LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie verknüpft exklusives Stillen in den ersten sechs Lebensmonaten mit weniger ADHS-Symptomen im Kindesalter. Die Analyse berücksichtigt dabei auch das genetische Risiko der Kinder über Polygenic Risk Scores. Selbst innerhalb von Geschwisterpaaren zeigte das Kind mit längerer exklusiver Stilldauer tendenziell niedrigere Symptomwerte. Gleichzeitig bleiben die Effekte insgesamt klein und die Daten basieren auf Elternangaben statt ärztlicher Diagnostik.

Stillen sechs Monate exklusiv senkt laut Studie das frühe ADHS-Symptomniveau
Stillen sechs Monate exklusiv senkt laut Studie das frühe ADHS-Symptomniveau (Foto: IT BOLTWISE)
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Exklusives Stillen ist seit Jahren ein Kernpunkt in der öffentlichen Gesundheitskommunikation, doch die neue Studie liefert nun eine konkretere Verknüpfung zu einem sehr konkreten Entwicklungsziel: dem Symptomniveau für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) im frühen Kindesalter. Im Zentrum steht die Beobachtung, dass Babys, die in den ersten sechs Lebensmonaten ausschließlich mit Muttermilch versorgt wurden, später im Durchschnitt weniger Symptome von Hyperaktivität, Impulsivität und Inattention zeigten. Die Ergebnisse wurden in Biological Psychiatry veröffentlicht. Entscheidend ist dabei weniger die Frage, ob Stillen überhaupt „gut“ ist, sondern ob sich ein solcher Effekt von typischen Familienunterschieden trennen lässt.

ADHS gilt als Störung, deren Merkmale auf einem breiten Spektrum in der Bevölkerung liegen; klinische Diagnosen werden demnach bei denjenigen vergeben, die besonders ausgeprägte Symptome haben. Der genetische Einfluss ist in großen Zwillings- und Familiendatenlagen deutlich sichtbar, gleichzeitig existiert aber auch ein Umweltanteil durch Erfahrungen vor und nach der Geburt, der die Gehirnentwicklung mitprägt. Genau in diesem Zusammenspiel liegt die methodische Herausforderung: Stillt eine Mutter länger exklusiv, unterscheiden sich Familien häufig auch in Bildung, Gesundheitsverhalten oder Belastungen im Alltag. Außerdem könnten Eltern selbst stärkere ADHS-bezogene Merkmale aufweisen und vererben dann sowohl Risikofaktoren als auch ein vergleichbares häusliches Umfeld. Die Studie musste daher besonders sauber prüfen, ob Stillen nicht nur mit anderen Faktoren korreliert, sondern eigenständig mit der Symptomentwicklung zusammenhängt.

Als Vergleichsmaßstab nutzten die Forschenden die Definition der Weltgesundheitsorganisation: „exklusives Stillen“ bedeutet in der ersten Phase keine festen Nahrungsmittel, keine kommerzielle Säuglingsnahrung und sogar kein zusätzliches Wasser. Der Datensatz stammte aus einer großen Kohorte mit tausenden norwegischen Familien und folgte die Teilnehmenden vom Zeitpunkt der Schwangerschaft bis ins Kindesalter. Die erste Auswertung umfasste 37.643 Kinder, geboren zwischen 1999 und 2009; als die Babys sechs Monate alt waren, gaben die Mütter per Fragebogen Auskunft über die Stillpraxis. Parallel dazu wurde später das Symptomprofil über Fragebögen zu drei Zeitpunkten erhoben: im Alter von drei, fünf und acht Jahren. Um genetische Unterschiede einzuordnen, berechneten die Wissenschaftler zudem für die Kinder einen Polygenic Risk Score für ADHS. Diese Kennzahl verdichtet viele kleine DNA-Variationen zu einem einzigen Risikoindikator. Ergebnis: Jeder zusätzliche Monat exklusiven Stillens war mit einer messbaren Abnahme der ADHS-Symptome an allen drei Erhebungszeitpunkten verbunden.

Die Studie blieb damit aber nicht bei der „klassischen“ Modellierung. In einer zweiten Analyse betrachteten die Forschenden ein Teilkollektiv von 18.349 Mutter-Vater-Kind-Einheiten und führten Polygenic Risk Scores sowohl für das Kind als auch für beide Eltern in die Modelle ein. Zusätzlich flossen weitere erklärende Faktoren ein, die in realen Familienstrukturen stark variieren können: das Bildungsniveau der Mutter, das Alter der Eltern bei der Geburt, das Geburtsgewicht des Kindes sowie die Jahreszeit der Geburt. Dadurch wurde die statistische Sicht auf den Zusammenhang enger, weil sowohl sozioökonomische als auch perinatale Unterschiede kontrolliert wurden. Selbst unter diesen Bedingungen blieb die Assoziation stabil: Länger ausschließlich gestillte Säuglinge zeigten weiterhin niedrigere Symptomwerte, während kürzere Dauer bzw. Mischformen mit teilweise statt exklusivem Stillen mit höheren Werten einhergingen. Der Effekt wurde im Alter von acht Jahren zwar etwas kleiner, blieb in den Daten aber weiterhin sichtbar.

