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ISTANBUL / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie an 170 Patientinnen in ambulanten psychiatrischen Settings zeigt: Rund jede fünfte Frau, die wegen Angst oder Depression in Behandlung ist, erfüllt zugleich Kriterien für ADHS. In nahezu der Hälfte der ADHS-Fälle liegt zuvor keine Diagnose vor. Die Forschenden untersuchten außerdem Hyperfokus und fanden Hinweise darauf, dass er je nach zugrunde liegender Störung unterschiedlich „funktioniert“. Damit rückt die Frage in den Fokus, wie sich überlappende Symptome im klinischen Alltag sauber voneinander trennen lassen.

ADHS bleibt bei vielen Frauen in Depression und Angst lange verborgen
ADHS bleibt bei vielen Frauen in Depression und Angst lange verborgen (Foto: IT BOLTWISE)
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Wer Depression oder Angst behandelt, schaut oft zuerst auf Konzentrationsprobleme, innere Unruhe und über längere Zeit anhaltende Grübelmuster. Genau an dieser Schnittstelle setzt die aktuelle Untersuchung an: Fast jede fünfte der 170 befragten Frauen, die wegen Angst- oder Depressionssymptomen ambulant psychiatrische Hilfe suchten, erfüllte auch Kriterien für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung im Erwachsenenalter. Besonders auffällig ist der Anteil der „verborgenen“ ADHS-Fälle: Unter den Patientinnen mit ADHS hatten 15 zuvor keine entsprechende Diagnose. Die Studie erscheint in dem Fachjournal The International Journal of Psychiatry in Medicine und betont damit eindrücklich, wie stark sich ADHS-Symptome mit depressiven und angstbezogenen Beschwerden überlagern können.

Grundlage ist die klinische Unterscheidung nach typischen ADHS-Merkmalen: ADHS gilt als neuroentwicklungsbezogene Störung, bei der vor allem Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität eine Rolle spielen. In der Kindheit können hyperaktive Eigenschaften eher nachlassen, während Aufmerksamkeitsprobleme häufig bestehen bleiben. Historisch wurden Diagnosen in der Praxis deutlich häufiger bei Jungen bzw. Männern gestellt; in vielen klinischen Umfeldern liegt das Verhältnis der Diagnosen grob bei „etwa zehn zu eins“ zugunsten von Männern. Populationsdaten zeigen jedoch eine deutlich kleinere Lücke. Die Autoren verweisen damit auf einen zentralen Mechanismus: Bei Frauen treten ADHS-bezogene Schwierigkeiten oft subtiler und stärker „internalisiert“ auf, etwa als emotionale Sensibilität oder innere Rastlosigkeit. Dadurch können Probleme, die ursprünglich aus exekutiver Dysfunktion oder anhaltender Unaufmerksamkeit stammen, im Alltag und in der Versorgung leichter als reine Stimmungs- oder Angststörung gelesen werden.

Um diesen Verdacht systematisch zu prüfen, rekrutierten die Psychiaterinnen Hazal Yavuzlar Civan und Tonguc Demir Berkol vom Bakirkoy Prof. Dr. Mazhar Osman Training and Research Hospital für Psychiatrie, Neurologie und Neurochirurgie in Istanbul 170 Patientinnen aus ambulanten psychiatrischen Einrichtungen. Zuerst bearbeiteten die Teilnehmerinnen standardisierte Fragebögen, darunter der Beck Depression Inventory und der Beck Anxiety Inventory, um das Ausmaß depressiver bzw. ängstlicher Symptome zu erfassen. Wer über den jeweiligen Grenzwerten lag, erhielt im nächsten Schritt mehrere zusätzliche Instrumente: Die Wender Utah Rating Scale erfasst ADHS-Traits aus der Kindheit, ein separates Screening-Tool zielt auf ADHS-Symptome bei Erwachsenen, und die Hyperfocus Scale misst das Ausmaß von Hyperfokus. Anschließend führte ein ausgebildeter Psychiater pro Patientin ein strukturiertes klinisches Interview, und die Diagnosen wurden nach gängigen psychiatrischen Leitlinien abgeleitet.

Die Interview-Ergebnisse zeigen eine klare Zweiteilung: 33 von 170 Frauen erfüllten die Kriterien für ADHS, wobei 15 davon erstmals betroffen waren. Besonders häufig trat ADHS bei Frauen mit sozialer Angststörung auf; außerdem betraf es eine Untergruppe, die unter dem Konzept „double depression“ fiel. Double depression beschreibt das Zusammentreffen einer schweren depressiven Episode mit einer chronisch bestehenden, langjährigen Niedergeschlagenheit als „Baseline“. Interessant ist auch, dass die Lebensverläufe der Patientinnen mit ADHS sich von denen ohne ADHS unterschieden: Es gab mehr Disziplinprobleme in der Schule, häufiger wechselnde Jobs und einen höheren Anteil von Familienmitgliedern mit ADHS. Bei früheren Suizidversuchen zeigten sich zwar keine statistisch signifikanten Unterschiede, doch im Vergleich berichteten die ADHS-Fälle stärkere aktuelle suizidale Gedanken sowie Gefühle von Misserfolg. Für die Praxis ist das vor allem deshalb relevant, weil die Stärke dieser aktuellen Belastung nicht automatisch aus der „depressiven“ Oberfläche abgeleitet werden kann, sondern möglicherweise auch aus einem anderen Krankheitskern heraus entsteht.

