpassung unter Zeitdruck versus Stabilisierung durch tarifliche Sicherungsmechanismen.
Aus technischer Perspektive lohnt sich der Blick auf die Rollen, die in einer Transfergesellschaft zusammengeführt würden. Produktionsnahe Tätigkeiten sind häufig stärker von Serien- und Investitionszyklen abhängig, während Verwaltung und Entwicklung zwar weniger unmittelbar an Stückzahlen gekoppelt sind, aber mittelbar von Produktfahrplänen, Plattformentscheidungen und Prioritäten in der Software- und Elektronikstrategie betroffen sein können. Wenn Transfergesellschaften auch diese Bereiche abdecken sollen, muss Volkswagen intern genau definieren, wie Qualifizierung und anschließende Vermittlung zu den Profilen passen – und wie sich Risiken wie Qualifikationsmismatch oder zu grobe Zielvorgaben vermeiden lassen. Ebenso entscheidend wird sein, ob die freiwillige Teilnahme in der Praxis genügend Attraktivität hat, ohne dass Beschäftigte faktisch unter Druck geraten, einen „besseren“ Ausstieg gegen eine strengere Schutzposition einzutauschen.
Für die Industrie signalisiert der Fall vor allem eins: Beschäftigungssicherung bis 2030 wird nicht allein durch einen Vertragstext getragen, sondern durch dessen konkrete Umsetzung in Krisenzeiten. Sollte Volkswagen Transfergesellschaften tariflich breit verankern, könnten andere Konzerne im selben Wettbewerbskorridor nachziehen – besonders dort, wo Umstellungen in Richtung Elektromobilität, Softwarefunktionen und Produktionsanpassungen gleichzeitig Druck auf Personalkapazitäten ausüben. Umgekehrt könnte die harte Ablehnung der IG Metall die Verhandlungen deutlich verlängern oder zu alternativen Instrumenten führen, die zwar ebenfalls Übergänge strukturieren, aber den Vorwurf der „Aushöhlung“ vermeiden. Unabhängig vom Ausgang dürfte die Tarifrunde daher nicht nur über kurzfristige Stelleneffekte entscheiden, sondern darüber, wie belastbar soziale Sicherungsmechanismen in der Automobilindustrie in den nächsten Jahren ausgelegt werden.
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