Besonders stark wird die argumentativ wichtige Trennung von „Stillen“ und „Familienfaktoren“ durch den dritten Ansatz. Hier verglichen die Autorinnen und Autoren 8.209 Geschwisterpaare innerhalb des Datensatzes. Weil Geschwister in vielen Umweltfaktoren und im häuslichen Alltag von derselben Mutter aufwachsen, lassen sich Einflüsse reduzieren, die zwischen verschiedenen Familien ansonsten schwer greifbar wären. In über 5.000 dieser Paare stillte die Mutter ein Kind exklusiv über eine längere Dauer als das andere. In dieser Geschwisterbetrachtung zeigte sich ein ähnliches Muster wie in der Hauptanalyse: Das Kind mit längerer exklusiver Stilldauer wies tendenziell weniger ADHS-Symptome auf. Als die Effekte jedoch nach Geschlecht getrennt analysiert wurden, wurden sie abgeschwächt; das legt nahe, dass die zugrunde liegenden Mechanismen nicht identisch stark wirken oder dass die statistische Aussagekraft in den Teilgruppen geringer ist.

Gleichzeitig dämpft die Studie selbst die Erwartungshaltung: Individuell betrachtet seien die beobachteten Reduktionen klein. Das ist für die Praxis wichtig, weil „klein“ in epidemiologischen Studien oft bedeutet, dass sich die Veränderung nur auf Populationsebene zu einem spürbaren Unterschied summiert, aber nicht zwangsläufig in jedem Einzelfall in klinisch messbare Unterschiede übersetzt. Hinzu kommt eine methodische Grenze, die bei Elternfragebögen regelmäßig relevant ist: Die Symptome wurden anhand berichteter Verhaltensmuster erfasst, nicht über formal diagnostische Untersuchungen durch Ärztinnen oder Ärzte. Außerdem ist die Kohorte freiwillig und damit anfällig für Verlust über die Jahre; zwar wurden statistische Verfahren gegen fehlende Daten eingesetzt, dennoch bleibt die Möglichkeit von Selbstselektionsverzerrungen in großen Gesundheitsregistern. Die Studie ist zudem rein beobachtend, also ohne kontrollierte Zuteilung von Stillinterventionen, sodass unerkannte Variablen nicht vollständig ausgeschlossen werden können.

Warum könnte Muttermilch trotz dieser Unsicherheiten überhaupt einen Einfluss haben? Die Autorinnen und Autoren diskutieren mehrere biologisch plausible Pfade. In der Milch ist unter anderem Tryptophan enthalten, eine Aminosäure, die im Darm die Regulation chemischer Signalwege zwischen Verdauungssystem und zentralem Nervensystem beeinflussen kann. Daneben enthält Muttermilch komplexe Kohlenhydrate, die das Wachstum bestimmter nützlicher Darmbakterien unterstützen; in Tiermodellen wurden Zusammenhänge mit verbesserten Leistungen im Bereich Gedächtnis und Aufmerksamkeit gezeigt. Auch das Stillen selbst könnte über den erforderlichen Haut-zu-Haut-Kontakt die Bindungssicherheit und die spätere emotionale Regulation beeinflussen. Für die KI- und Datengetriebenen Bereiche ist das zugleich ein Beispiel dafür, wie Epidemiologie heute genetische Risiken (über Polygenic Risk Scores) mit Familienvergleichen (über Geschwisterdesigns) kombiniert, um Kausalität zumindest näherungsweise zu adressieren.

Für Entscheiderinnen und Entscheider in Unternehmen, die Gesundheitsprävention, Employer-Health-Programme oder die Ausgestaltung von Familienleistungen betreiben, ergibt sich daraus kein „Treat-and-Forget“-Takeaway, aber eine klare Richtung für evidenzbasierte Unterstützung: Exklusives Stillen wird hier nicht als isolierte Lebensstilentscheidung betrachtet, sondern als Bestandteil eines Entwicklungsumfelds, das in großen Datensätzen mit messbaren Unterschieden in ADHS-nahen Symptomen verknüpft ist. Gleichzeitig sollte man die Botschaft sauber kommunizieren: Die Studie zeigt eine Assoziation, keinen unmittelbaren Beweis für die Ursache jedes einzelnen Kindverhaltens. Genau deshalb ist die nächste Forschungsrunde entscheidend – sie muss die Mechanismen genauer testen und prüfen, wie stark sich die Effekte in unterschiedlichen Populationen tatsächlich reproduzieren lassen.


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