LONDON (IT BOLTWISE) – Sicherheitsforscher beschreiben eine mehrstufige Malware-Kette, die speziell eine Windows-10-Variante für Behörden in Asien angreift. Im Zentrum steht das.NET-Ladeframework NetamLoader, das über AppDomainManager-Injection Code in legitimen Prozessen platziert. Die Infektion startet über ein CAB-Archiv, das Patch-My-PC-Komponenten als Köder nutzt, und springt anschließend über verschachtelte XAML- und JSON-Payloads in eine C2-gestützte Ausführung. Offen bleibt, ob weitere Systeme kompromittiert wurden und ob dabei sensible Daten abgegriffen wurden.

Die Beschreibung wirkt wie ein Lehrbeispiel dafür, wie modern Malware heute in Unternehmens- und Behördenumgebungen „unauffällig“ auftreten soll: Statt einen einzelnen Exploit auszunutzen, bauen die Angreifer eine Kette aus Lade- und Entschlüsselungsschritten, die sich eng an die Mechanismen des.NET-Frameworks anlehnt. NetamLoader, so der von Sicherheitsforschern genannte Name des.NET-Assembly-Loading-Frameworks, zielt laut den vorliegenden Details auf eine speziell angepasste Windows-10-Installation für Regierungsstellen in Asien. Der Angriff wurde in der ersten Hälfte 2026 als Artefakt nachgewiesen, aber es gibt nach wie vor keine Zuschreibung zu einem bekannten Threat Actor oder einer bekannten Gruppe.
Technisch startet die Verteilung offenbar über ein Windows-CAB-Archiv, das in einen Ordner kopiert wird, der normalerweise für Windows-Update-Pakete genutzt wird. Konkret wird der CAB-Dateipfad mit C: \Windows\SoftwareDistribution\Download\e4537a1762fcafd2fd96bfc825bad34f9db9a24 angegeben; anschließend werden die Inhalte in C: \Windows\SoftwareDistribution\Download\Install\ entpackt. Dieses Detail ist mehr als nur ein Fundort: Die Nähe zu typischen Systempfaden soll die Sichtbarkeit reduzieren, weil viele Sicherheitsroutinen gerade diese Bereiche als „normal“ behandeln. Im Archiv finden sich sieben Dateien, darunter mehrere legitime Komponenten, die mit Patch-My-PC in Verbindung stehen, während nur eine zentrale Konfigurationsdatei den Einstieg in die eigentliche Manipulation liefert.
Der Kerntrick liegt in der Art, wie eine schadhafte.NET-Baugruppe in einen laufenden, legitimen Prozess eingebunden wird. Das Vorgehen nutzt eine .config-Datei, die AppDomainManager-Injection anstößt: Dabei wird die AppDomainManager-Mechanik des.NET Frameworks beim Start einer.NET-Anwendung „umgelenkt“, sodass beim Initialisieren der Application Domain beliebiger Code ausgeführt werden kann. Das Ergebnis wird in der Praxis als funktionales Gegenstück zum bekannten DLL-Sideloading beschrieben: Auch hier läuft die bösartige Logik im Kontext eines legitimen Programms, wodurch sich Spuren und Heuristiken oft weniger eindeutig gestalten. In der ersten Stufe dient „PatchMyPC-ScriptRunner.exe“ als Startpunkt, der dann die.config ausliest und über den beschriebenen AppDomainManager-Mechanismus weitere Assemblys triggert.
Von dort aus entkoppelt sich der Angriff in zwei klar getrennte Phasen, die stark auf „Defense-in-Depth“ innerhalb der eigenen Payload-Struktur setzen. In Stufe 1 wird zunächst Microsoft.HostIntegration.Connectors.dll über die Konfigurationskette geladen; diese findet wiederum „fabric.config“ im gleichen Verzeichnis und verarbeitet sie, um verschachtelte Inhalte aus Resources.resx zu extrahieren. Letzteres enthält laut Analyse mehrere Ebenen aus kodierten, komprimierten oder verschlüsselten Daten, darunter XAML-Dateien, .NET-Assemblies und JSON-Strukturen. Diese Komponenten sind nicht zufällig gewählt: XAML-1 fungiert als Loader für eine eingebettete zweite Stufe, während XAML-2 die eigentliche Transition vorbereitet, unter anderem mit einem Schritt, der Antimalware Scan Interface (AMSI) umgehen soll.
