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UNITED STATES / LONDON (IT BOLTWISE) – Männer, die emotionale Offenheit und progressive Geschlechterbilder in ihr Verständnis von Männlichkeit einweben, reagieren weniger mit Abwehr auf Angriffe auf ihr Selbstbild. Eine Studie mit 988 heterosexuellen Männern testet, ob sich diese „hybride“ Männlichkeit als Puffer gegen starre Dominanznormen eignet. In dem Experiment löst die Information, man liege in einer als „weiblich“ beschriebenen Bandbreite, bei vielen Männern dennoch ein stärkeres Festhalten an traditionellen, dominanten Männlichkeitsregeln aus. Der Effekt wird jedoch bei hoher Zustimmung zu flexibler, hybrider Männlichkeit deutlich abgeschwächt.

Studie: Flexible Männlichkeit reduziert Abwehr bei Angriff auf das Selbstbild
Studie: Flexible Männlichkeit reduziert Abwehr bei Angriff auf das Selbstbild (Foto: IT BOLTWISE)
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Wenn Männlichkeit infrage gestellt wird, greifen viele Menschen offenbar zu einem vertrauten Reflex: Sie versuchen, ihre Stellung über „Härte“ und Dominanz abzusichern. Die neue Studie, veröffentlicht in Social Psychology Quarterly, zeigt aber, dass diese Abwehr nicht bei allen Männern gleich stark ausfällt. Entscheidend ist demnach nicht nur, ob ein Mann sich als „männlich“ fühlt, sondern wie er Männlichkeit definiert. Wer emotionale Offenheit und progressive Einstellungen als Teil des eigenen Männlichkeitsbildes verankert, zeigt nach einem vermeintlich bedrohlichen Feedback deutlich weniger Tendenzen zur Überkompensation.

Zur Einordnung lohnt ein Blick auf das Konzept der hegemonialen Männlichkeit: In vielen Gesellschaften gilt Männlichkeit traditionell als harte, emotional zurückhaltende, selbstständige und strikt „unweibliche“ Rolle. In dieser Logik entsteht schnell das Gefühl, der eigene Status sei fragil. Sobald ein Mann den Eindruck bekommt, seine Männlichkeit sei angezweifelt, kann daraus der Drang entstehen, sich selbst und anderen gegenüber besonders dominant und aggressiv zu „beweisen“. Psychologische Vorarbeiten stützen genau diese Idee: In einer Reihe von Experimenten aus dem Jahr 2008 wurde herausgearbeitet, dass man Männlichkeit als unsicheren sozialen Status begreifen kann, der durch eine einzige „unmännliche“ Handlung leicht verloren gehen soll. Eine spätere Untersuchung aus dem Jahr 2013 zeigte zudem, dass Männer, die fälschlich als „femininer“ eingestuft wurden, stärker Unterstützung für Krieg äußerten, negativer gegenüber schwulen Menschen einstellten und ein erhöhtes Interesse an Sport Utility Vehicles zeigten.

Im Hintergrund dieser Mechanismen steht auch die Frage, wie individuell unterschiedlich solche Stressreaktionen ausfallen. Denn es geht nicht nur um Einstellungen, sondern unter Umständen auch um körperliche Reaktionen. In einem im Jahr 2017 berichteten Studiendesign wurde beschrieben, dass Männer ihre körperliche „Robustheit“ demonstrieren wollten, indem sie höhere elektrische Schockstufen an sich selbst auslösten – und zwar besonders dann, wenn sie sich selbst als stark männlich einordneten. Das Muster ist anschlussfähig an die Annahme: Wer seine Identität eng an klassische Dominanzkriterien bindet, empfindet eine Bedrohung wahrscheinlicher als persönlichen Angriff und reagiert entsprechend deutlicher. Genau hier setzt der Ansatz der aktuellen Arbeit an, indem sie nicht davon ausgeht, es gebe „die“ eine Männlichkeit als starres Referenzmodell.

Stattdessen greifen die Autorinnen und Autoren auf den soziologischen Begriff der hybriden Männlichkeit zurück. Gemeint ist eine Form, in der Männer ausgewählte Eigenschaften übernehmen, die in traditionellen Schemata eher Frauen oder marginalisierten Gruppen zugeschrieben werden – etwa emotionale Gespräche, Pflege- und Selbstfürsorge-Routinen, sichtbare Zuneigung gegenüber männlichen Freunden oder auch Unterstützung für Feminismus sowie LGBTQ+-Rechte. Die theoretische Idee dahinter lautet: Diese Mischung kann Männern helfen, symbolische Distanz zu starren Macho-Normen aufzubauen, während sie gleichzeitig ihren Status im sozialen Umfeld wahren. Justin Huft, Doktorand in Soziologie an der University of California, Riverside, beschreibt den wissenschaftlichen Bedarf dabei als Verschiebung von einem monolithischen Bild hin zu verschiedenen „Konstellationen“ der Männlichkeit. In seinen Worten, sinngemäß, war es ihm wichtig zu untersuchen, wie Überkompensation aussieht, wenn man eine andere Form männlicher Identität berücksichtigt.