Beim Vergleich einzelner Depressionssymptome traten außerdem unterschiedliche Muster zutage. Die Gruppe ohne ADHS zeigte mehr Sorgen um die körperliche Gesundheit und häufiger Veränderungen im Schlafverhalten. Die Autorinnen und Autoren interpretieren dies als Ausdruck einer stärker somatisch geprägten Aufmerksamkeit, wie sie bei Angst und Depression vorkommen kann: Der Fokus richtet sich dabei verstärkt auf Körperwahrnehmungen. Umgekehrt führen sie als mögliche Erklärung für die ADHS-Gruppe das Konzept der beeinträchtigten Interozeption an. Gemeint ist damit eine reduzierte Fähigkeit, innere körperliche Zustände verlässlich wahrzunehmen und zu benennen. Wenn diese „Innensignale“ weniger deutlich registriert werden, verändert sich auch, wie oft körperbezogene Beschwerden oder Schlafprobleme in Berichten sichtbar werden. In einem weiteren Schritt ordnen die Forschenden die Verbindung zwischen ADHS und sozialer Angststörung ein: Exekutive Schwierigkeiten könnten Planung, Organisation und das Interpretieren sozialer Signale beeinträchtigen. Wiederholte zwischenmenschliche Fehlanpassungen lassen dann eher Schamgefühle entstehen und verstärken die Angst vor negativer Bewertung.

Die Studie nimmt schließlich Hyperfokus als klinisch relevantes Detail in den Blick. Hyperfokus wird als wiederkehrende Phase intensiver, teils langanhaltender Konzentration auf bestimmte Aufgaben beschrieben, während anderes im Umfeld zeitweise ausgeblendet wird. Obwohl Hyperfokus kein formales Diagnostikum ist, ist das Phänomen in der Praxis gut bekannt und kann den Alltag stark beeinflussen. Entscheidend ist das Ergebnis: Die Hyperfokus-Scores waren bei Frauen mit ADHS deutlich höher als bei den übrigen Patientinnen. Gleichzeitig zeigte sich kein direktes „Mitlaufen“ der Hyperfokus-Schwere mit dem Ausmaß depressiver oder ängstlicher Symptomintensität. Genau hier leitet die Studie eine plausible Konsequenz ab: Hyperfokus könnte je nach Diagnose unterschiedliche Rollen spielen – als Coping-Mechanismus im Rahmen von ADHS, während er bei affektiven Störungen eher eine Fehlanpassung darstellen kann. Damit wird das klinische Ziel nicht kleiner, sondern präziser: Überlappende Symptome reichen als alleinige Erklärung nicht aus; die zugrunde liegenden Ursachen müssen differenziert werden, wozu eine sorgfältige Entwicklungsanamnese gehört.

Aus methodischer Sicht muss man die Grenzen der Aussagekraft mitdenken. Das Studiendesign ist „querschnittartig“: Fragebögen und Interviews wurden zu einem Zeitpunkt erhoben, wodurch sich nicht sicher rekonstruieren lässt, ob ADHS-Symptome zuerst da waren oder ob depressive bzw. ängstliche Beschwerden die Aufmerksamkeit später stärker beeinflusst haben. Zudem betrifft das Sample ausschließlich Frauen in ambulanter psychiatrischer Behandlung; bei Männern, bei Menschen ohne Therapiebedarf oder in stationären Kontexten könnten Häufigkeiten und Symptomprofile anders aussehen. Für Unternehmen, die etwa in der Gesundheitsberatung, in der betrieblichen psychischen Gesundheitsförderung oder in der klinischen Weiterbildung mitwirken, bedeutet das dennoch eine handfeste Orientierung: Screening- und Diagnosepfade sollten die Möglichkeit von ADHS bei passenden Präsentationen systematischer berücksichtigen, statt Konzentrationsprobleme reflexartig nur der Stimmungslage zuzuordnen. Künftige Forschung, so die Autoren, sollte Patientinnen und Patienten über längere Zeiträume begleiten und dabei auch biologische Marker oder breitere Bevölkerungsstichproben einbeziehen, um die Dynamik der Überlappung über die Lebensspanne besser zu klären.

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