LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Studie ordnet Persönlichkeitsmuster von Reality-Dating-Teilnehmenden einem klaren Profil zu. Besonders grandiose narzisstische Züge, eine stärkere Bindung des Selbstwerts an das Aussehen und geringere Angst vor romantischer Zurückweisung erhöhen die Wahrscheinlichkeit, im TV-Format aufzutauchen. Insgesamt deuten die Daten darauf hin, dass das Setting weniger zu Menschen mit ausgeprägter Verletzlichkeit und Kritikempfindlichkeit passt. Zugleich berichten die meisten Teilnehmenden nach der Ausstrahlung von keinen anhaltenden psychologischen Veränderungen.

Reality-Dating im Fernsehen wirkt auf den ersten Blick wie eine Abfolge von Flirts, Dates und spontanen Offenbarungen. Hinter der Kamera steckt jedoch ein dauerhaft beobachtbares und zugleich wettbewerbsorientiertes Umfeld: Teilnehmende suchen dort öffentlich nach einem romantischen Gegenüber, müssen Unsicherheit aushalten und werden dabei nach sozialen Normen bewertet. Genau an dieser Schnittstelle setzt die aktuelle Untersuchung an, die psychologische Profile von Teilnehmenden solcher Formate mit einer Kontrollgruppe vergleicht. Die Ergebnisse wurden in Psychology of Popular Media veröffentlicht und liefern damit eine datenbasierte Perspektive auf das „Wer nimmt teil?“ statt nur auf das „Wie wirkt das Format?“
Das Forschungsteam um Leonie Schlebusch, Florian Hutzler und Sarah Schuster hat dafür drei psychologische Bausteine zusammengeführt: Narzissmus, Bindungsstile und die Art, wie Menschen ihren Selbstwert stabilisieren. Bei Narzissmus wird dabei zwischen grandiosem und vulnerablen Narzissmus unterschieden. Grandiose Ausprägungen gehen mit Selbstsicherheit, Dominanzstreben, durchsetzungsfähiger Kommunikation und einem ausgeprägten Wunsch nach Bewunderung einher. Vulnerabler Narzissmus zeigt zwar ebenfalls Selbstbezug, aber emotional anders: Er ist mit erhöhter Sensibilität, sozialer Unsicherheit und anhaltenden Selbstzweifeln verbunden. Diese Differenz ist in der Studie deshalb zentral, weil ein Format mit hoher Sichtbarkeit vermutlich nicht für alle Formen von Selbstwertregulation gleich attraktiv ist.
Im nächsten Schritt nutzt die Arbeit die Bindungstheorie, um zu erklären, wie Menschen mit Nähe umgehen und wie sie auf mögliche Zurückweisung reagieren. Menschen mit hoher Bindungsangst befürchten demnach eher, abgelehnt zu werden, machen sich Sorgen um die Gefühle des Partners und suchen häufig nach Sicherheit. Dagegen fällt Personen mit hoher Bindungsvermeidung emotionale Nähe schwerer; sie bevorzugen Distanz und reagieren sensibler auf Situationen, die sie zu stark in Beziehungssituationen „hineinziehen“. Als drittes Konzept messen die Forschenden den sogenannten konditionalen Selbstwert: also jene Lebensbereiche, aus denen eine Person besonders viel Selbstwert ableitet. Während manche ihren Wert eher aus inneren Kriterien wie Kompetenz oder familiärer Unterstützung gewinnen, koppeln andere ihr Selbstbild stark an äußere Faktoren – etwa das Erscheinungsbild, die Bestätigung durch andere oder das Abschneiden in Wettbewerben.
Für die empirische Auswertung nahmen die Forschenden 129 Personen über Online-Fragebögen auf. Von ihnen hatten 58 bereits zwischen 2017 und 2024 mindestens einmal an einem Reality-Dating-Programm teilgenommen; 71 Personen bildeten die Kontrollgruppe ohne solche Erfahrung. Die TV-Gruppe lag im Mittel bei rund 32 Jahren, die Vergleichspopulation bei etwa 27 Jahren. Um Teilnehmende für die TV-Gruppe zu rekrutieren, wurden unter anderem Flyer bei Events verteilt, die mit Dating-Programmen im Raum Salzburg, München und Köln in Verbindung standen. Die Teilnehmenden beantworteten standardisierte Items zu grandiosem und vulnerablem Narzissmus, zu Bindungsangst und -vermeidung sowie zu den Faktoren, auf die sie ihren Selbstwert stützen. Anschließend verglichen statistische Modelle die Gruppen; dabei wurden demografische Unterschiede wie Alter und Bildungsniveau kontrolliert, um die Effekte der psychologischen Merkmale „isolierter“ zu betrachten.
