LONDON (IT BOLTWISE) – Nach dem bislang größten bekannten Binance-Hack erleben US-Spot-Bitcoin-ETFs den größten Abfluss des Oktobers: 643,2 Mio. US-Dollar an einem Tag. In derselben ersten vollen Sitzung nach dem Diebstahl rutschen die Ethereum-ETFs weiter in eine mehrtägige Abflussserie, während Solana-ETFs ebenfalls an Wert verlieren. Der Kurs von Bitcoin stabilisiert sich zwar zeitweise bei rund 77.520 US-Dollar, doch die Mittelzuflüsse signalisieren deutlich vorsichtigere Anlegerstimmung.

Der Binance-Hack wirkt nach, nicht nur auf die Kryptokurse, sondern auch auf das Verhalten von ETF-Investoren. In der ersten vollständigen Handelsperiode nach dem Vorfall verzeichnen US-Spot-Bitcoin-ETFs laut einem öffentlich geführten ETF-Tracker einen Abfluss von 643,2 Millionen US-Dollar am Freitag. Das ist gleichzeitig der größte Tagesabfluss im Oktober. Für die Marktteilnehmer ist das bemerkenswert, weil der Einbruch zunächst vergleichsweise „geordnet“ wirkte: Bitcoin fiel zwar rund 4 %, gewann aber bis Samstag wieder etwas Boden und pendelte nahe 77.520 US-Dollar.
Technisch betrachtet liegen zwischen Krypto-Börsenhacks und ETF-Flows zwar mehrere Vermittlungsschichten, die Logik dahinter ist jedoch plausibel: Spot-ETFs bilden die zugrunde liegenden Vermögenswerte direkt ab und werden wie normale Wertpapiere an der Börse gehandelt. Anleger können deshalb in kurzer Zeit über Broker handeln, ohne selbst Wallets, Börsenkonten oder Wallet-Sicherheiten managen zu müssen. Genau dadurch fungieren Ab- und Zuflüsse als schnelle Stimmungsbarometer: Wenn ein Security-Event wie der Diebstahl von rund 6,4 Milliarden US-Dollar die wahrgenommene Vertrauensbasis erschüttert, spiegeln sich risk-off-Entscheidungen zügig in den Nettoflüssen wider.
Die Zahlen zeigen allerdings, dass nicht alle Produkte gleich stark getroffen werden. Bitcoin-ETFs hatten vor dem Hack noch einen Zustrom von insgesamt 441 Millionen US-Dollar über vier Handelstage aufgebaut; der Verkaufstag „löscht“ diese Aufbauphase nahezu vollständig. Auf Wochenbasis stehen die Mittel damit bei rund 202 Millionen US-Dollar im Minus, für den Oktober wird ein Rückgang von etwa 516 Millionen US-Dollar genannt. Ethereum-ETFs verlieren im Vergleich zu ihrer Größe sogar spürbar stärker: 155,7 Millionen US-Dollar Abfluss am Freitag, womit die Serie auf etwa 431 Millionen US-Dollar über fünf Tage anwächst; für Oktober summieren sich die Verluste auf ungefähr 1,61 Milliarden US-Dollar. Solana-ETFs bleiben zwar kleiner, verzeichnen aber ebenfalls einen Abbau: 10,8 Millionen US-Dollar am Freitag und rund 72 Millionen US-Dollar über die Woche, bei fünf weiteren Verlusttagen.
Auch das Geschehen rund um die Stabilität im Krypto-Ökosystem war ein wesentlicher Verstärker für die Risikoabwägung. Berichten zufolge will die betroffene Börse Verluste mit eigenen Mitteln und einem Notfall-Reservepolster ausgleichen. Gleichzeitig wurden nach dem Hack mehr als 2,3 Milliarden US-Dollar an gestohlenen Stablecoins eingefroren. Solche Maßnahmen können Marktpanik zwar dämpfen, beseitigen aber nicht automatisch das Misstrauen in Bezug auf Risikoexponierung und Gegenparteien. Bemerkenswert ist deshalb, dass der erste Kursschock nicht in gleicher Intensität blieb, die ETF-Flow-Reaktion aber klar negativ ausfiel.
Parallel dazu spielen Makro-Faktoren weiterhin in die Preisbildung hinein. Der US-Notenbankzins wurde zuletzt in einer Spanne von 3,75 % bis 4 % gehalten, doch zwei Entscheidungsträger sollen für eine Anhebung gestimmt haben. Entsprechend lagen die Markterwartungen für eine Zinserhöhung im Dezember zeitweise bei über 70 %. In so einem Umfeld steigt für Anleger oft die Hürde, riskantere Assets zu halten – selbst wenn kurzfristige Liquidationen wie die über 1,3 Milliarden US-Dollar an liquidierten gehebelten Positionen nach einem Kursrutsch schnell „abklingen“.
Für die weitere Einordnung ist zudem wichtig, wie die Stimmung in den Märkten für „Erwartungen“ stattfindet. In einem von einer Kryptoplattform betriebenen Prognosemarkt kippten Händlerbewertungen für Ethereum und Solana deutlich nach unten: Für Ethereum stieg die Wahrscheinlichkeit, dass der Kurs zunächst auf 1.500 US-Dollar fällt, auf 51,3 %, während die Chance für einen Anstieg auf 3.000 US-Dollar entsprechend abnahm. Bei Solana wuchs die Wahrscheinlichkeit, auf 40 US-Dollar zu sinken, auf 53,7 %; gleichzeitig verschiebt sich die Gegenwahrscheinlichkeit. Zusammengenommen ergibt sich damit ein konsistentes Bild: Nicht nur der Kurs, auch die Finanzierung über Börsenprodukte wie ETFs und die Erwartungshaltung in derivativen Prognosemechanismen wurden nach dem Hack vorsichtiger.
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