LONDON (IT BOLTWISE) – Laut einer US-Studie verfolgen rund 33 Prozent der befragten Jungen zumindest ein wenig Inhalte der Manosphere, darunter auch Andrew Tate. Die Forscher finden einen klaren Zusammenhang zwischen der Beschäftigung mit solchen „Manfluencern“ und traditionelleren Vorstellungen von Männlichkeit. Besonders stark wirken dabei Botschaften aus dem Elternhaus zu „groß und tough“ im Modell. Die Daten zeigen keine Kausalität, aber sie liefern ein belastbares Muster für die Praxis der Prävention.

In digitalen Räumen rund um „Männlichkeit“ entstehen seit Jahren Deutungsmuster, die sich wie ein Echo von Talk-Formaten, Podcasts und Social-Media-Accounts durch Feeds ziehen. Der Begriff „Manosphere“ steht dabei für ein weit verzweigtes Netzwerk aus Inhalten, die männliche Identität stark normativ rahmen und häufig Frauen oder moderne Feminismus-Positionen als Bedrohung für den Status von Männern darstellen. Wissenschaftlich relevant wird das vor allem dann, wenn Jugendliche diese Botschaften nicht nur konsumieren, sondern sie in ein eigenes Weltbild übernehmen – etwa in Form enger, stereotyp geprägter Erwartungen an Stärke, Dominanz und emotionale Distanz.
Im Zentrum der aktuellen Arbeit steht die Frage, wie sich die Zugehörigkeit zu solchen Inhalten auf die Vorstellung von Männlichkeit bei jüngeren Adoleszenten auswirkt. Dazu haben Erica Scharrer (University of Massachusetts Amherst) sowie L. Monique Ward und Brenda L. Volling (University of Michigan) eine Umfrage mit 601 Jungen im Alter von 13 bis 17 Jahren durchgeführt, die in den Vereinigten Staaten leben. Die Teilnehmenden beantworteten die Fragen auf eigenen mobilen Geräten; Eltern gaben die Zustimmung, Jugendliche ihre Einwilligung. Rekrutiert wurde über Online-Panel-Anbieter, und die Stichprobe wurde nach Alter, Herkunft und Region so gewichtet, dass sie grob nationale Proportionen abbilden soll.
Das Design kombiniert zwei Perspektiven auf die Mediennutzung: Erstens erfragten die Forschenden direkt, wie häufig die Jungen zwei prominente „Kommentatoren“ folgen – Andrew Tate und Jordan Peterson. Zweitens ließen sie die Jugendlichen ihre Lieblings-Promis sowie ihre drei favorisierten Social-Media-Stars nennen und glichen die genannten Namen mit einer Liste von 31 manosphären-nahen Figuren ab, die aus Nachrichten- und Forschungsquellen zusammengestellt wurde. Ergänzend beantworteten die Jungen etablierte psychologische Fragebögen, unter anderem zu traditionellen Männlichkeitsüberzeugungen: Dazu zählen Erwartungen, Verletzlichkeit zu verbergen, emotional nicht „nah“ zu sein, körperliche Härte zu betonen und Verhaltensweisen zu meiden, die als „feminin“ markiert werden.
Die Ergebnisse zeichnen ein differenziertes Bild. Etwa 33,2 Prozent der Befragten gaben an, Andrew Tate zumindest ein wenig zu verfolgen, während 11,6 Prozent Jordan Peterson folgen. Gleichzeitig zeigte der offene Favoriten-Ansatz: Nur rund 9 Prozent nannten in dieser Kategorie eine Figur aus dem Umfeld der Manosphere – häufig eher Mainstream-Ersteller, Musiker oder Athleten. In der Summe beschreiben die Autorinnen und Autoren das als Hinweis darauf, dass manosphären-nahe Namen zwar sichtbar sind, aber nicht automatisch zu den dominierenden „Top-Favoriten“ der Jugendlichen gehören.