Das experimentelle Vorgehen war methodisch darauf ausgelegt, Männlichkeit als Bedrohungssituation zu operationalisieren. Insgesamt nahmen 988 heterosexuelle erwachsene Männer aus den USA teil, rekrutiert über eine Online-Forschungsplattform. Das Alter lag zwischen 18 und 83 Jahren, der Mittelwert bei etwa 40; das Einkommen wurde im Schnitt im Bereich von 50.000 bis 59.999 US-Dollar pro Jahr berichtet. Vor jeder Rückmeldung maßen die Forschenden verschiedene Ausgangsgrößen: wie stark „traditionelle“ Männlichkeit im Selbstbild verankert war, wie häufig Männer im Alltag über ihre Männlichkeit nachdenken (Salienz), wie wichtig Männlichkeit für die Gesamtidentität war (Prominenz) und inwieweit das soziale Umfeld die Männlichkeit ähnlich bewertete (Verifikation). Zusätzlich beantworteten die Teilnehmenden Hufts neu entwickelten 20-teiligen Fragebogen zur hybriden Männlichkeit auf einer fünfstufigen Skala. Die Auswertung zeigte dabei zwei eng verwandte Dimensionen: progressive Geschlechtereinstellungen (zum Beispiel Unterstützung für Frauen- und LGBTQ+-Rechte oder Zustimmung dazu, dass Männer Make-up tragen können) sowie emotionale Ausdrucksfähigkeit (zum Beispiel Traurigkeit benennen, Empathie zeigen und Zuneigung gegenüber männlichen Freunden ausdrücken).

Der eigentliche „Threat“-Teil der Studie bestand aus einem Täuschungsfeedback auf einer Skala von 0 bis 100, in der 0 „feminin“ und 100 „maskulin“ bedeutete. Die Männer wurden per Zufall zwei Bedingungen zugeordnet: In der nicht-bedrohlichen Gruppe erfuhren sie, sie lägen am oberen Ende der Durchschnittsverteilung männlicher Werte; in der bedrohlichen Gruppe erhielten sie die Information, sie lägen am oberen Ende der Durchschnittsverteilung „weiblicher“ Werte. Nach diesem Feedback füllten die Teilnehmenden einen 21-teiligen Fragebogen aus, der die Zustimmung zu starren, dominanten Männlichkeitsnormen erfasst. Diese Normen umfassen unter anderem emotionale Einschränkung, Selbstverlassenheit, negative Einstellungen gegenüber schwulen Menschen, Vermeidung von „Femininität“, eine hohe Priorität von Sex, den Wunsch nach Dominanz als Führungsperson sowie die Bewertung körperlicher Härte.

Vor dem Feedback unterschieden sich die Gruppen in der gemessenen traditionellen Männlichkeit nicht. Doch nach der Rückmeldung zeigten Männer, denen eine „feminine“ Einordnung mitgeteilt worden war, höhere Werte für starre Dominanznormen: im Schnitt 3,19 von 7 gegenüber 2,97 von 7 in der nicht-bedrohlichen Gruppe. Obwohl diese Differenz klein wirkt, signalisiert sie, dass die Bedrohung im Experiment tatsächlich Überkompensation auslösen konnte. Wichtig ist aber, was bei hoher Zustimmung zu hybrider Männlichkeit passiert: In statistischen Modellen, in denen unter anderem Ausgangswerte, religiöse Bindung, politische Konservativität, Rasse sowie Haushaltseinkommen berücksichtigt wurden, blieb das Bedrohungsfeedback zwar ein positiver Prädiktor für dominante Normen. Gleichzeitig zeigte sich aber eine klare Pufferwirkung: Je höher die Teilnehmenden hybrid-maskuline Merkmale bejahten, desto geringer fiel die Überkompensation aus. Bei der Interaktion reduzierte hybride Männlichkeit den Effekt der Bedrohung rechnerisch um 0,23 Punkte pro zusätzlichem Punkt auf der hybriden Männlichkeitsskala. Praktisch heißt das: Unterhalb hoher Hybridwerte wächst die Differenz zwischen Bedrohungs- und Kontrollgruppe deutlich stärker, während sie sich bei hoher Zustimmung zur hybriden Identität spürbar abschwächt.

Damit liefert die Arbeit nicht einfach eine neue „Eigenschaftsliste“, sondern eine Erklärung, warum die gleiche Bedrohung je nach Selbstdefinition unterschiedlich abgewandelt wird. Parallel zur Betrachtung persönlicher Männlichkeitsnormen deuten die Ergebnisse auch auf Zusammenhänge zu breiteren politischen Einstellungen hin: In früheren Befunden wurde berichtet, dass Bedrohungen der Männlichkeit aggressivere politische Strategien wahrscheinlicher machen können; in Hufts Design reagieren Männer mit hoher hybrider Männlichkeit hingegen weniger stark. Gleichzeitig bleiben Grenzen: Der Fragebogen misst hybride Männlichkeit, weist sie den Teilnehmenden also nicht „zu“. Zudem fokussiert das Experiment ausschließlich heterosexuelle, cisgeschlechtliche Männer in den USA. Unklar ist daher, ob sich die Pufferwirkung in anderen Gruppen ebenso zeigt. Auch kann das Design nicht vollständig entwirren, ob Menschen ihre hybriden Merkmale strategisch nutzen, um Status zu sichern, oder ob sie weniger zentral an traditionelles Männlichkeitsdenken gebunden sind. Gerade diese offene Frage dürfte für künftige Studien entscheidend sein, wenn sich die Forschung darüber verständigt, ob emotionale Offenheit und progressive Geschlechterbilder in der sozialen Praxis dauerhaft Schutz vor starrer Abwehr bieten – oder ob sie vor allem in bestimmten Lebenslagen besonders gut funktionieren.

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