Die statistische Analyse zeigt ein klares Muster: Hohe Werte im grandiosen Narzissmus standen in einem starken Zusammenhang mit der Wahrscheinlichkeit, in der Dating-Programm-Gruppe zu landen. Für jede standardisierte Zunahme in grandiosem Narzissmus stieg die Wahrscheinlichkeit laut Ergebnisdarstellung deutlich – mehr als eine Verdopplung gegenüber dem jeweiligen Ausgangspunkt. Vulnerabler Narzissmus erwies sich hingegen nicht als statistisch signifikanter Prädiktor für eine Teilnahme. Das lässt sich, so die Interpretation der Autorinnen und Autoren, auch psychologisch plausibel lesen: Vulnerable Ausprägungen gehen mit Selbstzweifeln und Kritikempfindlichkeit einher, und genau in einem öffentlich kommentierten TV-Umfeld könnte das als weniger attraktiv erlebt werden. Grandiose Merkmale dagegen werden mit größerer emotionaler Unabhängigkeit und einer Tendenz zur Selbstinszenierung verbunden – Eigenschaften, die besser zu dem Setting passen.
Auch beim Bindungsstil fand die Studie Differenzen, die über das reine Narzissmus-Bild hinausgehen: Teilnehmende aus den Dating-Formaten wiesen im Vergleich zur Kontrollgruppe niedrigere Werte bei Bindungsangst auf. Wer weniger Angst vor romantischer Zurückweisung verspürt, gehe demnach eher darauf ein, sich in einer Umgebung zu engagieren, die emotionale Ungewissheit erzeugt und gleichzeitig Sichtbarkeit erzwingt. Beim Selbstwert zeigte sich zudem die stärkste praktische Verknüpfung mit dem Charakter des Mediums: Wer den Selbstwert besonders stark an das eigene Aussehen knüpft, war deutlich wahrscheinlicher in der TV-Gruppe vertreten. Andere externe Selbstwertquellen – etwa der Fokus auf Anerkennung durch andere oder das Abschneiden in Konkurrenzsituationen – lieferten dagegen keine verlässlichen Unterschiede, nachdem die Forschenden Alter und Bildung berücksichtigt hatten.
Ergänzend gab es offene Nachfragen ausschließlich für die Dating-Programm-Teilnehmenden. Dort wurden häufig Motive genannt, die weniger als „klassisches Beziehungsziel“ beschrieben wurden, sondern eher als Abenteuer, Spaß und auch als Social-Media-Sichtbarkeit. Viele sahen Liebe eher als möglichen Nebeneffekt an, während andere die Reichweiten- oder Abenteuerlogik deutlich in den Vordergrund stellten. Auf die Frage, ob das Auftreten im Fernsehen das eigene Selbstbild nachhaltig veränderte, berichtete die Mehrheit von keinen langfristigen Effekten; einige beschrieben eher Zuwächse an Selbstvertrauen oder eine reifere emotionale Wahrnehmung. Wenige Teilnehmende berichteten dagegen negative Auswirkungen auf ihren Selbstwert, die sie auf öffentliche Kritik zurückführten.
Gleichzeitig schränkt die Studie die Aussagekraft ein: Die Stichprobe ist mit 129 Personen vergleichsweise klein, und die Kontrollgruppe unterschied sich demografisch von der TV-Gruppe, etwa hinsichtlich Alter, Bildungsniveau und der Wahrscheinlichkeit, Studierende zu sein. Zwar wurden diese Unterschiede statistisch berücksichtigt, dennoch könnten Lebensphase und soziales Umfeld einen restlichen Einfluss behalten. Zusätzlich bemerken die Autorinnen und Autoren selbst, dass das Messinstrument zur Erfassung vulnerablen Narzissmus eine geringe interne Reliabilität aufwies. Das kann dazu führen, dass ein tatsächlicher Zusammenhang verdeckt wird. Für die Praxis heißt das weniger „Wer ist besser fürs Fernsehen geeignet?“, sondern eher: Reality-Formate ziehen bestimmte Muster von Selbstwertregulation und Umgang mit Zurückweisung besonders stark an – und beeinflussen dabei offenbar nur in einzelnen Fällen das psychische Gleichgewicht messbar.
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