Spannend wird es bei der inhaltlichen Verknüpfung mit Einstellungen. Junge, die eine Affinität zu manosphären-nahen Persönlichkeiten äußerten, berichteten zugleich häufiger von elterlichen Botschaften, die traditionelle Erwartungen an Geschlechterrollen sowie körperliche Härte fördern. Auch schätzten sie ihre eigene Männlichkeit im Durchschnitt höher ein als Gleichaltrige. In anderen Bereichen – etwa Alter, ethnische Zusammensetzung, die insgesamt wöchentlich auf YouTube verbrachte Zeit oder gemeldete Werte zu Depression, sozialer Unterstützung und erlebter Feindseligkeit – zeigten sich dagegen im Modell keine klaren Unterschiede. Vor den statistischen Kontrollen waren alle Messgrößen zur Manosphere-Nähe mit stärker ausgeprägten traditionellen Männlichkeitsüberzeugungen verbunden; als Beispiel lagen Mittelwerte für Jungen, die eine Manosphären-Figur als Favorit nannten, bei 4,12 (auf einer 7-Punkte-Skala), gegenüber 3,39 bei anderen.
Als die Forschenden Modelle berechneten, die Alter, selbst wahrgenommene Männlichkeit und elterliche Botschaften kontrollieren, blieb der Zusammenhang für Andrew Tate in allen Kennzahlen zur traditionellen Männlichkeitsideologie bestehen. Für Jordan Peterson zeigte sich ebenfalls eine Vorhersage für Normen rund um männliche Härte und Dominanz sowie für „beziehungsbezogene“ Männlichkeit – allerdings nicht für anti-feminine Einstellungen. Scharrer interpretiert das als möglichen Unterschied in der Tonalität: Peterson werde offenbar eher mit Selbstverbesserung verbunden als mit offener anti-women Rhetorik. Besonders deutlich trat außerdem die Rolle der Elternbotschaften hervor: In den Modellen trugen sie etwa das Zwei- bis Dreifache des Gewichts gegenüber der reinen Verfolgung von Tate bei; zudem waren die Effekte von Peterson in der Rangfolge schwächer als jene von Tate. Insgesamt erklärten die ausgewählten Prädiktoren rund 37 bis 44 Prozent der Varianz in den traditionellen Männlichkeitswerten der Jugendlichen. „Unsere Studie kann keine Kausalität zeigen, aber unsere Daten zeigen, dass in unserer Stichprobe das Folgen von Manosphere-Influencern online mit engen, stereotypen Vorstellungen von Männlichkeit einhergeht“, so Scharrer.
Gleichzeitig bleibt die Aussage begrenzt, weil es sich um Querschnittsdaten handelt: Die Erhebung erfasst Einstellungen und Mediennutzung zu einem Zeitpunkt. Damit lässt sich nicht sauber trennen, ob das Konsumieren solche Überzeugungen verursacht oder ob Jungen mit bereits traditionell geprägten Vorstellungen eher Inhalte auswählen, die dazu passen. Die Autorinnen und Autoren halten daher beides für plausibel: ein wechselseitiges Verstärken über Zeit. Hinzu kommt eine weitere technische Differenzierung, die für Präventionsarbeit wichtig ist: „Traditionelle Männlichkeit“ ist nicht automatisch gleichbedeutend mit offener Feindseligkeit gegenüber Frauen. Das Projekt prüfte vor allem stereotype Erwartungen; es bewertete nicht direkt, wie stark die Jugendlichen gegenüber Frauen feindselig eingestellt sind. Gerade deshalb plädieren die Forschenden für längsschnittliche Studien, die dieselben Jugendlichen über die Zeit begleiten, misogyn wirkende Einstellungen direkter messen und expliziter herausarbeiten, warum einzelne Teenager bestimmte Figuren auswählen – aus Neugier, Zustimmung oder auch aus Skepsis heraus.
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