In Stufe 2 wird die Ausführung dann stärker in Richtung Command-and-Control (C2) gesteuert, ohne dass der Payload-Standort „hart“ im System verankert sein muss. XAML-2-2 enthält zwei Teile, darunter einen.NET-Loader (als „.NET 1 Loader“ beschrieben) und ein JSON-Paket (JSON-1). JSON-1 trägt dabei die C2-Konfiguration (JSON-1-c) und liefert außerdem eine Base64-kodierte Datei, die als.NET 2 Plugin bezeichnet wird, sowie komprimierte, verschlüsselte XAML-Templates für die nächsten Schritte. Der.NET-1-Loader übergibt dann das Entschlüsseln, Zusammenbauen und Laden an XAML-3, das im Kontext von „dllhost.exe“ läuft. Damit verschiebt sich das „Suspicious“-Profil weg vom offensichtlichen Einstieg und hin zu einem Prozess, der in Windows-Umgebungen ohnehin häufig vorkommt.
Das.NET 2 Plugin übernimmt anschließend die operative Kontrolle: Es liest die C2-Konfiguration, sammelt Systeminformationen aus der Windows-Registry, prüft, ob der Wirtsprozess „dllhost.exe“ ist, und wartet vor der ersten Anfrage eine zufällige Verzögerung von 20 bis 40 Minuten. Danach startet es eine Polling-Schleife mit einem komplexen Taktbild: Bei gültigen Antworten pausiert es für 5 bis 6 Minuten, andernfalls wartet es deutlich länger (22 bis 28 Stunden) und prüft dabei in 10-Minuten-Intervallen, ob die Zeitspanne abgelaufen ist. Als C2-Adresse wird dabei eine Domain genannt, und der Ablauf ist so gestaltet, dass er sowohl bei aktiven als auch bei „lauernden“ Phasen möglichst wenig gleichförmige Muster erzeugt. Zusätzlich nennt die Analyse Mechanismen zum Löschen extrahierter Dateien aus dem CAB, zur Bereinigung von CLR-Nutzungslogs und sogar zum Entfernen von Windows Prefetch-Cache-Dateien, um Spuren zu verwischen.
Auch wenn Kaspersky in den vorliegenden Informationen nur von einem einzelnen Opfer in Asien spricht, bleibt die Zielausrichtung klar: NetamLoader ist auf einen Windows-10-Build zugeschnitten, der „regierungsspezifisch“ verwendet wird. Das angegriffene Land wird nicht benannt, als wahrscheinlich gilt jedoch China, weil Microsoft eine „Windows 10 China Government Edition“ anbietet, die speziell für chinesische Regierungs- und staatliche Stellen gedacht ist. Der politische Kontext passt dazu: Anfang August berichteten Medien, dass chinesische Behörden dazu angehalten wurden, die „Government Edition“ zugunsten chinesischer Linux-Distributionen zu reduzieren, mit Verweis auf Datensicherheitsbedenken. In diesem Umfeld wirkt eine Malware-Kette, die sich ausgerechnet auf eine staatliche OS-Variante konzentriert, besonders unbequem für IT-Entscheider.
Für die Branche ist der Fall vor allem als Signal relevant, dass sich Angriffe zunehmend an die internen Programmierschnittstellen und Initialisierungsmechanismen moderner Plattformen heften. Die Kombination aus AppDomainManager-Injection, mehrstufigen XAML- und JSON-Payloads sowie Taktung über lange Wartefenster zeigt, dass hier nicht nur „Exploit-Know-how“, sondern auch umfangreiche Entwicklungsarbeit in Richtung modularer Payload-Architektur steckt. Gleichzeitig stellt sich die Frage nach den Konsequenzen für Abwehrteams: Wenn Legitimitätsanker wie Patch-My-PC-Dateien und Windows-typische Pfade genutzt werden, reichen klassische Blacklists und einfache Signaturen oft nicht aus. Stattdessen wird die Erkennung stärker an Verhaltensindikatoren und an der Konsistenz von Prozess-, .NET- und Verzeichnisaktivitäten festgemacht werden müssen – gerade in Umgebungen, in denen der OS-Stack ohnehin „besonders“ vorkonfiguriert ist.
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